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Eltern locken Mann in Todesfalle "Mit absolutem Vernichtungswillen"

Ein Mann schreibt eine Frau bei Facebook an. Er glaubt, sie ist 22. Doch sie ist erst 12. Die Eltern des Mädchens vermuten einen Pädophilen – und hecken einen todbringenden Plan aus.

Der Mann hat wohl gute Nerven und einen tiefen Schlaf. Michael H. kommt mit einer Stunde Verspätung zum Mordprozess. Polizisten mussten den 42-Jährigen aus seiner Wohnung in Eschweiler abholen – weil er verschlafen hat. Dabei ist H. mitangeklagt.

Der Vorsitzende Richter Arno Bormann schüttelt den Kopf, verständnislos. "Wenn ich so eine Anklage vor der Brust hätte, würde ich die ganze Nacht nicht schlafen, und sie schlafen seelenruhig bis zum Verhandlungsbeginn", sagt Bormann. H. sitzt ihm gegenüber auf der Anklagebank und nuschelt etwas vor sich hin. Es ist nicht klar, ob H. besonders abgebrüht oder abgestumpft ist.

Diese Frage stellt sich generell hier in Saal 9 des Landgerichts Aachen, in dem am Dienstagmorgen fünf Personen auf der Anklagebank sitzen. Das Ehepaar Nadine und Karl-Heinz H. soll im August 2015 den 29-jährigen Christian L. getötet haben, nachdem dieser über Facebook Kontakt zu ihrer damals zwölfjährigen Tochter Chantal aufgenommen hatte. Neben dem Ehepaar H. waren aus Sicht der Staatsanwaltschaft Aachen auch Sven L., Marlene M. und Michael H. an dem Verbrechen mitbeteiligt.

Lockvogel über Facebook

Die Staatsanwaltschaft Aachen verliest am ersten Prozesstag die Anklageschrift, und es wird für die Prozessbegleiter deutlich, dass es wohl tödliche Selbstjustiz wegen eines Missverständnisses war. Denn Tochter Chantal war bei Facebook 22 Jahre alt. Ihre Eltern hatten sie bei der Einrichtung des Accounts zehn Jahre älter gemacht, womöglich um sie zu schützen. Christian L. schickte Chantal eines Abends zwei kurze Nachrichten per Facebook: erst ein "Wie geht's Dir" und etwas später noch ein "Guten Abend". Als sie nicht darauf reagierte, beließ es Christian L. dabei.

Er ahnte nicht, dass er eine Zwölfjährige angeschrieben hatte. Chantals Eltern schienen jedoch davon überzeugt zu sein, dass es sich um einen Pädophilen handelte, und sie wollten ihn nach Ansicht der Staatsanwaltschaft tödlich bestrafen. Mutter Nadine kontaktierte Christian L. per Facebook und gab vor, an einer sexuellen Begegnung interessiert zu sein. Als das nicht funktionierte, wurde die 38-jährige Marlene M. als "Lockvogel" über Facebook aktiv und vereinbarte mit Christian L. einen abendlichen einsamen Treffpunkt in Bahnhofsnähe im nordrhein-westfälischen Eschweiler.

Dort wiederum erwartete ihn Mutter Nadine dann "freizügig gekleidet" und "mit Schlagring", so die Staatsanwaltschaft. Ehemann Karl-Heinz versteckte sich mit einem Messer im Gebüsch, sein Arbeitskollege Sven L. lauerte mit einem Würgedraht hinter einem Baum, während der in den Plan eingeweihte Michael H. die Kinder des Ehepaares zu Hause hütete.

"Mit absolutem Vernichtungswillen"

Mutter Nadine schlug Christian L. am Bahnhof mit einem Schlagring ins Gesicht, forderte sein Smartphone heraus, um zu sehen, ob er Fotos ihrer Tochter darauf gespeichert hatte. Es war nichts zu finden, dennoch stach der aus dem Gebüsch hervorgekommene Vater Karl-Heinz auf Christian L. immer wieder ein – "mit absolutem Vernichtungswillen", wie die Staatsanwaltschaft sagt. Das Ehepaar und Arbeitskollege L. ließen das schwer verletzte Opfer liegen. Christian L. verblutete.

Während die Staatsanwaltschaft Aachen von einem heimtückisch geplanten Mord ausgeht, betont einer der Verteidiger auf dem Gerichtsflur, es sei den Angeklagten darum gegangen, L. eine "gehörige Lektion in körperlicher Form" zu erteilen, aber "niemals mit dem Ergebnis, jemanden umzubringen". Es sei dann zum "Exzess" gekommen. Die fünf Angeklagten wollen am ersten Verhandlungstag nichts zu ihrer Tat sagen. Sie äußern sich nur zu ihren Lebensläufen.

Es kommen sehr traurige Leben zum Vorschein, geprägt von schulischem Scheitern, Drogen, Arbeitslosigkeit, Frust, Überforderung. Mutter Nadine ist sehr blass und sitzt regungslos mit ihren sorgsam gekämmten langen Haaren in der letzten Reihe der Anklagebank, während ihr Anwalt Angaben zur Biografie macht. Sie ging von der Hauptschule ab, arbeitete an der Tankstelle, bis sie mit dem Chef nicht mehr klar kam und arbeitslos wurde. Sie hatte schon früh begonnen, Marihuana zu rauchen und Alkohol zu trinken.

Völlig erschöpft vom Leben

Als ihre Tochter geboren wurde, steigerte sich ihr Konsum, und es wurde noch mehr, als einige Jahre später ihr Sohn zur Welt kam. Sie habe "fast täglich gekifft" und Amphetamine genommen, heißt es in der Erklärung ihres Verteidigers. Zum Zeitpunkt der Tat sei Nadine H. körperlich und psychisch fertig gewesen. Ehemann Karl-Heinz, ein Garten- und Landschaftsbauer, nahm ebenfalls Drogen.

Der Vorsitzende Richter Bormann will viel Privates über die Angeklagten erfahren, interessiert sich für ihre Kindheit, die Berufe ihrer Eltern und die finanziellen Verhältnisse. Er fragt Nadine H. nach Hobbys, und sie antwortet: "Meine Kinder waren mein Hobby."

Die beiden Kinder sind jetzt im Heim, denn Nadine und Karl-Heinz H. sitzen seit August 2015 in Untersuchungshaft. Seitdem nehmen sie auch keine Drogen mehr. Entzugserscheinungen habe sie nicht gehabt, sagt Nadine H. Sie habe die ersten Wochen im Gefängnis nur geschlafen. Völlig erschöpft vom Leben, das sie geführt hat.

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