Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Dunkelfeldstudie vom LKA Niedersachsen Deshalb zeigen Frauen Sexualstraftaten so selten an

Die vielen Hundert Anzeigen zur Silvesternacht in Köln sind eine Ausnahme: Laut einer LKA-Dunkelfeldstudie zeigen Frauen nur einen Bruchteil der Sexualdelikte an. Aber warum ist das so?

Die vielen Hundert Anzeigen von Frauen nach Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten stehen im Gegensatz zum Umgang mit solchen Sexualdelikten im Alltag.

Denn Frauen zeigen Belästigungen nach einer am Montag vorgelegten Dunkelfeldstudie des Landeskriminalamtes Niedersachsen (LKA) nur selten an, obwohl sie unter den Folgen häufig leiden. Eine Dunkelfeldstudie versucht auf Basis von Befragungen, die tatsächliche Kriminalität zu schätzen.

Nach der Untersuchung wurden 2014 nur 5,9 Prozent aller Sexualdelikte angezeigt, sagte LKA-Präsident Uwe Kolmey. "Das ist bemerkenswert und deutet auf eine Bagatellisierung bei den Opfern hin." Die Polizei sei somit nur mit einem kleinen Bruchteil der Sexualdelikte befasst.

Übergriffe im öffentlichen oder privaten Raum würden von Frauen oft schlichtweg ertragen und nicht als Unrecht gesehen, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). Frauen würden oft belästigt, ohne dass sie wüssten, ob das schon eine Straftat sei.

1,5 Prozent aller Befragten wurden Opfer einer Sexualtat

Nach der Befragung, an der sich über 20.000 Niedersachsen beteiligten, wurden 1,5 Prozent Opfer einer Sexualtat. Zumeist handelte es sich um 16 bis 34 Jahre alte Frauen. Die meisten fühlten sich bedrängt, Fälle von Missbrauch und Vergewaltigung hatten nur einen geringen Anteil.

Mit Schildern mit der Aufschriften "Wir sind kein Freiwild! Finger weg!" und "Frauen sind kein Freiwild!" demonstrieren Frauen Mitte Januar in Hamburg. (Foto: dpa)

In der niedersächsischen Polizeistatistik für 2014 wurden 1484 Sexualdelikte erfasst – auf Basis der Dunkelfeldstudie ereigneten sich hochgerechnet jedoch 21.200 Taten.

Das Anzeigeverhalten hing nach der Studie von der Schwere der Vorfälle ab. Bei Missbrauch wurden 38,2 Prozent der Fälle angezeigt. Frauen, die sich bedrängt fühlten, gingen nur in 5,6 Prozent der Fälle zur Polizei. Grund zur Anzeige war in allen Fällen der Wunsch nach einer Bestrafung des Täters.

70,5 Prozent der Opfer wollten außerdem eine Wiederholung verhindern. Immerhin 13,9 Prozent bezeichneten die erlittene Sexualtat als emotional belastend, 2,9 Prozent klagten über gesundheitliche Folgen.

Überlastete Polizei

Der am meisten genannte Grund, auf eine Anzeige zu verzichten, war die Einschätzung, dass die Tat nicht so schwerwiegend war (51,1 Prozent). Oft regelte das Opfer die Angelegenheit auch selbst (42,8) oder wollte seine Ruhe haben (32,1).

Andere Frauen nannten als Grund, sie hielten die Tat für ihre Privatsache (19,3), hätten Angst vor dem Täter (13,4) oder wüssten nicht, dass es sich um eine Straftat handelte (11,8). In einigen Fällen gaben die Opfer auch an, sie hätten schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht (4,7 Prozent).

Wie der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer sagt, hängt die niedrige Anzeigequote auch damit zusammen, dass vieles, was Frauen passiere, vom Gesetz nicht adäquat erfasst werde. Deswegen bliebe manche Belästigung straffrei.

Selbst bei angezeigten Vergewaltigungen kam es zuletzt 2014 nur in 7,7 Prozent der Fälle zu einer Verurteilung – vor gut 20 Jahren waren es noch 21,6 Prozent. Hier wirke sich auch aus, dass die Frauen zunehmend Männer aus ihrem sozialen Umfeld anzeigten – dann stehe Aussage gegen Aussage. Die überlastete Polizei versäume es häufig, die Aussage von Opfern mit der Kamera aufzuzeichnen, was für eine spätere Beurteilung der Glaubwürdigkeit entscheidend sei. Auch bei weniger schweren Taten ermuntere die Strafverfolgungspraxis nicht zum Erstatten einer Anzeige.

Aufruf, Frauen beizustehen

Bei Belästigungen im öffentlichen Raum rief Pfeiffer dazu auf, Frauen beizustehen. Nur einige wenige hätten die Courage, einem Grapscher in der vollen U-Bahn eine Ohrfeige zu verpassen. Wenn bei einer Belästigung aber ein anderer Fahrgast aufstehe und weitere zum Einschreiten auffordere, könnten Frauen geschützt werden.

Die Geschäftsführerin von Terre des femmes, Christa Stolle, sagte, es gebe bei etlichen Sexualdelikten im Strafrecht Lücken, sodass zahlreiche Taten auch nach einer Anzeige straffrei bleiben. "Natürlich beeinflusst dies die Anzeigebereitschaft der Betroffenen."

Hinzu komme, dass es für die Opfer nach wie vor keine Garantie für eine psycho-soziale Begleitung während des Strafprozesses gebe. Gleichzeitig finde nach wie vor eine Bagatellisierung sexueller Gewalt durch die Gesellschaft statt. "Diese Verharmlosung und gleichzeitig Tabuisierung sexueller Übergriffe trägt ebenfalls dazu bei, dass Betroffene von einer Anzeige der Tat Abstand nehmen."

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

 
Artikel kommentieren

Bitte loggen Sie sich ein, um Kommentare zu schreiben.

Login

Artikel als "Nickname" kommentieren:

Noch 800 Zeichen

Leserkommentare ()
Weitere Kommentare anzeigen ()