Christiane Jörges - Berlin im Blick
Christiane Jörges moderiert die "N24 Nachrichten" und schreibt Kolumnen für N24 Online.
Christiane Jörges (geb. Gerboth) wurde 1966 in Wippra geboren. Nach einem Pädagogikstudium in Halle arbeitete sie von 1990-1991 als Redakteurin und Moderatorin der Nachrichtensendung "Aktuell" beim Deutschen Fernseh-Funk (DFF). 1991-1994 ging sie als Korrespondentin ins Studio Bonn und moderierte die "ProSieben Nachrichten". Zwischen 1994 und 1995 war Christiane Jörges als Redakteurin im Ressort "Journalistische Unterhaltung" und als Moderatorin der MDR-Talkshow "Riverboat" tätig. Seit 1996 moderiert sie die "ProSieben Nachrichten" bzw. "NEWSTIME", arbeitete als Chefreporterin und ist Chefin vom Dienst (CvD) für dieses Format. Seit 2010 ist Christiane Jörges auch Moderatorin und CvD der "N24 Nachrichten" und verantwortet zudem als CvD die von N24 produzierten Nachrichten für kabeleins und Sat.1.
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Christiane Jörges - Berlin im Blick Die Stille nach dem #Aufschrei

Im Januar führte Deutschland eine erregte Sexismus-Debatte. Die Frauen der #Aufschrei-Kampagne wurden jetzt verdient mit dem Online Grimme Award belohnt. In der Politik aber ist ihr Protest verhallt.

Welch kuriose Koinzidenz. Er ist schon wieder gefallen. Im Januar hatte Rainer Brüderle mit weinseligem Dirndl-Gesäusel die aufregendste Diskussion des Jahres in Gang gesetzt – und dabei seine Reputation zerfetzt. Jetzt, da #Aufschrei den Grimme-Preis erhält, Männer und Frauen aber die Lust am erhellenden Schlagabtausch zu verlieren scheinen, stürzt der Liberale erneut, und diesmal geradezu symbolhaft, die Treppe eines pfälzischen Weinlokals hinab. Zum zerstörten Ruf kommen nun gebrochene Knochen. Brüderle ist raus. Aus dem Wahlkampf, vor allem aber aus der gesellschaftlichen Debatte, die er durch ein offenes Wort hätte bereichern können. Abgehakt, der verstockte Liberale, der kein bösartiger Sexist ist, aber ein Spitzenkandidat nie mehr werden wird. 

Nicht abhaken aber will ich den preisgekrönten #Aufschrei, der so lautstark war, dass es selbst kümmerliche Kalauer zu Prominenz brachten. „Meine Frau wollte auch etwas zu #Aufschrei twittern“, dichtete „Gallenbitter“. „Das W-Lan reicht aber nicht bis in die Küche“. Der maskuline Rülpser markierte den peinlichsten Pol der Debatte. 60.000 überwiegend weibliche Aufschreie binnen weniger Tage aber machten klar, worum ist wirklich ging. In unserer scheinbar längst tabulosen deutschen Gesellschaft wird endlich über ein gigantisches, bislang aber streng beschwiegenen Alltagstabu  gezwitschert– die millionenfache sexuelle Demütigung von Frauen. 

„Aus dem Netz wanderte das Thema zurück in die etablierten Medien und in die Politik, eine Wirkung, die zuvor noch kein Hashtag in Deutschland hatte“, schrieb die Jury des Grimme-Preises zur Begründung. Das stimmt. Aber das ist ja längst nicht alles. Ich möchte konkreter werden. Ich möchte persönlich Dank sagen.                             

Danke#Aufschrei.

Danke, dass Ihr diesen befreienden Streit in meine Redaktion getragen habt. Überraschend ausdauernd und lang stritten ja auch andere. Beim „Stern“, der gar nicht darüber im Klaren war, was seine Reporterin Laura Himmelreich da aufgeschrieben hatte; bei der „Süddeutschen Zeitung“, die doch die Aufgeklärtheit gepachtet hat; und eben auch hier bei N24, wo Männer und Frauen in völlig unerwarteter Streitformation zu erleben waren. 

Danke, dass mein Privatleben zur Diskurs-, aber nicht zur Kampfzone wurde. Auch mein Mann, selbst Journalist, lernte durch den #Aufschrei, was Frauen zu ertragen haben, wie alltäglich nicht bloß verbale Handgreiflichkeiten sind. Der Hashtag machte auch Ihn zum Spätempörten.

Danke auch, dass wir nun wissen, was der Freiheitsprediger Joachim Gauck unter „Tugendfuror“ versteht. Der Staats- und Gottesmann ist kenntlich geworden mit dieser Vokabel – als alter Mann und Mann des Alten. 

Besonderen Dank für die verstörende Erkenntnis, dass Wiebke Bruhns, die erste Nachrichten-Moderatorin der Republik, allein unter Fernsehmännern offenbar intellektuell Schaden genommen hat. Denn Nicht-Sexisten hält sie auch heute noch für kastrierte Stiere. Die Männer, die sich dabei triumphierend auf die Schenkel schlagen, sollten darüber nachdenken, welches Männerbild Frau Bruhns verbreitet. Bei ihr wollte ich nicht Mann sein.

Und Dank schließlich dafür, dass mich die Debatte zur persönlichen Rückschau zwang. In die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn, wo mich als junge Korrespondentin Männer und Frauen gleichermaßen in stille Wutausbrüche trieben. Die ergrauten Kollegen, weil sie mich sabbernd taxierten. Die jungen Kolleginnen, weil sie besorgt zu züchtiger Kleiderwahl rieten – auch schon ganz grau im Kopf. Graue Jäger und graues Wild, das war Bonn.

Und Berlin? Ohren zu, als der #Aufschrei nahte. Man fühlte sich einfach nicht angesprochen. Und schwieg. Im Kanzleramt, wo die Handvoll mächtiger Frauen im Land zur Audienz bei der Allermächtigsten aufscheint, wenn der Wahlkampf nach Staffage ruft. Ohren zu - selbstredend auch bei der linken Opposition. Dort scheint die Frauenfrage seit August Bebel ja in den besten Händen. Manchmal auch buchstäblich, denn die übelsten Anmacher und die schamlosesten Grabscher trugen häufig rote Schlüpfer.

Und Schweigen – selbstverständlich  – bei den Dirndl-Liberalen. Trotzige Solidarität mit dem Barhocker Brüderle bot leider willkommene Gelegenheit, die überfällige Debatte über die unfreien Frauen in den Reihen der Freiheitspartei abzubiegen. In 46 Jahren liberaler Beteiligung an Bundeskabinetten konnte sich die Freie Demokratische Testosterontruppe nur zwei Ministerinnen abtrotzen. Die anderen sahen wohl einfach nicht gut genug aus. Doris Buchholz, Vorsitzende der Liberalen Frauen, weiß von Parteifreunden zu berichten, die es ablehnten, Kandidatinnen zu plakatieren: „Wir plakatieren Frauen, die Männerfantasien bedienen.“ 

Die Stille nach dem #Aufschrei darf also nicht von Dauer sein. Spätestens nach der Bundestagswahl, besser sofort, sollte es zuallererst in der FDP richtig laut werden.

Denn immerhin einer hat – vorsichtig! – ein abweichendes Signal gegeben. Christian Lindner, 34 Jahre alt, begrüßte die Sexismus-Debatte. Er lebt mit einer Journalistin zusammen, er wird der nächste Vorsitzende. Gute Chancen also, auch politisches Neuland zu beackern.

Es geht weiter, #Aufschrei! 

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