"Das war ein Verbrechen"

Stadt Duisburg lockerte Sicherheitsvorschriften

Nach der Tragödie bei der Loveparade ist ein Dokument aufgetaucht, das belegt, dass die Stadt Duisburg Sicherheitsvorschriften zurücknahm. Polizei und Politik kritisieren die Verantwortlichen harsch.

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Eine Vorschrift, die die Breite der Fluchtwege definierte, ist offenbar kurz vor der Loveparade zurückgezogen worden. Bei der Massenpanik im viel zu schmalen Tunnel am Güterbahnhof Duisburg starben mindestens 19 Menschen.
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Nach dem Unglück mit 19 Toten bei der Duisburger Loveparade wurde von Behörden Einzelheiten zum Hergang genannt. Anscheinend sind kurz nach 17.00 Uhr an einem Tunnelaufgang am Veranstaltungsgelände Menschen über Absperrungen geklettert...
Das Unglück am Rande der Loveparade ereignete sich entlang eines breiten Tunnels, durch den die Teilnehmer auf das Gelände gelangten. Der Zugang zur Event-Area erfolgte ausschließlich über die offiziellen Eingänge an der Karl-Lehr- Straße.
Das Verkehrskonzept der Stadt sah vor, die Raver vom nördlich gelegenen Hauptbahnhof Duisburg in zwei Strömen - einer westlich, der zweite östlich - zum weiter südlich gelegenen Partygelände gehen zu lassen.
Bei dem Unglück waren nach Polizeiangaben neun weibliche und sechs männliche Teilnehmer des Raves getötet worden. Mehrere Verletzte wurden reanimiert.
Die späteren Opfer sind offenbar an der Tunnelwand hochgeklettert und dann abgestürzt.
An der Loveparade auf dem Gelände um den alten Duisburger Güterbahnhof hatten nach Angaben der Organisatoren über den gesamten Tag verteilt 1,4 Millionen Menschen teilgenommmen.
Der städtische Krisenstab entschied nach dem Unglück, die Loveparade nicht sofort zu beenden. Man habe gewollt, "dass diese Veranstaltung in Ruhe ausklingt" und keine Panik entsteht.
Kurz vor dem Unglück hatte die Polizei den zentralen Zugang zu dem überfüllten Gelände gesperrt und Teilnehmer aufgefordert, zum Bahnhof Duisburg zurückzugehen.
Die Beamten baten die Teilnehmer, zurück in Richtung Hauptbahnhof zu gehen. Damit mussten viele Menschen zurück in Richtung Tunnel. Fernsehbilder zeigen, dass die Teilnehmer dicht an dicht gedrängt durch die Unterführung laufen mussten.
Im Kurznachrichtendienst "Twitter" war mit Blick auf den Tunnel schon vor der Veranstaltung von einer "Falle" die Rede.
Zwischen den Brücken über die Straßen gibt es einige Lücken - womöglich brach die Panik aus, als Menschen versuchten, über eine geöffnete Treppe in diesem Bereich zu entkommen.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärte in Berlin, er sei "erschüttert und tief bestürzt". "Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Wo die Kräfte des Bundes helfen können, helfen sie."
Video: Warnungen via Twitter&Co. - Veranstaltungsgelände zu eng?
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Video: "Aus Respekt vor Opfern" - Das Aus für die Loveparade

Bei der Loveparade in Duisburg hat es offenbar deutliche Sicherheitslücken gegeben. Wie der "Spiegel" unter Berufung auf ein internes Dokument der Duisburger Stadtverwaltung berichtet, wurden die Veranstalter von der Einhaltung der vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege befreit. Zudem war das Gelände nur für 250.000 Menschen zugelassen.

Das Schriftstück vom 21. Juli 2010 trage den Titel "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung" und richte sich an die Berliner Lopavent GmbH, die Veranstalter der Loveparade, berichtete "Spiegel". Daraus gehe hervor, dass ein Sachbearbeiter des Bauamts die Organisatoren von der Vorschrift befreite, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Gleichzeitig hätten die Beamten auf Feuerwehrpläne verzichtet.

Konzertveranstalter Lieberberg: "Das war ein Verbrechen"

Dem Bericht zufolge begrenzte die Stadtverwaltung die Zahl der Menschen, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf, auf maximal 250.000. Die Veranstalter hatten am Samstag von 1,4 Millionen Menschen gesprochen, die über den Tag verteilt an der Loveparade teilgenommen haben sollen. Polizei und Stadt wollten diese Zahl aber nicht bestätigen. Im Rahmen ihres Ermittlungsverfahrens beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft bereits Unterlagen bei der Stadt.

Deutschlands führender Konzertveranstalter, Marek Lieberberg, erhob schwere Vorwürfe gegen die Veranstalter. "Befruchtet haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der Veranstalter, auf beiden Seiten gut gedüngt durch totalen Amateurismus. Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen", sagte Lieberberg der "Süddeutschen Zeitung". Nach einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeiger" hatten Polizei und Feuerwehr schon vor Monaten Vorbehalte gegen das Sicherheitskonzept geäußert.

Polizeigewerkschaft erneuert Kritik

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, kritisierte die Veranstalter erneut scharf. "Ich habe schon vor einem Jahr gesagt, dass die Stadt zu eng ist für eine derartige Großveranstaltung", sagte der gebürtige Duisburger der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Er glaube, dass Duisburg sich übernommen habe, sagte Wendt: "Das war einfach eine Nummer zu groß." Einiges deute darauf hin, dass die Veranstalter sich über Sicherheitsbedenken hinweggesetzt hätten.

Am Rande der Loveparade waren 19 Menschen ums Leben gekommen. Das Unglück ereignete sich am Samstag kurz nach 17.00 Uhr an einem überfüllten Tunnel, dem zentralen Zugang zu dem Partygelände am alten Duisburger Güterbahnhof. Der genaue Ablauf des Unglücks ist bislang unklar.

Betreuung für Teilnehmer der Loveparade

Wolfgang Bosbach (CDU), Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages, forderte eine vollständige Aufklärung des Unglücks. Zugleich stellte er im Interview mit den "Ruhr Nachrichten" die Zukunft weiterer Großveranstaltungen dieser Art in Frage. Es müsse geklärt werden, "ob solche Großveranstaltungen überhaupt noch verantwortbar" seien. "Das Leid ist so groß, dass sich jeder Veranstalter in Zukunft gut überlegen wird, ob Veranstaltungen in dieser Dimension in Zukunft überhaupt noch in Angriff genommen werden können", sagte er.

Die Polizei richtete ein Betreuungsangebot für Teilnehmer ein, die Schwierigkeiten haben, die Ereignisse zu verarbeiten. Wie die Polizei Essen mitteilte, können sich Menschen, die aufgrund ihrer Erlebnisse auf der Loveparade ein persönliches Betreuungsangebot in Anspruch nehmen möchten, rund um die Uhr telefonisch unter 0201/82 98 091 melden oder eine Mail an die Adresse Betreuungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de schicken.

(AFP, N24)

26.07.2010 08:16 Uhr

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