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Notfallseelsorger in Bad Aibling Die Schreie der Angehörigen sind schwer zu ertragen

Sie kommen, wenn das Unfassbare passiert ist: Nach dem Zugunglück in Bad Aibling betreuen Notfallseelsorger Verletzte, Angehörige und Rettungskräfte. Eine schwierige Situation - für alle. 

Das Zugunglück in Bad Aibling ist für Helfer und Betroffene eine kaum vorstellbare Belastung. Die Schreie von Angehörigen, die gerade einen Menschen verloren haben, seien nur schwer auszuhalten, sagte Hermann Saur, Leiter der Notfallseelsorge der Erzdiözese München-Freising

Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur spricht er über seine Erlebnisse, die Begleitung von Menschen in Ausnahmesituationen und was nach einer derartigen Katastrophe weiter zu tun ist.

Frage: Herr Saur, Sie waren in Bad Aibling vor Ort. Was haben Sie konkret gemacht?

Saur: Ich habe das Team der zwölf Notfallseelsorger koordiniert. Ich bin immer derjenige, der versucht, Ordnung in dieses ganze Chaos eines Unglücks zu bringen. Da werden ja verschiedene Strukturen gleichzeitig hochgefahren: Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr. Irgendwo zwischen dem Rettungseinsatz gibt es nicht nur Verletzte, sondern auch Unverletzte und Angehörige von Betroffenen - Menschen, die gerade jetzt psychische Hilfe brauchen. Diese Leute müssen wir finden und mit den entsprechenden Strukturen begleiten und betreuen. 

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Frage: Wie sieht diese Begleitung aus?

Saur: Das Fachwort dafür nennt sich Psychoedukation. Bei einem Menschen, der gerade eine Katastrophe erlebt hat, nicht oder nur leicht verletzt, schaltet der Körper in eine Art Autopilot. Die Menschen nehmen teilweise ihre Schmerzen gar nicht wahr. Wir haben Personen, die stehen mit gebrochenem Bein vor dir und merken das nicht einmal. Die Menschen denken dann: "Mir ist ja nichts passiert, mir geht's gut, schnell weg." Wenn der ganze Organismus nach ein paar Stunden wieder zur Ruhe kommt, dann erst wird das alles aufgearbeitet.

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Das passiert durch sogenannte Flashbacks - Bilder von der Unfallsituation, die aber nicht nur Erinnerungen sind. Menschen liegen zum Beispiel nachts im Bett und merken von einem Sekundenbruchteil auf den nächsten, dass sie nicht in ihrem Bett liegen, sondern sie sind wieder mitten in der Unfallszenerie. Das ist eine ganz normale Reaktion auf ein nicht-normales Ereignis. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen auf so etwas vorzubereiten. Wenn sie von der Unfallstelle weg wollen, sagen wir, was in den nächsten Wochen an Verarbeitungsmechanismen passieren kann, und übergeben noch ein Informationsblatt, das wir immer dabei haben.

Frage: Wie war das in Bad Aibling?

Saur: Wir hatten die Priorität bei den Angehörigen der Todesopfer. Ich saß beim Einsatzleiter der Polizei. Nachdem die Toten geborgen und deren Identität festgestellt war, haben wir mit der Polizei zusammen Zweierteams gebildet - ein Polizist mit einem Notfallseelsorger. Diese sind dann zu den Familien gefahren, wenn es ging, und haben die Nachricht überbracht. Die Toten sind am Dienstagabend in die Rechtsmedizin überführt worden. Viele Angehörige wollten sie vorher noch einmal sehen. Auch das haben wir organisiert.

Frage: Eine schwierige Aufgabe, die Ihnen persönlich wahrscheinlich auch sehr nahe geht?

Saur: Für uns Seelsorger ist das der schwierigste Einsatz. Da kommen wir in Situationen, in der die Welt gerade noch in Ordnung ist, und müssen plötzlich diese Nachricht überbringen. Andererseits werden sowohl Polizisten als auch wir Notfallseelsorger speziell dafür geschult.

Frage: Wie muss man sich das vorstellen?

Saur: Eigentlich sind es Dinge, die klar auf der Hand liegen. Wenn jemand die Tür aufmacht, ein Polizist steht vor der Tür und man wartet möglicherweise sowieso auf den Anruf des Partners, dann ist die Uniform schon die Botschaft. Andererseits hat man noch die Hoffnung, dass der Polizist nur sagt, dass der Partner schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Aber dann muss der Seelsorger oder Polizist ohne große Umschweife zum Punkt kommen, nachdem die Identität der Person festgestellt ist. Zum Beispiel: "Es tut mir leid, Ihr Mann ist heute bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt."

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Auszusprechen, was passiert ist, und dann den Mund halten. Jeder Betroffene reagiert anders, das müssen Seelsorger auch mit den Menschen aushalten. Erst später kommen dann Fragen wie: "Was ist passiert? Darf ich ihn nochmal sehen?" Darauf müssen wir auch immer vorbereitet sein.

Frage: Solche Erlebnisse sind auch für Seelsorger sehr emotional. Haben Sie persönlich Bilder, die Sie Ihr Leben lang begleiten werden?

Saur: Ich habe keinen Einsatz vergessen, egal wo ich war. So wie alle schönen Erlebnisse in einem bleiben, bleiben auch alle schrecklichen. Da gibt es schon Bilder, von denen man sagt, die hätte ich jetzt nicht unbedingt sehen müssen. Aber dass ich etwas persönlich nicht mehr losbekomme, habe ich nicht.

Frage: Sie haben dafür ja auch spezielle Nachbereitungen?

Saur: Genau, im System der Notfallseelsorge haben wir deutschlandweite Qualitätsstandards. Dazu gehören beispielsweise verpflichtend 16 Stunden Supervision innerhalb von zwei Jahren. Andererseits sind es persönliche Rituale, wie die Klamotten nach einem Einsatz zu waschen. Als Notfallseelsorger ist natürlich die Spiritualität sehr wichtig. Da stellen sich Fragen nach dem persönlichen Gottesbild, dem Umgang mit dem Tod und die Integration in das persönliche Leben. Dieses Gesamtpaket macht die Aufarbeitung aus. Uns nimmt jeder einzelne Einsatz mit, auch wir haben dabei Tränen in den Augen. Aber wir merken auch, dass wir da sind, um das Leid der anderen zu begleiten. Das ist das, was uns psychisch gesund erhält.

Frage: Wie geht es nun nach Bad Aibling weiter?

Saur: Wir haben eine Hotline installiert, für alle, die im Zug saßen und unverletzt und ohne Betreuung vom Unfallort weggegangen sind. Da sitzt tagsüber ein Notfallseelsorger und beantwortet entweder die Fragen direkt, oder er vermittelt an andere Notfallseelsorger weiter. Nebenher versuchen wir, mit den Seelsorgern vor Ort Gottesdienste und Trauerfeiern zu organisieren. 

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