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Zejds Geschichte "Wir müssen irgendetwas unternehmen"

Als der kleine Zejd eingeschult wird, fühlt er sich ausgegrenzt. Er ist taub und im Unterricht völlig überfordert. Seine Lehrerin hat einen rettenden Einfall.

Zejd hatte Glück. Als seine Mutter die örtliche Grundschule in Sarajevo bat, ihren gehörlosen Sohn aufzunehmen, erklärte sich die Lehrerin Sanela Ljumanovic ohne Zögern dazu bereit. Doch kaum hatte das Schuljahr im September begonnen, zeigte sich, dass niemand in der Lage war, sich mit dem Sechsjährigen verständigen. Keiner beherrschte die Gebärdensprache, nicht einmal Zejd selbst. "Wir müssen irgendetwas unternehmen", dachte sich Ljumanovic.

Zunächst versuchte die Lehrerin, eigene Gesten und Zeichen zu entwickeln, um mit Zejd zu kommunizieren. Doch ein Elternteil hatte eine bessere Idee: Die ganze Klasse sollte zusammen mit dem gehörlosen Jungen die Gebärdensprache lernen.

Ein Vierteljahr später beherrschen die meisten schon einen Grundwortschatz, der es ihnen erlaubt, sich mit Zejd zu unterhalten.

"Zejd", sagt die sechsjährige Uma und kreuzt ihre Arme - das Zeichen für seinen Namen. "Bitte" - sie legt die Handflächen zusammen - "kannst ... du ... mir ... unsere ... Hausaufgaben ... in ... Mathe ... zeigen?" Uma formt die Gebärden, während sie jedes Wort langsam ausspricht. Zejd holt sein Heft aus der Tasche und zeigt seiner Klassenkameradin die Kreise und Quadrate, die er zuhause gezeichnet hat. Uma formt ein "Danke" und Zejd verneigt sich: "Gern geschehen."

Integration bleibt in Bosnien bisher ein Konzept

Seit 2003 ist die Integration behinderter Kinder in Bosnien gesetzlich geregelt. Kinder mit besonderen Bedürfnissen sollten professionelle Integrationshelfer bekommen, die im Unterricht dabei sind und helfen, wo immer Unterstützung nötig ist. Doch die Realität sieht anders aus. Der Staat hat kaum genug Geld, um den normalen Schulbetrieb zu gewährleisten. Kinder mit Beeinträchtigungen sind auf die Fürsorge und den Einfallsreichtum ihrer Eltern angewiesen - und auf den guten Willen des Lehrpersonals.

Zejd gehe gerne zur Schule, sagt seine Mutter. Sie versuchte, dem Jungen schon vor seiner Einschulung die Gebärdensprache beizubringen. Doch Zejd zeigte nur wenig Interesse. "Jetzt ist er glücklich und motiviert", erzählt Mirzana Coralic.  Das bestätigt auch Anisa Setkic-Sendic, die der Klasse die Gebärdensprache beibringt. Der Wille seiner Mitschüler, sich mit ihm zu verständigen, sei für Zejd ein großer Ansporn.

Zejd geht gern zur Schule und lernt nun von den Lippen zu lesen. (Foto: AP)

Sogar die Eltern lernen Gebärdensprache

"Das sollte eigentlich normal sein", sagt Setkic-Sendic. Leider jedoch ist dieses gelungene Beispiel der Integration eine Ausnahme.  Zejds Klassenkameraden freuen sich über ihre neuen Sprachkenntnisse. "Ich lerne gerne Zejds Sprache. So kann ich mit ihm und anderen gehörlosen Menschen unterhalten", sagt Tarik, einer seiner besten Freunde. "Das macht Spaß."

 Zejd füge sich gut in die Klasse ein, lobt Lehrerin Ljumanovic. Mittlerweile versuchen seine Mitschüler sogar schon, ihren Eltern die Gebärdensprache beizubringen. "Wir sind alle froh, dass wir eine neue Sprache lernen", sagt Ljumanovic. Gleichzeitig sei es wichtig, Zejd beizubringen, von den Lippen abzulesen. Die Lehrerin hat keine Zweifel daran, dass ihm das gelingt. "Er ist ein pfiffiges Kind", sagt sie.

Es fehlen die Mittel

Wenn es nach Ljumanovic ginge, sollte die Gebärdensprache ein fester Bestandteil des Lehrplans werden. Nicht nur als Basis der Kommunikation mit Gehörlosen, sondern auch, um die Kinder für Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren. Doch das Zusatzangebot ins Zejds Klasse gibt es nur, weil es die Eltern mitfinanzieren. Und das, obwohl eigentlich das Bildungsministerium für ihr Honorar aufkommen müsste, sagt Setkic-Sendic. Aber dafür fehlen schlicht die Mittel.

 Auch nicht alle Eltern können es sich leisten, etwas für den Gebärdensprachenunterricht zu bezahlen. Nur sie selbst wisse, wer wie viel beisteuere, erklärt Setkic-Sendic. Und es sei vereinbart worden, dass sie darüber Stillschweigen bewahre. "Wir finden Wege", sagt sie. "Die Kinder werden älter. Wir können schließlich nicht warten, bis bessere Zeiten kommen."

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