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Bildung Warum Schüler trotz guter Noten Nachhilfe nehmen

Nachhilfe ist ein Markt, der fast eine Milliarde Euro schwer ist. Eine Studie hat untersucht, welche Motive Eltern und Schüler leiten. Dabei steht vor allem ein Fach im Mittelpunkt ihrer Bemühungen.

Übung macht den ... jaja. Solche nervigen Sprüche müssen sich Kinder und Jugendliche seit Generationen von ihren Eltern anhören, wenn die entscheiden, dass das mit den Vieren und Fünfen in den Schulaufgaben nicht mehr so weitergehen kann. Dabei geht es selten darum, aus dem Sprössling wirklich einen Meister zu machen. Nachhilfe dient oft in erster Linie dazu, Schlimmeres zu verhindern. Aber eben nicht mehr ausschließlich.

Eine Studie der Bildungsforscher Klaus Klemm und Nicole Hollenbach-Biele im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die Kinder zwischen sechs und 16 Jahren im Auge hatte, hat gezeigt, dass Nachhilfe in Deutschland auch von vielen Schülern in Anspruch genommen wird, die sie eigentlich gar nicht brauchten. "Das Ziel der Teilnahme an Nachhilfeangeboten liegt nicht mehr nur darin, unzureichende schulische Noten zu verbessern und dadurch zum Beispiel eine Klassenwiederholung zu vermeiden", schreiben die Autoren. So hätten immerhin fast 40 Prozent aller Kinder, die Nachhilfe im Fach Deutsch erhalten, eine Schulnote zwischen "sehr gut" und "befriedigend".

(Foto: Infografik Die Welt)

In Mathematik und Fremdsprachen sei der entsprechende Anteil mit 34 beziehungsweise 33 Prozent nur unwesentlich geringer. In sonstigen Fächern weisen sogar gut drei Viertel der Nachhilfeempfänger befriedigende oder bessere Noten auf. Es gehe, so sind sich die Autoren sicher, dabei vornehmlich darum, "durch eine Leistungsverbesserung die Chancen eines Übergangs in anspruchsvolle Bildungs- und Ausbildungswege zu steigern." Anders formuliert, könnte man sagen: Die Kinder sollen oder wollen besser sein als die anderen.

Es ist ein auffallender Befund, den Studien der letzten Jahre gleichfalls nachgewiesen haben. Dies entspricht einem allgemein angenommenen gestiegenen Distinktionsbedürfnis von Eltern und Schülern. In Zeiten, da gerade zum Ende der Schullaufbahn hin auf dem Gymnasium mehr und mehr gute und sehr gute Noten vergeben werden, steigt das Bedürfnis, ganz oben mithalten zu können. Eine durchschnittliche Leistung ist oft nicht mehr ausreichend, um den gewünschten Studienplatz zu ergattern.

Deutschland scheint sich einem Trend zu nähern

Wenig überraschend nimmt fast jeder fünfte Gymnasiast Nachhilfe (18,7 Prozent). In der Grundschule sind es lediglich knapp fünf Prozent der Schüler. Das Fach, das dabei im Mittelpunkt steht, ist die Mathematik. 61 Prozent aller Nachhilfeschüler quälen sich mit Zahlen, Bruchrechnen, Funktionen und Geometrie. 46 Prozent erhalten Unterstützung bei Fremdsprachen, 31 Prozent in Deutsch.

Falls hinter der Tatsache, dass viele gute und sehr gute Schüler Nachhilfe nehmen, ein zunehmender Trend steckt, dann hieße das, dass Deutschland sich an ein Muster annähert, das international normal ist. Denn wenngleich hierzulande rund 1,2 Millionen Schüler abseits des Pflichtunterrichts nacharbeiten – das entspricht einem Anteil an allen Schülern zwischen sechs und 16 Jahren von 14 Prozent –, sind das, verglichen mit anderen Ländern, wenige. Darüber haben die Pisa-Studien Auskunft gegeben.

Gerade in den asiatischen Staaten ist Nachhilfe nicht als mögliche, sondern als obligatorische Ergänzung etabliert. Betrachtet man die Mathematik, so nehmen 70 Prozent der 15-jährigen Japaner Hilfsangebote in Anspruch. Die Zahlen stammen aus der Pisa-Studie 2012. Es folgen 66 Prozent der Koreaner, 55 Prozent der Griechen und 53 Prozent der Portugiesen. 41 Prozent der Briten büffeln Mathe mit Lehrern, Studenten oder Verwandten, 37 Prozent der Tschechen. Die Deutschen bewegen sich mit 28,6 Prozent dagegen im unteren Drittel.

Nachhilfe soll einen Wettbewerbsvorteil verschaffen

In vielen Ländern dient Nachhilfe nicht dazu, schulische Desaster zu verhindern. Es geht meist darum, sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Während 90 Prozent der deutschen Schüler nicht öfter als drei Stunden pro Woche Nachhilfe nehmen, ist dies in den asiatischen Staaten eher das Tagespensum. Der soziale Druck, den eigenen Kindern die Zusatzförderung nicht zu versagen, ist dort ungleich höher, als es noch in Deutschland der Fall ist. Doch, wie gesagt, möglicherweise verändert sich hier gerade etwas.

Der traditionell links orientierten Bertelsmann-Stiftung, die ein starkes Gewicht auf Chancengleichheit legt, will das natürlich nicht schmecken. So fordert Vorstand Jörg Dräger erwartungsgemäß: "Nachhilfe darf kein Ersatz für fehlende individuelle Förderung sein. Gerade die weiterführenden Schulen müssen sich noch besser auf die Vielfalt ihrer Schüler einstellen."

Gelingen soll das durch den Ausbau von Ganztagsschulen, vor allem jenen in gebundener Form, das heißt mit einem verpflichtenden und durchorganisierten Nachmittagsunterricht, der eine Hausaufgabenbetreuung einschließt. Dort ist Nachhilfe kostenlos, was der Stiftung in Bezug auf die Chancengerechtigkeit wichtig ist. Denn Schüler aus Elternhäusern mit mindestens 3000 Euro monatlichem Netto-Einkommen nutzen Nachhilfe grundsätzlich häufiger (15 Prozent) als jene mit geringem Einkommen (zwölf Prozent). Von den Schülern mit Migrationshintergrund lassen sich nur elf Prozent helfen, im Gegensatz zu 14 Prozent der übrigen Kinder und Jugendlichen.

Nachhilfe ist fast ein Milliardengeschäft

Eine Enttäuschung dürfte es für die Stiftung wie für viele andere im Bildungswesen Tätige und in die Digitalisierung des Lernens geradezu vernarrte Organisationen sein, dass lediglich vier Prozent der Betroffenen digitale Nachhilfeformate nutzen. Offenbar braucht es nach wie vor selbst bei der Generation der sogenannten Digital Natives eine reale Person, die erklärt und Leistung einfordert.

Bei der Frage, ob Nachhilfe etwas bringt, hält sich die Studie ein wenig zurück. Eine eigene Untersuchung wurde dafür nicht angestellt. Die Forscher verweisen lediglich auf andere Untersuchungen und kommen zu dem wenig befriedigenden Ergebnis, dass die einen so sagen und die anderen so. Das Thema unterliegt in der Bildungsforschung ebenso ideologischen Streitereien wie das Thema Hausaufgaben. Von ihnen behaupten die einen ebenfalls, die brächten nichts und man möge sie bitte sofort abschaffen, während andere sehr wohl von wichtigen Vertiefungseffekten sprechen.

Doch anders als Hausaufgaben, die Kultusministerien im Zweifel tatsächlich abschaffen könnten, werden sich Eltern wohl die Nachhilfe nie ausreden lassen. Obwohl sie viel Geld kostet. Klemm und seine Kollegin haben sich getraut, eine Summe für die Kosten der jährlichen erteilten Nachhilfestunden zu errechnen. Abzüglich jenes Anteils, der etwa in den Ganztagsschulen kostenlos erteilt wird, kommen sie auf eine Summe von 879 Millionen Euro. Pro Kopf und Woche geben Eltern also 87 Euro aus. Nicht nur Übung macht eben den Meister, sondern auch Geld.

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