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Rätselhafter Vermisstenfall Über das Leben mit dem Unerklärlichen

Im Dezember besuchte Lars Wunder eine Feuerwehrfeier. Danach verliert sich seine Spur. Der Fall ist für die Polizei ein Rätsel. Schon machen die wildesten Gerüchte die Runde in den Dörfern.

Die weiß verschneiten Felder links der Ems wirken so menschenleer und endlos weit, als wäre die Gegend lange verlassen und aufgegeben worden. Kein Mensch ist auf der Straße, kein Auto zu sehen. Nicht einmal der Wind pfeift durch die Straßen der Dörfer, die hier Jemgum, Critzum und Midlum heißen.

Laut ist es dennoch: Hunderte Nonnengänse, die auf dem Hammrich fressen, schnattern in die Stille hinein, als wollten sie sie vertreiben. Herbert Mühlena stapft den Deich hoch und blickt in den schneegrauen Himmel Ostfrieslands, der sich in der Ferne mit dem Horizont vermischt. "Jeden Tag gehe ich hier rauf und suche den Fluss ab. Vielleicht sehe ich ihn ja."

Es wäre eine Erleichterung, wenn der Körper in der Ems gefunden werden würde. Einerseits. Andererseits bedeutete dies, dass Lars Wunder tot ist, und Mühlenas Tochter Meike will sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. "Ich habe immer noch die Hoffnung, dass er noch lebt", postet sie immer wieder auf ihrer Facebook-Seite, auf der sie nach ihrem Mann sucht.

Ein Unfall? Ein Suizid? Ein Verbrechen?

Doch Lars Wunder ist verschwunden. Seit er in der Nacht zum 6. Dezember 2015 offenbar sturzbetrunken ein Feuerwehrfest verließ, hat ihn niemand mehr gesehen. Nur sein ausgeschaltetes Handy wurde auf der anderen Straßenseite an einer Hecke gefunden, zusammen mit ein paar Münzen. Seitdem ist alles denkbar, jedenfalls theoretisch, weil es keine echten Spuren oder Zeugen gibt: ein Unfall. Eine Flucht. Suizid. Oder ein Verbrechen. Aber so richtig vorstellbar ist das alles für niemanden, der Lars Wunder kennt.

Herbert Mühlena ist Ortsvorsteher und Ortsbrandmeister in Critzum, 160 Einwohner, und niemand, der dumpf auf dem Sofa über der bohrenden Frage brütet, was seinem Schwiegersohn wohl zugestoßen sein mag. Mühlena ist ein Retter. Als Lars verschwand, holte er eine Karte aus dem Schrank und markierte ein Suchgebiet. Jeder Graben, jeder Schlot, der dem 31-jährigen zum Verhängnis werden konnte, sollte abgesucht werden.

Hunderte Dorfbewohner suchten die Felder ab, wateten durchs Wasser, krochen unter Bäume und Sträucher. Polizisten schickten Suchhunde los, die die Spur des Vermissten am Feuerwehrhaus aufnahmen und bis in die nächste Siedlung verfolgten; da brach sie dann ab. Stieg er in ein Auto ein? Wenn ja, kannte er den Fahrer? Oder gab es einen Verkehrsunfall? Herbert Mühlena zuckt mit den Achseln. "Ich weiß es nicht. Man kann ja nur spekulieren."

Keine Schulden, keine Affären, keine Depressionen

Die Beziehung war glücklich, Meike habe mit Lars ihren "Traummann" gefunden, wie sie sagt. Der Bauarbeiter hatte keine Schulden, keine Laster, keine Nebenher-Affären, keine Feinde, keine Depressionen. Er war ein ganz normaler junger Mann, seit zwei Jahren verheiratet, und lebte mit Meike in einem eigenem Haus mit der Aussicht auf ein geregeltes Leben in einem Landstrich, der einen in der Regel vor Überraschungen verschont. Warum sollte er sich umbringen? Warum abhauen? Und wohin?

Und weil hier so viel in Ordnung ist – oder wenigstens zu sein scheint –, hat Dominik Raake nun einen schlechten Lauf. Er sitzt in einem kleinen Büro des Polizeigebäudes an der Leeraner Georgstraße und blickt sein Gegenüber an, als habe er ihm gerade aus Versehen Salz in den Kaffee geschüttet. "Wir haben wenige konkrete Hinweise, die uns weiterhelfen können", sagt der Polizeikommissar in einem beinahe entschuldigenden Tonfall. Ihm gehen die Ermittlungsansätze aus, er weiß nicht mehr weiter.

Raake hat sich tief in das Leben von Lars Wunder eingegraben. Er hat sein Handy gecheckt, alle SMS gelesen, seinen Computer durchforstet, E-Mails überprüft, Kontenbewegungen analysiert, den Freundeskreis abgeklopft. Viel gab es wohl nicht zu lesen in Wunders Leben, jedenfalls nichts, was mit seinem Fall zu tun hätte.

9600 Menschen in Deutschland gelten als vermisst

Schon machen die wildesten Gerüchte die Runde in den Dörfern am Deich: Lars Wunder wurde angefahren, der Fahrer hat den schwer Verletzten in den Kofferraum geladen und ihn irgendwo anders abgelegt. Oder Organjäger haben sich über ihn hergemacht. Es muss doch etwas geben.

Aber manchmal gibt es eben nichts. Menschen verschwinden, das ist nichts Ungewöhnliches. Im September 2015 speicherte das Bundeskriminalamt (BKA) in der Datei "Vermisste / Unbekannte Tote" fast 11.500 Fälle ab, darunter waren etwa 9600 in Deutschland als vermisst gemeldete Personen, teilte die Behörde mit. In dieser Zahl sind sowohl Fälle enthalten, die sich innerhalb weniger Tage aufklären, als auch Vermisste, die bis zu 30 Jahre verschwunden sind.

Täglich werden jeweils etwa 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst – und auch gelöscht.

Erfahrungsgemäß erledigen sich etwa die Hälfte der Vermisstenfälle innerhalb der ersten Woche. Binnen Monatsfrist liegt diese Quote bereits bei über 80 Prozent. Der Anteil der Menschen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewegt sich bei nur etwa drei Prozent. Wer also in den ersten vier Wochen nach dem Verschwinden nicht wieder auftaucht, bleibt in der Regel länger verschollen.

Viele Theorien. Was fehlt, ist eine Leiche

Aber dass Organjäger ihr grausames Werk verrichten, ausgerechnet mitten in der Nacht im beschaulichen Ostfriesland? Raake kennt die Schauermärchen aus den Dörfern. Es wird viel getratscht. Er lächelt und blickt auf den Schreibtisch.

Er weiß, dass jedes ernsthafte Dementi dieses Unsinns schon wieder die nächste Spekulation anheizen könnte. "Ein Verkehrsunfall hätte Spuren hinterlassen müssen; wir haben aber keine gefunden", sagt der Ermittler. "Einen Unfall können wir nicht ausschließen, aber wir haben nichts gefunden, obwohl das Gebiet weiträumig abgesucht worden ist."

Raake ist erst seit sechs Jahren bei der Polizei, er hat zurzeit neben der Vermisstensache eine Sexualstraftat, eine Körperverletzung und ein Tötungsdelikt auf dem Tisch. In Leer gibt es keine Fachkommissariate, alle Ermittler bekommen Fälle aus jedem Bereich auf den Tisch. Er kann sich nicht nur mit Lars Wunder beschäftigen, das Leben geht weiter.

Und dann sagt er den Satz, der wohl die wahrscheinlichste Erklärung für den Fall Wunder ist: "Theoretisch bestünde die Möglichkeit, dass der Vermisste, auf welche Weise auch immer, in die Ems gelangt sein könnte." Fehlt bloß noch die Leiche zur Hypothese.

Profiler Petermann hat den Deich im Verdacht

In den Fall hat sich auch der pensionierte Kriminalbeamte Axel Petermann aus Bremen eingeschaltet, der sich heute als freiberuflicher Profiler und Autor betätigt und im Fernsehen eine Analyse des Verschwindens geliefert hat. In seinem neuesten Buch "Der Profiler" schildert er besonderes interessante Fälle aus seiner früheren Praxis. Nur gab es dort immer eine Leiche.

Auch er hält einen Unfall für eine plausible Ursache, auch wenn er sich mit Raake oder anderen Beamten über den Fall noch nicht ausgetauscht hat. "Ich möchte versuchen, die Stunden vor dem Verschwinden genau zu rekonstruieren: Wie war seine Stimmung, mit wem hat er geredet, gab es Streit oder Missstimmungen im Feuerwehrhaus?", sagt er. "Ausschließen kann man nichts, aber ein Verbrechen oder ein freiwilliges Untertauchen halte ich für unwahrscheinlich."

Petermann glaubt, dass Lars Wunder auf den Deich gegangen ist, ans Siel. An diese Stelle sei er früher häufig gegangen und habe aufs Wasser geblickt. Purzelte er unkontrolliert vom Deich in den Fluss? Stolperte er am Ufer und fiel ins Wasser? Im Februar will er noch einmal für zwei Tage nach Jemgum fahren und mit Angehörigen und Zeugen sprechen.

Menschen können schon im Fluss verschwinden. Ems-Fischer berichten, dass größere Gegenstände, etwa Leichen von Suizidalen, von der Strömung in der Ems pendelartig immer ein paar Hundert Meter flussabwärts- und wieder -aufwärts geschwemmt werden. Meistens treiben sie nach ein paar Wochen an der Böschung an.

Die Ehefrau arbeitet wieder, auch weil ein Kredit fällig ist

Ortsbrandmeister Mühlena schwankt noch, ob er sich mit dem Gedanken anfreunden muss, dass Lars tot ist, oder ob er noch hoffen darf, dass er unversehrt wieder auftaucht. Sollte er bei einem Unfall ums Leben gekommen sein, wäre er immerhin in Frieden mit sich und den Seinen aus dem Leben geschieden, wenn auch unfreiwillig. Ist es leichter, sich mit dieser Variante anzufreunden – oder möchte man sich lieber wünschen, dass der Vermisste noch lebt, obwohl man dann die Möglichkeit in Betracht ziehen müsste, dass derjenige alle Brücken hinter sich abbrechen wollte?

Meike Wunder möchte diese Frage nicht beantworten, sie möchte in diesen Tagen überhaupt nicht mehr mit Journalisten sprechen. Die Arzthelferin hat wieder angefangen zu arbeiten und versucht, den Alltag wiederzufinden. "Sie ist erst 30 Jahre alt", sagt ihr Vater auf der Deichkrone und lässt den Blick in die Ferne schweifen. "Sie hat doch noch ihr ganzes Leben vor sich." Jenseits von Hoffen und Bangen stehen ganz praktische Probleme an; die Bank fragt schon nach der künftigen Zahlweise des gemeinsamen Hauskredits, erzählt Mühlena.

Ein Schwarm Nonnengänse fliegt vom Acker hoch, fliegt über das Siel und dreht eine Schleife über der träge dahinfließenden Ems. Mühlena greift noch einmal nach dem Fernglas und sucht die Uferstreifen ab. Sicher ist sicher.

Aber Lars Wunder taucht nicht auf.

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