Prof. Ulrich Walter - Wissen schafft was
Prof. Ulrich Walter ist Diplom-Physiker, Wissenschafts-Astronaut und schreibt Kolumnen für N24 Online
Univ.-Prof. Prof. h.c. Dr. rer. nat. Dr. h.c. Ulrich Walter Diplom-Physiker, Wissenschafts-Astronaut Herr Ulrich Walter, Jahrgang 1954, ist Ordinarius für Raumfahrttechnik an der Technischen Elite-Universität München. Nach dem Studium der Physik an der Universität Köln, an den Argonne National Laboratories in Chicago und an der University of California in Berkeley, wurde er im Jahre 1987 ins Deutsche Astronautenteam berufen und trainierte bis zu seiner Shuttle Mission D-2, 26. April bis 6. Mai 1993, am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR, in Köln-Porz und am Raumfahrtzentrum der NASA in Houston. Es folgten Stationen beim DLR und bei der IBM. Seit März 2003 leitet er den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München und lehrt und forscht im Bereich Raumfahrttechnologie und Systemtechnik. Seine Schwerpunkte sind Echtzeit-Robotik im Weltraum, Intersatelliten-Kommu­nikations-Technologien, Technologien für planetare Erkundungen und Systemmodellierung und -optimierung. Herr Walter ist unter anderem Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Museums und Präsident des Hermann-Oberth-Museums in Feucht. Er ist zudem erfolgreich als Autor und Publizist tätig. Prof. Walter wurde bundesweit zum Professor des Jahres 2008 in der Kategorie Ingenieurwissenschaften und Informatik gewählt. 
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Prof. Ulrich Walter - Wissen schafft was Mythos "Halbwertszeit des Wissens"

Der Mythos der Halbwertszeit unseres Wissens durchzieht unsere Gesellschaft. Was heute gilt, kann morgen schon falsch sein. Je mehr Erkenntnisse, desto schneller verlieren sie ihre Gültigkeit.

Weniger die Wissenschaftler selbst als vielmehr die Geisteswissenschaftler proklamieren diesen Verfall des Wissens. So hieß es im Feuilleton der Wochenzeitung Die Zeit im August 2001:

"Angesichts der rapide sinkenden Halbwertszeit des Wissens in einer sich immer rascher tansformierenden Welt steht jeder Großentwurf [philosophischer Theorien] vor der Notwendigkeit und zugleich Unmöglichkeit, sein morgiges Schicksal als intellek-tuelle Mode von gestern ins eigene Theoriedesign einzubauen."

Hier werden modische Schlagworte ungeprüft auf Sinn und Bedeutung durch den Fleischwolf gedreht und zur gefälligen Bratwurst verarbeitet. Das Ganze mit einem Anstrich von intellektuel-lem Ketchup. Unsere Welt ändert sich rasend, warum nicht auch unser Wissen? Klingt logisch, also wird es auch wahr sein. 

Ein gravierender Irrtum! Wissenschaftliche Erkenntnisse vergehen nicht und werden nicht alle paar Jahre über den Haufen geworfen. Sie sind – von gelegentlichen Irrtümern einmal abgesehen – gewissermaßen ewige Wahrheiten, grundlegende Erkenntnisse über unsere Welt. Newtons Gravitationstheorie ist selbst in den modernen Zeiten der Relativitätstheorie noch gültig. Auch das Periodensystem der Elemente hat seit Jahrhunderten nicht im Geringsten an seiner breiten Gültigkeit verloren und mathematische Beweise gelten seit Pythagoras und Platon als Spiegel ewiger metaphysischer Wahrheiten.

Richtig ist, dass sich die Menge wissenschaftlicher Erkenntnis etwa alle fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Aber, das hinzugewonnene Wissen stellt gesichertes Wissen nicht in Frage, sondern weitet es auf Grenzgebiete, die bisher nicht betrachtet wurden, aus. Dabei ergeben sich oft übergeordnete Theorien, die die alte Theorie mit einschließen. So schließt die allgemeine Relativitätstheorie Newtons Theorie im klassischen Grenzfall ein und bereits heute wissen wir, dass es eine Quantengravitationstheorie geben muss, die die allgemeine Relativitätstheorie übersteigt und diese wiederum als Grenzfall des Makrokosmos einschließt. Erst dann werden wir verstehen warum es Überlichtgeschwindigkeit im Mikrokosmos (quantenmechanischer Tunneleffekt) geben kann, wo sie doch in der speziellen Relativitätstheorie kategorisch ausgeschlossen wird. Bei genauer Betrachtung entpuppt sich also gestriges Wissens als solides Fundament, auf dem erweiterte Theorien der Moderne erst aufbauen können. Nicht Verfall, sondern ewige Wahrheit ist das Kennzeichen wissenschaftlichen Wissens und genau darin setzt es sich von den Fluten nicht wissenschaftlicher Erkenntnisse ab. In diesem Sinne ist wissenschaftlicher Fortschritt eine kulturelle Errungenschaft der Menschheit ersten Grades. 

Die Gewissheit wissenschaftlicher Erkenntnis ist jedoch relativ jung. Erst seit dem großen Wissenschaftsphilosophen Karl Popper (1902 – 1994) wissen wir was eine gute wissenschaftliche Theorie ausmacht: Sie macht falsifizierbare Aussagen über unsere Welt, die jeglicher experimentellen Nachprüfung Stand halten. Implizit bedeutet dies, dass eine wissenschaftliche Theorie überhaupt nachprüfbar ist und sich nachprüfen lässt und dies nicht durch Dogmen verhindert, woran bereits viele Theorien scheitern. Was sich wie selbstverständlich anhört wurde leider in der Vergangenheit oft missachtet. Beginnend bei den antiken Naturphilosophen Platon und Aristoteles resultierte daraus viel wissenschaftlicher Müll bis ins 19. Jahrhundert, teilweise bis heute. Galilei war in diesem Sinne der erste gute Wissenschaftler. 

Aber der Mythos liegt natürlich voll im Trend: Das was gestern war ist überholt, heute wissen wir es besser. Und morgen? Dann sind logischerweise die heutigen Besserwisser überholt und dann gilt wieder was ganz neues. Hier ein Beispiel gefunden in der Zeitschrift "Welt der Wunder": 

"Albert Einstein hätte der Crew der Enterprise den Vogel gezeigt: "Leute vergesst es!". Nach seiner Speziellen Relativitätstheorie ist Überlichtgeschwindigkeit nicht möglich. Jetzt sagt die Forschung: Ist es doch. Mit Schlupflöchern im Universum könnten gigantische Entfernungen zurückgelegt werden. Der Warp-Drive kommt auf Umwegen."

Der Vorwurf logisch aufgedröselt lautet: Die moderne Wissenschaft kennt Wurmlöcher. Dies sind Schlupflöcher im Universum, die es erlauben, gigantische Entfernungen in Überlichtgeschwindigkeit zurück zu legen. Dies widerspricht der speziellen Relativitätstheorie Einsteins. Also, Einstein ade. 

Wo liegt der Fehler? Nun, Wurmlöcher leiten sich aus der Allgemeinen Relativitätstheorie Einst-eins ab und sind besonders gekrümmte Bereiche unseres Universums. Das Verbot der Überlichtgeschwindigkeit hingegen folgt aus der Einsteins Speziellen Relativitätstheorie und dem Kausalitätsgesetz in unserem Universums (Hawkings chronology protection conjecture: Erst kommt die Ursache und dann seine Wirkung und nicht umgekehrt). Diese beiden Aussagen sind zueinander widerspruchsfrei. Das Problem liegt also nicht in Einsteins Relativitätstheorien selber sondern in ihrer falschen Verquickung miteinander durch die Medien. Die falsche Aussage lautet: "Wurmlöcher = Schlupflöcher ermöglichen Überlichtgeschwindigkeit". 

Aber genau das können Wurmlöchern nicht. Denn Wurmlöcher sind zwar krumm aber nicht besonders schnell. Wurmlöcher – sollte es sie wirklich geben, was noch nicht nachgewiesen ist – sind Abkürzungen durch räumliche Tunnel im Weltraum. Ein Vergleich: Statt über die sich scheinbar ewig ziehende Straße über den Gotthard-Pass nach Italien zu fahren, fahre ich lieber unten durch den Tunnel und komme hinten am selben Punkt raus. Die spezielle Relativitätstheorie verlangt lediglich, dass, egal wo man lang fährt, man nicht schneller als das Licht vorwärts kommt. Trotzdem geht’s natürlich durch den Tunnel schneller, weil kürzer. Und genau das ist der Punkt, Wurmlöcher ermöglichen keine größeren Geschwindigkeiten, sondern trotz maximal Lichtgeschwindigkeit kürzere Flugzeiten durch räumliche Abkürzungen. Übrigens, wie groß die Lichtgeschwindigkeit ist, darüber sagt die spezielle Relativitätstheorie nichts. Nur die Quantentheorie besagt, sie sei eine Folge der Zusammensetzung (virtuelle Teilchen) des Quantenvakuums. Es wäre denkbar, dass sich diese Zusammensetzung in unserem Universum lokal ändert. Damit würde sich die Lichtgeschwindigkeit von Ort zu Ort ändern: Bei uns 300.000 km/s, woanders 100.000 km/s und irgendwo weit draußen vielleicht sogar 1.000.000 km/s. Durchaus möglich und bei einem Nachweis sogar nobelpreisverdächtig. Einstein sagt lediglich, dass nichts schneller geht als diese lokale Lichtgeschwindigkeit. Hätten wir eine Quantengravitationstheorie, dann könnten wir vermutlich die lokale Größe der Lichtgeschwindigkeit sogar berechnen. Genauso nobelpreisverdächtig. 

Wir sehen, bewährte Theorien werden nicht durch neue über den Haufen geworfen, sondern die neuen, wenn sie denn wirklich wahr sind, ergänzen lediglich das bereits bisher Bekannte. So war es und so wird es immer bleiben. Und das macht Wissenschaft – wenn man sorgsam mit ihr umgeht – gestern, heute und auch morgen zu dem was ich an ihr so liebe: verlässlich. 

 

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