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Suchtbeichte eines Arztes Während der OP spritzte er sich Opioide

Kokain hielt ihn wach, Schmerzmittel im Kaffee linderten die Angst, Narkosespritzen betäubten den Stress im OP. Ein Arzt erzählt seinen Weg in eine Sucht, die immer stärkere Stoffe verlangte.

Gefährlich sind die guten Momente. So wie neulich, als er mit Freunden beim Griechen saß. Der Abend war lustig, das Essen lecker, und plötzlich war da die Lust zuzugreifen, den Ouzo, der mit der Rechnung gereicht wurde, nicht zurückgehen zu lassen. An schlechten Tagen spürt er das Verlangen nur noch selten. Aber auch das kommt vor.

Ein Patient fragte ihn nach einem anstrengenden Tag in der Praxis mal: "Hab' Heroin dabei. Willste was?" Da war das Kribbeln kurz wieder da. Er hat ihm nicht nachgegeben. Dann, das weiß er, begänne alles von vorn. Die Leere, der Schmerz, der Ekel. Die Sucht.

Er ist Arzt und steht auf der anderen Seite. Er kennt viele Menschen in Gesundheitsberufen, die abhängig sind. Von Alkohol, Cannabis, Medikamenten, Kokain. Das habe auch mit dem Beruf zu tun, sagt er, dem Arbeiten zwischen Leben und Tod, der Verantwortung. Und er kennt viele, die wegschauen. Die wissen oder ahnen, dass da jemand Alkohol trinkt, Tabletten schluckt, Opiate spritzt. Die nichts sagen, aus Angst, die Approbation des Kollegen zu gefährden, den Dienstplan oder die eigene Karriere.

Auch bei ihm sahen viele weg. Jahrelang. Bis heute fragt er sich, was gewesen wäre, wenn jemand gesprochen hätte.

Schmerzmittel im Kaffee, Koks vorm Bier

Er will nicht mehr schweigen. Seine Familie, Freunde, Kollegen wissen, dass er drogenabhängig war. Er hält Vorträge vor Pflegekräften, spricht bei Aufklärungsveranstaltungen. Nur will er auch in Zukunft mit Patienten arbeiten und darum nicht mit seinem Namen an die Öffentlichkeit.

Die Kneipe, in der er sitzt, liegt nicht weit entfernt von der Klinik, wo er sich einst in den OP-Pausen Schmerzmittel in den Kaffee träufelte, Narkosemittel in die Venen spritzte. Früher kam er oft hierher, trank sein Bier, nachdem er eine Line Koks gezogen hatte.

Jetzt trinkt er Kaffee, später eine Saftschorle, alle halbe Stunde muss er vor die Tür, eine rauchen. Die einzige Sucht, von der er nicht loskommt. Seit zweieinhalb Jahren sei er clean, sagt er. Groß ist er, blond, blauäugig. 37 Jahre alt. Ein Mann, der den Raum füllt – doch so wirkt, als sei es ihm unangenehm. Er redet schnell, fast atemlos, so, als wäre jemand hinter ihm her.

Ärzte sind stärker gefährdet

Die Drogen, sagt er, habe er lange als Medikament gesehen, sogar das Kokain. Mal halfen sie gegen die Schmerzen, meist gegen die Unruhe, dann wieder gegen die Lethargie. Die Ahnung, krank zu sein, war da, krank an der Psyche, ja, "aber doch nicht suchtkrank".

Ärzte, das sagen Experten, seien stärker als viele andere Berufsgruppen gefährdet, süchtig zu werden, bis zu acht Prozent würden es mindestens einmal im Laufe ihres Berufslebens – doppelt so viele wie in der Normalbevölkerung. Konkrete Zahlen werden nicht erhoben, wer sich mit dem Thema beschäftigt, ist vorsichtig mit dem, was er sagt, die Berufsverbände reagieren sensibel. Es ist ein Tabu, dass die, die heilen sollen, selbst suchtkrank sind.

Bei ihm gab es eine familiäre Vorbelastung. Alkoholsucht, sagt er, habe Tradition in seiner Familie. Ein Onkel starb daran, eine Tante trinkt bis heute täglich ein, zwei Flaschen Wein. Der Vater, Vorstand eines großen Hamburger Konzerns, sprach kaum mit der Familie, saß abends vor dem Fernseher und trank. Er, der älteste von drei Söhnen, war ein ängstliches Kind, leicht abgelenkt, hyperaktiv wohl auch, mit wenig Selbstvertrauen.

Speed-Premiere endet in der Psychiatrie

Alkohol war für ihn immer Zweitdroge, das Mittel, das ihn runterholte nach dem Höhenrausch. Mit Cannabis hatte es angefangen. Da war er 16. Es machte ihn ruhiger, cooler auch. Nach dem Abitur ging er im Zivildienst zu den Sanitätern, ließ sich zum Rettungsassistenten ausbilden. Blaulicht, Noteinsätze, Adrenalin, ein Rausch schon das. Er kiffte da längst jeden Tag, trank Alkohol dazu. Am Tag nach der schriftlichen Prüfung nahm er zum ersten Mal Speed. Zu Hause zerlegte er sein Zimmer, bis die Tante kam und ihn in die Psychiatrie brachte. Sechs Wochen Entgiftung, drei Monate Therapie. Es war die erste von vielen.

Er begann, Medizin zu studieren, dem Vater und dessen Statusdenken zuliebe, jobbte nebenbei weiter als Rettungsassistent. 25, 30 Stunden in Nacht- und Wochenenddiensten. Speed machte ihn wach, er war dann schnell, lebendig. Irgendwann probierte er Kokain. Die vielen Hochs, das war noch besser, aber auch teuer. 120 Mark pro Gramm, später 80 Euro. Drei Gramm kaufte er, oft donnerstags. Wollte es sich einteilen fürs Wochenende, gelang ihm nur nie. Schon am Freitag brauchte er die nächsten drei Gramm.

Morgens wachte er auf mit Schmerzen und Nebel im Kopf, erschien zerschmettert bei der Rettungsstelle. Natürlich merkten die Kollegen das. Viele koksten ab und zu sogar mit. Er kenne einige, die das könnten, ohne süchtig zu werden. Es hätte so viel schiefgehen können. "Ging aber nicht", sagt er und, dass er ein guter Rettungsassistent war, zumindest anfangs.

Kommt die Frau nicht, kommt ein Mann

Mit 22 hatte er die erste Freundin. "Ein tolles Mädchen, aus einer heilen Familie." Nach einem halben Jahr begann er sie zu betrügen. Nachts chattete er mit Frauen, sah sich Pornos an, schleppte in Clubs Frauen ab. Der Sex war meist schlecht, vollgedröhnt, wie er war. Immer ungeschützt. Es war ein Kick, vielleicht auch mehr das Versprechen darauf, das so kurz hielt wie der Koksrausch. Zurück blieb das gleiche Gefühl, die Leere, Scham auch. Fünf Jahre ging das so. Dann verließ er seine Freundin.

Mit den Frauen war es danach wie mit den Drogen, wenn sie neu waren. Am Anfang war er verliebt, aber der Glücksrausch wurde jedes Mal kürzer. Später, als er kaum noch rausging, sich zu Hause beim Chat vor dem Computer zudröhnte und wusste, eine Frau kommt nicht mitten in der Nacht zu einem Fremden, da traf er sich auch mit Männern. Die kamen immer. Hauptsache Nähe, nur etwas spüren und sei es Schmerz oder Ekel am Morgen danach.

Er kokste, wann immer er genug Geld hatte. Das Kokain-Hoch war fast nicht auszuhalten, Alkohol dämpfte es. Sein Ritual ging so: Eine Nase Koks, ein Glas Jägermeister, eine Zigarette, etwas Bier und wieder von vorn, nächtelang. Zum Schluss eine halbe Flasche Wein, um einschlafen zu können.

Er muss jetzt raus vor die Tür, braucht ein paar Züge. Er raucht Prinz, die mit dem höchsten Nikotingehalt. Reden, sagt er, das konnte er schon früher gut. Nur nicht über seine Sucht. Er schmeißt die halbe Zigarette auf den Gehweg. "Kann weitergehen", sagt er, als sei etwas abzuarbeiten.

Dann kam die Depression

Das praktische Jahr machte er in einem Notfallkrankenhaus. Nach drei Wochen stand er vor dem Wagen mit den bunten Röhrchen für die Blutabnahme und wusste nicht mehr, welche Farbe er holen sollte. Der Kopf war leer, er schwitzte. Eine Depression, wohl auch eine Folge der Drogen.

Nach sechs Wochen Therapie in einer Klinik nahm er Psychopharmaka und dachte, jetzt werde alles gut. Tabletten für die kranke Psyche. Morgens Citalopram, SSRI, Antidepressivum für die Stimmung, abends Quetiapin, ein Neuroleptikum, zum Schlafen. Ab und an ein bisschen Koks, das sollte schon noch gehen, dachte er.

Morgens Citalopram, SSRI, Antidepressivum für die Stimmung, abends Quetiapin, ein Neuroleptikum, zum Schlafen. (Foto: Getty Images)

Das praktische Jahr in der Klinik war eine Tortur, er fehlte oft, auch aus Angst, Fehler zu machen. Nahm er keine Drogen, nickte er weg bei den OPs, zog sich einen Schuh aus, trat mit dem anderen auf den Zeh, um sich wachzuhalten. Nahm er Drogen, nutzte er jede Chance, um auf die Toilette zu gehen, wo er die größtmögliche Nase zog. Zurück im OP lief die Nase dann. "Heuschnupfen", sagte er, ein anderes Mal "Grippe", oder "nasaler Typ eben". Was er den Kollegen nicht alles erzählte, während es aus dem Gesichtsschutz tropfte. "Man lernt zu tricksen", sagt er.

Er führt jetzt durch die Klinik von damals, die leeren Gänge, die Treppen, die er zur Toilette runterraste in voller OP-Montur, was wegen der Sterilität verboten war. Er hätte sich umziehen müssen, aber dann hätte die Pause nicht gereicht für den Kick, der ihn durch die nächste Stunde brachte.

"Hier", sagt er, "fragte mich mal ein Oberarzt, ob ich Drogen nehme". "Nein", antwortete er. Das war's, keine Nachfrage.

Angst hatte er. Fehler zu machen, Menschen zu gefährden. Aber vor allem aufzufliegen. Die Gedanken kreisten bald nur noch um die Angst und um den nächsten Rausch.

Das Propofol lag bereit

Propofol, das Narkosemittel, mit dem sich Michael Jackson zu Tode spritzte, hatte er seit Jahren zu Hause. Das Stauband, die Spritzen abgepackt. Sterben, so dachte er, sei ein Ausweg. Fünf Mal schrieb er einen Abschiedsbrief an die Eltern. Der musste am nächsten Tag noch gefallen, so die Abmachung mit sich selbst, dann wollte er sich die Spritze setzen. Der Brief gefiel nur nie. Er hing ja am Leben, glaubte nur, nicht mehr leben zu können.

Nach dem Examen, durch das er sich quälte, folgte die Ausbildung zum Facharzt. Er wollte Anästhesist werden, auch der Narkosemittel und Medikamente wegen. Anästhesisten sind die, die mit dem Notarzt rausfahren, mit in den Schockraum gehen, beim Reanimieren dabei sind. Aufregung, Drama, Rausch, dachte er.

Gegen die Schmerzen im Kopf, im Körper nahm er nun Tilidin, ein starkes Schmerzmittel. 20, 30 Tropfen in den Kaffee am Morgen. Patienten werden maximal vier solcher Dosen pro Tag verordnet. Er nahm sie alle zwei Stunden, bis zu zehn Dosen, tropfte sich Tilidin in den Kaffee, den die Schwestern in den OP-Raum brachten. Es milderte die Angst vor Fehlern und Handgriffen, die er nicht beherrschte. Er versuchte, die Schichten mit Nicht-Entscheiden durchzustehen, abzuwarten, bis ein Kollege kam, den er fragen konnte.

Als die Spritze daneben ging

Einmal, da musste er handeln, er machte einen Fehler, als er eine Spritze in eine Vene setzte. "Das passiert auch erfahrenen Ärzten", sagt er. Aber es passierte ihm. Statt Blut zog er Luft an, die Lunge war getroffen. Die Patientin kollabierte, sie konnte stabilisiert werden, doch ihr Heilungsprozess wurde erschwert. Es sei der einzige Fall, von dem er wisse, dass er wirklich Schaden angerichtet habe. Er hofft, dass es der einzige ist.

Irgendwann half nichts mehr gegen die Schmerzen. Da griff er nach dem Narkosemittel in seiner Medikamententasche, die er für Notfälle mit sich führte, und spritzte sich Fentanyl. Anfangs reichten ein bis zwei Milliliter für zwei bis drei Stunden, so viel wie für die Einleitung einer OP. Später brauchte er es stündlich. Hetzte wieder die Treppen hinunter zur Toilette, staute den Arm, zog die fertigen Spritzen aus der Hosentasche.

Am Morgen zu Hause bereitete er sich zehn, 15 solcher Spritzen für den Tag vor. Irgendwann war er bei fünf Milliliter pro Injektion, wovon ein gesunder Mensch Atemstillstand bekommt. Am Ende waren es bis zu zehn Milliliter. Am liebsten gekühlt, eine halbe Ampulle rechts, eine halbe links, spürte er wie die kalte Substanz in der Vene den Arm hochlief, in den Nacken bis in den Kopf. 30–40 Minuten Ruhe hatte er dann, später kürzer. So viele Pausen konnte er gar nicht machen.

Was hält ein Körper aus? "Viel", sagt er. "Wenn man so lange an Drogen gewöhnt ist wie ich." Die Folgen spürt er noch heute. Seine Nasenschleimhäute sind kaputt, er riecht schlecht, ist schnell außer Atem. Er zeigt seine mit kleinen Punkten übersäten Hände. Einstichstellen von feinen Subkutannadeln, gedacht für Lokalbetäubungen unter der Haut.

„Wer sehen wollte, wusste Bescheid“

Zuletzt injizierte er sich das Fentanyl einfach in die Hände während der OPs. Er tat dann so, als suche er etwas in der Tasche, gebückt hinter dem Vorhang. Entzündet waren die Hände, die Armbeugen sowieso. Er rieb sie mit Make-up ein, bräunte sie auf der Sonnenbank, damit die dunkleren Stellen nicht so auffielen. "Aber wer sehen wollte, wusste Bescheid", sagt er.

Er machte Therapien, ambulante, stationäre. Er mochte einige der Therapeuten, nur war er nie ehrlich zu ihnen, nie zu sich selbst, nahm oft schon während der Behandlung wieder Drogen. Der Betriebsarzt steckte ihm Broschüren mit Hilfsangeboten zu, fragte nach längeren Klinik-Aufenthalten, ob er suchtfrei sei. "Ja", log er.

Am Ende injizierte er sich das Fentanyl nur noch nach Gefühl, nahm sogar die Reste der Patientendosen, aus Sorge, sein hoher Bedarf könnte bei den Apotheken auffallen. Hoffte insgeheim, zu viel zu spritzen. Einschlafen. Aus.

Bis ihn eine Apothekerin tatsächlich bei der Ärztekammer anzeigte. Zu gern würde er sich heute bei ihr bedanken.

Er wurde in die Ärztekammer zitiert. Im Büro des Geschäftsführers wusste er: Es ist vorbei. Endlich. Er zeigte seine zerstochenen Arme, die Hände, erzählte alles. Für zwei Jahre verlor er die Zulassung. Der Ärztekammer-Chef empfahl ihm die Oberbergkliniken, die sich auf suchtkranke Ärzte spezialisiert haben. Zum ersten Mal verstand er dort, dass er nicht nur psychisch krank, dass er zuallererst suchtkrank war.

Er traut sich selbst noch nicht

19 Wochen später wurde er entlassen. Er war clean, aber sein Leben war weg. Anästhesie, Notarzt, das wusste er, ging nicht mehr. Unter strengen Auflagen begann er die Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner in einer Praxis. Alle paar Wochen gab er Haar- und Urinproben ab, die auf Drogen getestet wurden. Führte Gespräche in der Suchtklinik, die Berichte gingen an die Ärztekammer.

Bis heute trifft er sich alle zwei, drei Monate mit dem Geschäftsführer. Hat mit ihm vereinbart, die Drogentests auf eigene Kosten auch nach den geforderten zwei Jahren fortzuführen. Er traut sich selbst noch nicht genug. Noch mindestens fünf Jahre will er damit weitermachen.

Vergangenes Jahr ist sein Vater gestorben. Als es mit ihm zu Ende ging, hat er ihm Morphium gegen die Schmerzen gespritzt. Er hatte das Opiat stets dabei. Nur wegen der Tests sei das gegangen, sagt er. Er wäre aufgeflogen, wenn er was genommen hätte. Die Tests, die sind sein doppelter Boden.

Er hat wieder eine Anstellung, in der Inneren Abteilung einer Klinik, er arbeitet dort mit Suchtkranken. (Foto: Franz Bischof)

Er hat wieder eine Anstellung, in der Inneren Abteilung einer Klinik, er arbeitet dort mit Suchtkranken. Und er hat wieder Träume, von einer eigenen Praxis, von einer Familie vielleicht.

Er sagt, er achte jetzt auf sich. Vier Mal die Woche macht er Kraftsport, komme was wolle. Er schulde diesem geschundenen Körper was. Zum ersten Mal in seinem Leben steht er wirklich auf der anderen Seite der Sucht.

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