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Mann schubst Frau vor Berliner U-Bahn "Warum wurde dieser Wahnsinnige nicht früher gestoppt?"

Der Fall sorgt für Entsetzen: Eine Frau wird in Berlin von der U-Bahn überrollt - ins Gleisbett gestoßen hat sie offenbar ein Fremder. Der Täter hätte wohl gar nicht auf freiem Fuß sein dürfen.

Mittwoch, 20 Minuten vor Mitternacht. Eine Handvoll Leute wartet auf dem U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz auf den Zug. Tagsüber ist die Station wegen ihrer unmittelbaren Nähe zur Technischen Universität oft rappelvoll. Aber nachts ist sie eher leer und ruhig.

Eine kleine Gruppe Jugendlicher kommt nach und nach auf den Bahnsteig Richtung Ruhleben und verscheucht die Stille. Blicke fallen fragend auf die Blumen am Geländer an der Unterführung hinüber zur anderen Seite, wo die Linie 2 in Stadtviertel fährt, in denen auch um Mitternacht noch der Bär steppt. Rosen und Tulpen nah an der SOS-Notrufsäule? Hier muss etwas passiert sein.

Das Verbrechen sticht in seinem Wahnsinn heraus

Exakt 24 Stunden ist es nun her, da verlor eine junge Frau von einer Minute auf die andere ihr Leben, mussten Unbeteiligte hilflos mit ansehen, wie die 20-Jährige von einem Kriminellen mit brachialer Gewalt auf das Gleisbett gestoßen und von einem Zug erfasst wurde, brannte sich einer U-Bahnfahrerin ein Bild ins Gedächtnis, das sie wohl niemals vergessen wird. "Ein Leben ausgelöscht, ein anderes für immer ruiniert", fasst die Kioskverkäuferin der Station die Dramatik zusammen.

In Berlin hat sich in der jüngeren Vergangenheit mancher Gewaltexzess auf Bahnhöfen des öffentlichen Nahverkehrs ereignet. Es gab Messerstechereien, Prügelorgien und Versuche, Menschen zu töten, indem man sie ins Gleisbett warf.

Doch angesichts der Brutalität der Tat von Dienstagnacht bekennt sogar Innensenator Frank Henkel: "Dieses Verbrechen sticht in seinem Wahnsinn noch einmal heraus." Er ist garantiert nicht der einzige Berliner, der das so empfindet.

Er attackierte die Frau mit Anlauf von hinten

Dienstag, 20 Minuten vor Mitternacht. Nach allem, was bisher bekannt ist, starb die junge Frau, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort war. Täter und Opfer kannten sich nicht. Der 28-Jährige Hamburger mit iranischen Wurzeln attackierte die Frau ersten Erkenntnissen der Polizei zufolge mit Anlauf von hinten.

Er muss sie regelrecht gerammt haben, so dass sie nicht ansatzweise eine Chance hatte, den Angriff abzuwehren. "Das war eine nicht vorherzusehende Sekundenentscheidung. Die Tat hätte jeden treffen können", zitiert die "Bild"-Zeitung einen Ermittler nach Auswertung der Überwachsungskamera des Bahnhofs.

Eine Wahnsinnstat kann jeden treffen. Aber hätten es die Sicherheitsbehörden verhindern können, dass die 20-Jährige auf diesen brutalen Menschen traf?

Eine Antwort darauf hätte auch Innensenator Henkel gern. "Es muss die Frage gestellt werden, warum dieser Mann mit seiner Vorgeschichte nicht frühzeitiger gestoppt wurde", sagt der Christdemokrat unter Verweis auf das Vorstrafenregister des Kriminellen. Schon in jungen Jahren - der Angreifer muss 13 oder 14 gewesen sein - stach er in seiner Geburtsstadt Hamburg einen Mann nieder. Später erhielt er wegen gefährlicher Körperverletzung und Raubes zwei Jahre und neun Monate Jugendknast. Weitere Straftaten folgten, darunter Sachbeschädigung.

Das Motiv für die Tat liegt im Dunkeln

Am Mittwochabend wiesen die Berliner Behörden den Mann in die Psychiatrie ein. Ein Gutachter sah nach Justizangaben Anzeichen für eine erheblich geminderte oder das Fehlen jeder Schuldfähigkeit, was nur bei Drogen- oder Alkoholabhängigkeit oder einer eklatanten Persönlichkeitsstörung möglich ist, etwa Schizophrenie oder Paranoia. Schon einmal sei der 28-Jährige als Angeklagter wegen Schuldunfähigkeit um eine Verurteilung gekommen, hieß es bei der Justiz.

Das Motiv liegt im Dunkeln. Bislang schweigt der Mann in Vernehmungen. Noch ist nicht einmal der Grund bekannt, warum er von Hamburg nach Berlin kam, wo er in einem Obdachlosenheim nahe des Ernst-Reuter-Platzes nach einem Schlafplatz gefragt hatte, aber weggeschickt wurde. War er wütend? Musste die junge Frau deshalb sterben? Berlins Innensenator ist mitnichten der einzige Berliner, der wissen möchte, warum erst eine Frau sterben musste, ehe der Mann "gestoppt wurde". Zeugen des Angriffs auf dem U-Bahnhof hatten ihn bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten. Deutschland treibt nun die Frage um: Warum kann ein einschlägig polizeibekannter, offenkundig psychisch kranker Gewalttäter mit einer beachtlichen Zahl an Vorstrafen überhaupt frei herumlaufen? Hat niemand im Strafvollzugssystem die Gefährlichkeit erkannt?

Berliner Verkehrsbetriebe geben sich hilflos

Der Vorfall stärkt offenkundig das seit Jahren latent vorhandene und im Zuge der Flüchtlingskrise - besonders der Kölner Silvesternacht - gewachsene Gefühl in weiten Teilen der Bevölkerung, die Bundesrepublik sei ein unsicheres Land und der Staat könne seine Bürger nicht genügend schützen.

"Es ist erschreckend, wie sich solche Fälle seit einigen Jahren häufen. Noch vor vielen Jahren undenkbar", heißt es etwa im "Welt"-Leserforum. "Der Gesellschaftsvertrag zwischen dem Bürger und dem das Gewaltmonopol schützenden Staat wird immer ärgeren Belastungstests ausgesetzt", meint ein Leser in den Kommentarspalten der Berliner Zeitung "Tagesspiegel". "Niemand kann bei solchen Vorfällen etwas tun", sagt eine Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die jährlich fast eine Milliarde Fahrgäste transportieren, wovon etwa die Hälfte auf die U-Bahnen entfällt. Das Unternehmen verweist darauf, dass Vorfälle, die für Schlagzeilen sorgen, "extrem selten sind". Die Zahl der Straftaten im öffentlichen Nahverkehr der Hauptstadt sei insgesamt rückläufig, allein bei Taschendiebstählen sei eine Zunahme zu verzeichnen.

Debatte über bessere Sicherheitsmaßnahmen

Aber was sind schon Statistiken? Mit Zahlen und Fakten kommt man gefühlten Ängsten nicht bei. Der Schock sitzt tief, weil er zeigt: Niemand ist sicher, es kann jeden treffen, egal, wie sehr der Staat aufrüstet. Videokameras helfen etwa, Verbrechen aufzuklären, aber verhindern sie nicht.

Schon dreht sich im Internet die Schuldzuweisungsspirale. Weil der gebürtige Hamburger iranische Wurzeln hat - er soll die Staatsbürgerschaft des Iran haben - wird er in einen Topf mit Flüchtlingen und Asylbewerbern gesteckt. Jemand erklärt, er wünsche sich "amerikanische Verhältnisse". In den USA würde der Täter lebenslang weggesperrt oder "auf den berühmten Stuhl wandern". Ein Leserkommentator wirbt für "lebenslänglich als Urteil, das er dann in seiner Heimat absitzen sollte". Also Hamburg?

Wieder ist die in Berlin schon mehrfach geführte Debatte entbrannt, am Rand der Bahnsteige durchsichtige Schutzwände zu errichten, wie das an Stationen der U-Bahnen in Singapur, Hongkong oder Kyoto der Fall ist. Sie öffnen sich, wenn der Zug steht und seine Türen aufmacht.

Doch die BVG winkt ab. Denn in Berlin fahren zu viele verschiedene U-Bahn-Fahrzeugtypen. Für ein System mit externen Sicherheitstüren müssten alle Züge zentimetergenau halten können. Abgesehen von strengen Vorgaben des Denkmalschutzes, würde der Umbau Milliarden kosten. "Für Schutzwände müssten wir ein komplett neues U-Bahn-System bauen", heißt es bei der BVG.

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