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Gruppenvergewaltigung in Weil am Rhein Nicht nur die Tat sorgt für Entsetzen

In Weil am Rhein herrscht Empörung – über vier Syrer, die zwei Teenager vergewaltigt haben sollen. Aber auch über die Behörden, die den Vorfall eine Woche lang verschwiegen und sich nun verteidigen.

"Ein Center zum Verlieben" – mit diesem Slogan wirbt das Rhein Center im Stadtteil Friedlingen von Weil am Rhein. Das ockergelbe Shoppingparadies schmiegt sich direkt an die Schweizer Grenze, im Westen, auf der anderen Rheinseite, beginnt dann auch gleich schon Frankreich.

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Es ist eine abgeschiedene Hafen- und Handelsgegend, mit viel Logistikfirmen und Industrie. 88 Prozent der Einwohner in dem sozial schwachen Stadtteil haben Migrationshintergrund, schon lange klagt Friedlingen über Probleme mit Kriminalität und Verwahrlosung. In diesem hintersten Eck von Deutschland gibt es vor allem für junge Leute nicht viel zu tun und zu erleben. Ein McDonald's, ein kleiner Park, ein Sportplatz, ein kleines Kulturzentrum, das war's.

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Kein Wunder also, dass sich Teenager besonders gern im Rhein Center verabreden und aufhalten. Und wer weiß, vielleicht waren die beiden 14 und 15 Jahre alten Mädchen ja tatsächlich auch ein bisschen verliebt, ganz wie es der Werbespruch des Zentrums verheißt. Klar ist nur, dass sie sich vor dem Rhein Center mit einem jungen Syrer, den sie flüchtig kannten, zum Silvesterfeiern verabredet hatten. Und dass sich das als fatale Entscheidung erweisen sollte.

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Wie die Teenager bei der Polizei zu Protokoll gaben, begleiteten sie den Mann in der Silvesternacht in seine Einzimmerwohnung gleich in der Nähe, in einer Sackgasse zwischen Industriegebiet und Rhein. Zwischen 21 und 23 Uhr sollen sie dort dann von dem 21-Jährigen, seinem Bruder und zwei syrischen Bekannten mehrfach schwer vergewaltigt worden sein.

Als sie dann endlich der Wohnung entkommen waren, gingen sie sofort zur Polizei und erstatteten Anzeige. Noch in der Nacht, so zitiert die "Bild"-Zeitung eine Nachbarin in dem sozial schwachen Viertel, seien die Männer "in Unterhosen und Handschellen" abgeführt worden.

Es dauerte eine Woche, bis der Fall bekannt wurde

Über eine Woche hat es gedauert, bis die Öffentlichkeit von alldem erfuhr, und das auch nur in groben Zügen. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Aufregung um die Kölner Übergriffe in der Silvesternacht bestätigte die Staatsanwaltschaft die Vorfälle von Weil erst, als die örtliche Zeitung und der Südwestrundfunk berichteten.

Man habe sich auf dem Parkplatz getroffen und sei zur Wohnung des einen Mannes gegangen, so schilderten es die Mädchen laut Polizei. Zunächst lief wohl alles noch nett und friedlich, es kam "zum einvernehmlichen Austausch von Zärtlichkeiten", wie es Polizeisprecher Dietmar Ernst formuliert. Doch dann sollen die beiden Teenager über längere Zeit und offenbar brutal misshandelt worden sein von vier Männern.

Oder besser gesagt: von einem Mann und drei Jungs. Denn es ist nicht nur das Alter der Opfer, das betroffen macht, sondern auch jenes der Beschuldigten. Zwei von ihnen sind gerade mal 14 Jahre alt, einer 15. Der 21-Jährige Hauptmieter der Wohnung ist der große Bruder des 15-Jährigen.

Der hatte zunächst sogar fliehen können, eine weitere Panne bei der ganzen Sache. Denn die Staatsanwaltschaft konnte keinen "Haftgrund" – also etwa Flucht- oder Verdunklungsgefahr – erkennen. Anders als die 14-Jährigen und der Erwachsene kam der Junge daher nicht ins Untersuchungsgefängnis, sondern in staatliche Obhut, also eine Jugendeinrichtung. Dort lief er einfach davon. Erst eine Woche später wurde er in Lörrach nahe einer Polizeistation von einem Beamten erkannt. Er habe sich ohne Widerstand festnehmen lassen, hieß es.

Schutz der Persönlichkeitsrechte betont

Um die Persönlichkeitsrechte der minderjährigen Opfer zu schützen, verweigert die Staatsanwaltschaft aber alle weiteren Angaben. Selbst über die Nationalität der mutmaßlichen Opfer schweigt sich die Behörde aus. Informationen, nach denen es sich um Deutsche mit Migrationshintergrund handeln soll, werden nicht kommentiert.

Bestätigt wird aber, dass der älteste der Syrer ein anerkannter Flüchtling ist. Sein Bruder hat Asyl beantragt und wartet noch auf eine Entscheidung. Die beiden 14-jährigen Jungs sollen im Ausland leben, einer im Raum Zürich, einer in den Niederlanden. In welchem Verhältnis sie zu dem Bruderpaar stehen, sagt die Polizei nicht.

Der baden-württembergische Landespolizeipräsident Gerhard Klotter verteidigt die mediale Zurückhaltung als "übliche Gepflogenheit". Die Polizei habe es mit minderjährigen Opfern, Tätern und einer "Beziehungstat" in einer Wohnung zu tun gehabt. "Insofern hätten wir über diesen Sachverhalt im Regelfall nicht berichtet", behauptete der oberste Polizist des Landes. Außerdem seien die Männer gleich bekannt, eine Fahndung mithin unnötig gewesen.

Sorge vor aufgeheizter Flüchtlingsdebatte

Jörg Kinzig, Direktor für Kriminologie an der Universität Tübingen, springt der Polizei bei. Die Ermittler täten "in diesem besonderen Fall" mit sehr jungen Tätern und Opfern gut daran, sich Zeit zu lassen und erst sorgfältig zu untersuchen. Sogar das Gesetz sehe zum Schutz aller Betroffenen und Beteiligten vor, dass der Informationsanspruch der Öffentlichkeit in solchen Fällen zurücktreten könne, sagte Kinzig. Außerdem halte er die Zurückhaltung und Sorgfalt auch wegen der gerade besonders aufgeheizten Flüchtlingsdebatte für richtig.

Die Nationalität der Beschuldigten, so betonen Polizei und Staatsanwaltschaft, spiele bei der Tat ohnehin eine "untergeordnete Rolle". Ein Zusammenhang mit den Silvestervorfällen in Köln und anderen deutschen Städten sei nicht erkennbar. "Die Sache hat sich im häuslichen Umfeld abgespielt, nicht in der Öffentlichkeit und auch nicht in der Nähe oder im Umfeld eines Asylbewerberheimes", sagte Polizeisprecher Ernst. "Also ist dieser Fall doch etwas anders gelagert."

Im Internet werden Parallelen zu Köln gezogen

In der Bevölkerung stößt diese Argumentation auf heftige Empörung. "Kein Zusammenhang mit Köln? Was soll denn diese Aussage?", kritisiert eine Leserin namens Nadja Krämer auf der Webseite des SWR. "Natürlich besteht kein direkter Zusammenhang, aber es ist ein allgemein auftretendes Verhalten in bestimmten Menschengruppen festzustellen. Gemeinsame Merkmale: arabisch bzw. nordafrikanisch aussehend, männlich, jung, respektlos gegenüber Frauen und Ordnungshütern, Migrationshintergrund."

Auch andere Kritiker ziehen Parallelen zu Köln – weil die Behörden hier und dort Informationen zurückhielten und nur auf Druck der Öffentlichkeit überhaupt berichteten. "Wie in Köln werden gravierende Vorfälle verspätet und erst nach Anfrage von den Polizeibehörden bekannt gegeben, angeblich, um die Opfer zu schützen. Genau diese Intransparenz ist Ursache des grassierenden Vertrauensverlustes der Bevölkerung gegenüber Behörden, Politik und den Medien", schreibt jemand. "Wer soll hier geschützt werden: die Opfer oder die Täter?", fragt ein anderer.

Nur Bernd Luckes Alfa äußerte sich

Die Politik hält sich mit Einschätzungen und Kommentaren auffällig zurück. Zwar hat auch in Baden-Württemberg eine Debatte darüber eingesetzt, ob Straffällige schneller abgeschoben werden sollten. Aber direkt zum Fall von Weil am Rhein hat sich nur die neu gegründete Partei Alfa von Bernd Lucke geäußert.

Bernd Kölmel, der über die AfD ins Europaparlament eingezogen war, mittlerweile aber dem baden-württembergischen Landesverband von Alfa angehört, zeigte sich "schockiert": Der Vorfall zeige, dass sich nicht nur in Metropolen, sondern auch in kleineren Städten die Sicherheitslage "dramatisch verschlechtert" habe. Sein Rat: als "Notmaßnahme" 1000 Polizisten zusätzlich einstellen.

Dass eine solche Aufstockung wegen der langjährigen Ausbildung von Polizeibeamten wenn überhaupt, dann erst in Jahren greifen würde, sagt Kölmel nicht.

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