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Wasserskandal in US-Stadt Flint Wo jeder Schluck krank macht

Seit fast zwei Jahren kommt bei den Menschen in der US-Großstadt Flint Flusswasser aus dem Hahn. Das sei unbedenklich, wurde ihnen gesagt. Dann kam es zu seltsamen Krankheiten.

Als im Jahr 1809 ein Trapper namens Jacob Smith den Ort Flint gründete, sollte das der Beginn einer amerikanischen Erfolgsgeschichte werden. Zunächst war es die Holzindustrie, welche die Stadt im US-Bundesstaat Michigan im 19. Jahrhundert zu einer wachsenden Metropole machte. Dann folgte die Produktion von Pferdekutschen und anderen Fahrzeugen, die Flint den Spitznamen "Vehicle City" einbrachte.

Eine Tradition, an die auch der Autobauer General Motors (GM) anknüpfte und dort seinen Buick sowie den Chevrolet bauen ließ. Flint genoss den Ruf einer boomenden Stadt und zog immer mehr Menschen an. Bis zum Jahr 2010 wuchs der Ort, nicht weit entfernt von den Great Lakes, auf 420.000 Einwohner.

Diese Zeiten sind vorbei. Als GM Ende der 80er-Jahre begann, seine Autofabriken zu schließen, ging es bergab mit Flint. Die Arbeitslosenquote stieg und damit die Armut und die Kriminalität. Heute leben nur noch knapp 100.000 Menschen in der Stadt, davon 40 Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Flint zählt mit seiner hohen Mordrate und der steigenden Zahl an Überfällen seit Jahren zu den "gefährlichsten Städten Amerikas".

Seit vier Jahren ist Flint auch offiziell bankrott und von der Hilfe des Bundesstaates abhängig. Der republikanische Gouverneur von Michigan, Rick Snyder, rief 2011 den "finanziellen Notstand" für die Stadt aus und übernahm die Kontrolle über den Haushalt. Ein knallhartes Sparprogramm sollte Flint seitdem wieder auf die Beine helfen. Bisher mit wenig Erfolg.

Hautausschläge, Kopfschmerzen, Haarausfall

Jetzt haben die "Kürzungen um jeden Preis" zu einer erneuten und diesmal lebensbedrohlichen Katastrophe für die Bewohner von Flint geführt. Im Oktober des vergangenen Jahres musste Regierungschef Snyder den "Gesundheitsnotstand" über die Stadt verhängen. Auslöser waren alarmierende Werte an Bakterien und giftigen Schwermetallen, die seit fast zwei Jahren ungefiltert ins Trinkwasser gelangt waren.

Ob die Stadt und der Gouverneur davon wussten, ist noch nicht bekannt. Mittlerweile gibt es eine Massenklage der Bewohner, die den Skandal aufklären soll. Und nun hat sich auch Präsident Barack Obama eingeschaltet: Auf dringendes Bitten des Gouverneurs rief er am Samstag den Notstand aus. Damit kann die Bundesregierung in Washington der Stadt zumindest vorübergehend mit Geld, Trinkwasser, Wasserfiltern und anderer Ausrüstung unter die Arme greifen. Wann das Problem endgültig gelöst wird, ist aber völlig unklar.

Wie schlimm die Verseuchung bereits vergangenen Oktober fortgeschritten war, belegte eine Untersuchung der örtlichen Kinderklinik. Dort hatte sich die leitende Ärztin seit Langem über die zunehmende Zahl an Kindern, die unter Hautausschlägen, Kopfschmerzen und Haarausfall litten, gewundert. Als Dr. Mona Hanna-Attisha ihre kleinen Patienten genauer untersuchte, war sie schockiert. Die Bleiwerte im Blut der Ein- bis Fünfjährigen waren dreimal höher als normal.

"Diese Kinder werden ihr Leben lang unter den Folgen dieser Bleivergiftung leiden", sagt die Medizinerin. Studien hätten ergeben, dass das Schwermetall Einfluss auf die weitere Entwicklung, die Intelligenz und das Verhalten von Kindern hat. "Blei ist mit das Schlimmste, was man der Bevölkerung antun kann."

Mittlerweile scheint auch festzustehen, woher die Vergiftung kommt. Seit den drastischen Haushaltskürzungen bezieht Flint sein Trinkwasser aus Kostengründen nicht mehr von den Wasserwerken des knapp 100 Kilometer entfernten Detroits, sondern direkt aus dem lokalen Fluss.

"Wir dachten alle, das sei nur ein schlechter Witz", dachte Rhonda Kelso, eine langjährige Bewohnerin von Flint, als die Behörden im März 2014 entschieden, vorübergehend den Flint River anzuzapfen. Doch die Stadt meinte es ernst. Da die Leitungen zu dem sauberen Lake Huron, von wo aus künftig das Trinkwasser kommen sollte, noch nicht fertig waren, sollte der lokale Fluss erst einmal aushelfen.

"Was da aus der Leitung kommt, stinkt und hat einen sehr seltsamen Geschmack", sagte Kelso CNN. Ihre Tochter habe immer gefragt, warum das "Wasser so braun" sei. Sie wollte sich damit nicht waschen und die Brühe schon gar nicht trinken. Das Rathaus und auch Gouverneur Snyder versicherten dagegen immer wieder: "Das Wasser ist sauber."

Das bestätigte auch ein von der Stadt eingesetzter "Wasserexperte". Im Februar 2015 erklärte er in seinem Gutachten: "Das Flint-Wasser kann man trotz der Verfärbung und einzelner Schmutzablagerungen bedenkenlos trinken."

Doch selbst die Stadtverordneten schienen sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sicher und entschieden im März 2015, Flint wieder mit den Wasserwerken in Detroit zu verbinden. Diese bekommen ihr Wasser von den Great Lakes, eines der größten und saubersten Süßwasserreservoirs der Welt.

US-Präsident Barack Obama hat den Notstand ausgerufen – nun werden Flints Einwohner vom Staat mit Getränken versorgt. (Foto: Getty Images)

Flusswasser löste Blei aus den Leitungen

Es dauerte weitere sieben Monate, bis ein Team der Universität Virginia Tech zum ersten Mal einen hohen Gehalt an Blei im Trinkwasser nachweisen konnte. Eine besorgte Bürgergruppe hatte die Experten beauftragt.

Das Team um Professor Marc Edwards kam zu dem Schluss, dass das stark chloridhaltige Wasser aus dem Flint River das Schwermetall aus den alten Leitungen ablöst und damit das Trinkwasser verseucht. "Jeder zehnte Haushalt", so das erschreckende Fazit von Virginia Tech, "ist einem sehr hohen Bleigehalt ausgesetzt."

Die Stadt und der Gouverneur schienen die Ergebnisse aber immer noch nicht ganz zu überzeugen. Sie brauchten einen weiteren Monat, bis sie die Bevölkerung aufriefen, das Wasser nicht mehr direkt aus der Leitung zu trinken. Regierungschef Snyder stellte eine Million Dollar für Filter und weitere Tests zur Verfügung und rief den "Gesundheitsnotstand" aus.

Anfang dieses Jahres alarmierte er die National Guard, die seitdem bei der Verteilung von sauberem Wasser in Flaschen und Kanistern an die Bevölkerung hilft. Die Kosten für einen Notplan, der sich vorerst über drei Monate erstrecken soll, bezifferte Snyder auf 41 Millionen Dollar. Gelder, die er über die Katastrophenschutzbehörde der US-Regierung, Fema, in Washington beantragt hat. White-House-Sprecher Josh Earnest versprach am Freitag, dass diese Bitte "schnellstens von Fema bearbeitet" wird.

Notfallplan: Hilfsorganisationen teilen Wasser aus. (Foto: REUTERS)

Ungewöhnlich viele Fälle von Lungenentzündung

Die Lage scheint mittlerweile außer Kontrolle zu geraten. Und die Regierung von Michigan ist überfordert. Denn nicht nur der Bleigehalt macht den Behörden sorgen. Seit 2014 verzeichnet Flint sowie das umliegende Genesee County ungewöhnlich viele Fälle der Legionärskrankheit. Bis heute sind an dieser Form der bakteriellen Lungenentzündung 87 Personen erkrankt, zehn von ihnen gestorben.

Die Experten von Virginia Tech glauben, dass auch dieser Ausbruch mit dem vergifteten Wasser zusammenhängen könnte.

In Flint zumindest hat man genug von Gouverneur Snyder. Die Bewohner fragen sich, was und vor allem seit wann er von dem Gift im Trinkwasser wusste. Der Republikaner musste sich mittlerweile für die mangelnde Aufklärung des Skandals öffentlich entschuldigen, der Chef der örtlichen Wasserwerke musste zurücktreten.

Den Demonstranten, die sich in der vergangenen Woche vor dem Regierungssitz von Michigan in Lansing versammelten, reicht das alles nicht. Sie forderten zusammen mit der demokratischen Opposition den Rücktritt von Regierungschef Snyder.

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