Philipp Köster - Leben mit Sport
Philipp Köster ist Herausgeber und Chefredakteur des Magazins für Fußball-Kultur "11 Freunde" und schreibt Kolumnen für N24 Online.
Philipp Köster, geboren 1972, ist Gründer und Chefredakteur des Fußballmagazins "11 Freunde". Und: Autor zahlreicher Bücher zum Thema "Fußball". Außerdem: 2010 als "Sportjournalist des Jahres" ausgezeichnet. Vor allem aber: Anhänger des Zweitligisten Arminia Bielefeld. 
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Philipp Köster - Leben mit Sport Guardiolas binomische Formeln

Der Star ist nicht die Mannschaft, sondern die Taktik. Der neue Münchner Coach Pep Guardiola bricht mit einer Jahrzehnte alten Bayern-Philosophie. Das ist nicht ungefährlich.

Fußball ist kein Wunschkonzert, außer man heißt zufällig Pep Guardiola und hat gerade bei einem Klub neu angefangen, dem gar nicht in den Sinn käme, seinem neuen Coach einen Wunsch abzuschlagen. Also wechselt Spaniens größte Nachwuchshoffnung, U21-Kapitän Thiago Alcántara vom FC Barcelona zum FC Bayern München. Was insofern zunächst daherkam wie eine kleine Überraschung, als man die Münchner gerade im Mittelfeld mehr als passabel besetzt fand. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wie sehr, ist unschwer daran zu erkennen, dass die geschätzten 20 Millionen Ablöse für Thiago beim hiesigen Fußballpublikum lediglich den Reflex auslösen: "Guck an, so billig?"

Wenn aber bei solchen Transfersummen nicht mehr zum Riechsalz gegriffen wird, ist es allerhöchste Zeit, uns auch von anderen überkommenen, altmodischen Vorstellungen zu lösen. So ist wahrscheinlich gerade genau der richtige Zeitpunkt, Abschied von einem lieb gewonnenen Fußballbegriff zu nehmen, der da lautet: Stammspieler. Denn bis auf drei, vier systemische Kräfte wie Neuer, Lahm und vor allem Franck Ribery wird sich beim FC Bayern keine noch so renommierte Fachkraft sicher sein können, permanent in der Anfangsformation spielen zu können. Insbesondere im auf sensationelle Weise überbesetzten Mittelfeld wird der ständige Wechsel, die permanente Rotation, zum Alltag gehören. Guardiolas Hinweis auf die "ganze Mannschaft", die in all den Wettbewerben vom DFB-Pokal bis hin zum Weltpokal gebraucht werde, ist offenbar keine handelsübliche Floskel, sondern markiert den abrupten Abschied von der auf Stars zugeschnittenen Philosophie, wie sie beim FC Bayern seit Beckenbauers Zeiten gilt, hin zum Primat des Systems, dem sich alle unterzuordnen haben.

Nun ist Rotation nichts, was der FC Bayern erst unter Pep Guardiola beigebracht bekäme. Schon unter Jupp Heynckes kamen die meisten Spieler des Kaders zu respektablen Einsatzzeiten. Mario Gomez, der erste unter Gleichen auf der Ersatzbank, durfte die Münchner sogar zum DFB-Pokal-Sieg schießen. Dass auch noch der letzte Perspektivspieler im Kader das Gefühl hatte, seinen Anteil zur phänomenalen Triple-Saison beigetragen zu haben, kann zu Heynckes größten Leistungen im letzten Jahr gezählt werden. Und auch unter Heynckes galt strenge taktische Disziplin. Erst seine Entscheidung, konsequenter, druckvoller und deutlich offensiver verteidigen zu lassen, ebnete ja den Weg zum historischen Dreifachtriumph.

Wenn Guardiola nun allerdings so ostentativ das System ins Zentrum aller Überlegungen stellt, ist das ebenso charmant wie riskant. Charmant insofern, als nun Weltklassekicker ein wenig daher kommen wie Schulbuben, denen die binomischen Formeln eingebimst werden. Aber eben auch riskant, weil im Zweifelsfalls nicht die Spieler in die Pflicht genommen werden, sondern das System, das als letzter Schrei der Fußballtaktik angepriesen wird.

Auf eine Betaphase darf Guardiola nicht hoffen. Die Mannschaft muss schnell funktionieren, nicht auf dem Papier, sondern im Ligaalltag. Mit Rotation oder ohne. Mit Thiago oder ohne.

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