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Wasserskandal in US-Stadt Flint Bürger wollen Gouverneur im Gefängnis sehen

Um Geld zu sparen, wurden sie mit verschmutztem Flusswasser versorgt: Nach einer Welle von Krankheiten fordern die Bürger der US-Stadt Flint nun juristische Konsequenzen.

Wenn die Bewohner der amerikanischen Großstadt Flint (Michigan) sich in den vergangenen eineinhalb Jahren die Hände waschen oder ein Glas Wasser trinken wollten, überlegten sie immer zweimal, ob sie das, was da aus der Leitung floss, auch wirklich benutzen konnten. Denn das Wasser schien alles andere als sauber – es glich eher einer braunen, verfault riechenden Brühe.

Mittlerweile wissen die Einwohner, dass sie ganz offensichtlich angelogen wurden. Unabhängige Tests der Universität Virginia Tech haben ergeben, dass ihr Trinkwasser nicht nur schmutzig und voller Bakterien ist, sondern auch mit dem Schwermetall Blei verseucht. Viele Einwohner klagen seit Monaten über Hautausschlag, Kopfschmerzen und Haarausfall. In einer Klinik entdeckten Ärzte im Blut von mehreren Kleinkindern einen deutlich erhöhten Bleiwert.

"Die Regierung hat sie auf dem Gewissen"

Ob die Stadt, ob die Regierung von Michigan davon wussten, sollen jetzt die Justizbehörden ermitteln. Die Einwohner haben eine Sammelklage eingereicht. Gouverneur Rick Snyder, der die Gefahr immer wieder geleugnet hatte, musste mittlerweile den Gesundheitsnotstand über Flint verhängen und die Nationalgarde anfordern. Sie verteilt seit Wochen Flaschen und Kanister mit sauberem Wasser an die Bevölkerung.

Am Sonnabend rief US-Präsident Barack Obama den Notstand in der Stadt aus. Die Katastrophenschutzbehörde FEMA soll helfen, die Umweltkatastrophe in den Griff zu bekommen. Am Wochenende zeigten sich auch Hollywoodstars wie Dokumentarfilmer Michael Moore, Cher und die Umweltaktivistin Erin Brokovich entsetzt über den Trinkwasserskandal.

Der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson nannte auf einer Demonstration in Flint die Stadt einen "Ort des Verbrechens". Schwere Vorwürfe erhob Moore gegenüber Gouverneur Snyder. "Das war kein Fehler", sagte der Regisseur, der in Flint geboren wurde. "Zehn Menschen sind hier wegen einer falschen Politik bereits gestorben. Die Regierung hat sie auf dem Gewissen. Sie hat das alles gewusst. Sie hat sie umgebracht, weil sie Geld sparen wollte."

Cher spendet Wasserflaschen

Empört zeigte sich auch Sängerin Cher, die 180.000 Flaschen sauberes Wasser an die Bewohner von Flint spenden will. "Das ist eine Tragödie von unabsehbarem Ausmaß. Und es ist erschreckend, dass so etwas mitten in Amerika möglich ist." Umweltaktivistin Erin Brokovich, die durch den gleichnamigen Film mit Oscargewinnerin Julia Roberts in der Hauptrolle weltweit berühmt wurde, forderte die Behörden auf, endlich die Wahrheit zu sagen. "Euer Leugnen und Schweigen hat sich bisher als tödlich erwiesen."

Filmemacher Moore bezog sich bei seinen Vorwürfen auf die hohe Zahl von Legionärserkrankungen in Flint. Seit Anfang 2014 registrierten die Gesundheitsbehörden insgesamt 87 Fälle dieser Form der bakteriellen Lungenentzündung. Zehn Menschen sind daran bisher gestorben. Wasserexperten von Virginia Tech, die bereits im Oktober 2015 vor dem hohen Bleigehalt im Trinkwasser gewarnt hatten, vermuten, dass die Verschmutzung dazu geführt haben könnte.

Die Verseuchung des Trinkwassers begann im März 2014. Flint, wo General Motors einst Autos der Marken Buick und Chevrolet bauen ließ und das als "Vehicle City" zu einer der am schnellsten wachsenden Städte des Landes wurde, war nach der Schließung der Autofabriken in den 90er-Jahren in große finanzielle Nöte geraten. Ein Viertel der Einwohner hat seitdem den Ort verlassen. Von den Gebliebenen leben 40 Prozent unter der Armutsgrenze. Im Jahr 2011 erklärte sich Flint für bankrott und rief den Finanznotstand aus. Die Regierung in Michigan übernahm den Haushalt und setzte einen Verwalter ein. Mit "Kürzungen um jeden Preis" sollte der weitere Verfall aufgehalten werden.

Eine der Sparmaßnahmen war die Abkopplung von den Wasserwerken in Detroit. Flint wollte sein Trinkwasser künftig aus dem Huronsee beziehen. Da aber die Leitungen zu dem Reservoir noch nicht standen, sollte vorübergehend der Fluss Flint angezapft werden. Doch was aus dem Fluss in den Haushalten ankam, löste unter den Bewohnern Empörung aus.

"Das Wasser war braun, stank und hatte einen seltsamen Geschmack", erinnert sich Rhonda Kelso im Fernsehsender CNN. "Wir dachten, das sei ein schlechter Scherz." Gouverneur Snyder erklärte: "Das Wasser ist sauber." Das bestätigte auch ein von ihm eingesetzter Experte. Er kam im Februar 2015 zu dem Schluss: "Das Wasser kann man trotz der Verfärbung und einzelner Schmutzpartikel bedenkenlos trinken."

So richtig glauben konnten das aber selbst die Stadtverordneten nicht mehr. Sie entschieden einen Monat später trotz der höheren Kosten, Flint wieder an die Wasserwerke in Detroit anzuschließen. Diese sind mit einem der größten und saubersten Wasserreservoir der Welt, den Großen Seen (Great Lakes), verbunden.

Der Fluss Flint, aus dem das Wasser entnommen wurde. (Foto: AFP)

"Die Kinder werden ihr Leben lang leiden"

In Flint hatte mittlerweile eine Bürgergruppe Virginia Tech beauftragt, Wassertests durchzuführen. Die Experten fanden heraus, dass das stark chloridhaltige Wasser aus dem Fluss Flint Schwermetalle aus den alten Leitungen ablöste und so das Trinkwasser verseuchte. "Jeder zehnte Haushalt", so das schockierende Fazit, "ist einem sehr hohen Bleigehalt ausgesetzt."

Bestätigt fühlte sich auch Dr. Mona Hanna-Attisha von der lokalen Kinderklinik. Sie hatte in den vergangenen Monaten immer wieder Ein- bis Sechsjährige behandelt, die unter Hautausschlägen und Haarausfall litten. Bei einer genaueren Untersuchung entdeckte sie dann im Blut ihrer Patienten einen dreifach erhöhten Wert an Blei. "Diese Kinder werden ihr Leben lang unter dieser Vergiftung leiden", sagt Hanna-Attisha. Das Schwermetall habe Einfluss auf ihre Entwicklung, ihre Intelligenz und ihr Verhalten. "Blei ist das Schlimmste, was man der Bevölkerung antun kann." Wie viele Minderjährige betroffen sind, ist unklar. In Flint leben allein 8657 Kinder im Alter unter sechs Jahren.

Die Bewohner machen für die Umweltkatastrophe Gouverneur Snyder verantwortlich. Bei Protesten forderten sie den Rücktritt des Republikaners. Der Chef der örtlichen Wasserwerke musste bereits seinen Hut nehmen. "Rick Snyder wusste, dass Gift, Dreck und am Ende auch Blei in das Trinkwasser gelangte", erklärte Filmemacher Moore auf einer Demonstration. "Er hat damit Tausende Kinder in Gefahr gebracht."

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