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"Sprachliche Gleichstellung" "Studierendenwerk" kostet Berlin 800.000 Euro

In der Hauptstadt wird das Studentenwerk in "Studierendenwerk" umbenannt. Die Änderung kostet 800.000 Euro. Doch das Geld ist bei Weitem nicht der einzige Streitpunkt des Projekts.

Kann ein Wort für Gleichberechtigung sorgen und damit die Welt verbessern, wenigstens ein klein bisschen? Die Sozialdemokratin Ina Czyborra glaubt daran. Die Christdemokratin Katrin Vogel hat allerdings Zweifel, zumindest im konkreten Fall. Beide bekleiden in ihren Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus dasselbe Amt. Sie sind die frauenpolitischen Sprecher – nein, halt, Pardon, Sprecherinnen – ihrer jeweiligen Fraktion, die in der Stadt die Regierungskoalition bilden. Vielfach haben Vogel und Czyborra gemeinsame politische Vorstellungen und Ziele. Aber hier, in diesem einen Punkt, liegen sie weit auseinander.

Das Studentenwerk der Hauptstadt soll in "Studierendenwerk" umbenannt werden. Die SPD-Frau findet es richtig, ihr CDU-Pendant hat Vorbehalte. Der Vorschlag stammt von Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Er steht in der überarbeiteten Fassung der Regelungen, die die Rechte und Pflichten der Einrichtung bestimmen, die auch über Steuergelder finanziert wird. "Der Gesetzentwurf hat keine Auswirkungen auf die Gleichstellung", formuliert es Scheeres. Jedoch würden die "Grundsätze der sprachlichen Gleichbehandlung beachtet".

In Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hamburg ist der sprachliche Wandel schon vollzogen worden. Dort gibt es nur Studierendenwerke. Die Namensänderung löste teils heftige Kontroversen aus. Im Mittelpunkt stand die Kostenfrage, aber auch die Diskussion darüber, ob mit der Maßnahme tatsächlich für Gleichberechtigung gesorgt werde. Nun steht die Debatte in Berlin an. Oder auch nicht. Czyborra versteht die Aufregung jedenfalls nicht: "Ausgerechnet diesen Punkt herauszugreifen und zu kritisieren, passt zur Mode konservativer Teile der Gesellschaft, Gleichstellung diskreditieren und das Rad zurückdrehen zu wollen."

CDU argumentiert mit Flüchtlingen gegen Frauen-Gleichstellung

Laut des Gesetzesentwurfes von Scheeres soll die Wandlung rund 800.000 Euro kosten. Um den Finanzplan zu halten und die finanzielle Belastung über viele Jahre zu strecken, ist eine Übergangsregelung bis 31. Dezember 2022 vorgesehen. Der Betrag ist nach Darstellung der Senatorin nötig für "Materialkosten (Änderung von Schildern (Wegeleitsystem), Beschriftungen (Wohnheime, Mensen etc.), Werbematerialien, Geschäftspapiere, Visitenkarten, Stempel) und Personalkosten".

Gegner der neuen Bezeichnung hatten auf den Landesrechnungshof gesetzt. Sie hofften, dieser werde verkünden: Fast eine Million Euro – geht gar nicht, lasst man gut sein! Die Finanzkontrolleure lieferten dem Wissenschaftsausschuss des Parlaments am Mittwoch die gewünschte Expertise, kritisierten darin dieses und plädierten für jenes – aber zu den Kosten der Namensänderung verloren sie kein Wort. Faktisch bedeutete das ein Ja für die Senatorin.

Und tatsächlich beschloss der Ausschuss das Gesetz in seltener Eintracht. SPD, CDU, Grüne, Linke und Piraten – alle finden es prima, dass das Studentenwerk ab Frühsommer Studierendenwerk heißen soll. Und das Geld? Czyborra sagt: "Das Argument mit den Kosten greift nicht: Die fallen über viele Jahre und im Wesentlichen über sowieso fällige Erneuerungen an." Außerdem verweist sie darauf, dass "auch die weiblichen Studierenden" – und nicht etwa "die Studentinnen" – die Einrichtung mitfinanzierten. "Daher haben sie auch das Recht, 'ihr Werk' so zu nennen, dass sie sich darin wiederfinden. Das ist ein wichtiger Ansatz der Gleichstellung."

Eine Asta-Vertreterin unterstützt diese Haltung mit einer Rechnung. "Wir Studentinnen", sagt sie – und spricht nicht etwa von "weiblichen Studierenden" – "zahlen immerhin 54 der 109 Millionen Euro Beiträge zum Studierendenwerk" bis zum Jahr 2022 "und leisten auch sonst 50 Prozent der Beiträge. Warum soll das Studierendenwerk also nur nach Männern benannt sein?"

CDU-Politikerin Vogel hält die 800.000 Euro für verschwendet. "Das ist viel Geld in einer Stadt wie Berlin", sagt sie und zählt auf, wo der Betrag ihrer Meinung nach besser aufgehoben wäre, etwa für die Einrichtung eines neuen Lehrstuhls oder zusätzliche Studentenwohnungen. "Angesichts der wachsenden Flüchtlingszahlen und der Probleme vieler Asylbewerber insbesondere mit der Gleichberechtigung von Frauen, sehe ich hier durchaus Handlungsbedarf."

Gerade im Bereich Hochschule "sehr wichtig, Zeichen zu setzen"

Vogel stellt zudem die grundsätzliche Frage: "Ist Studierende nun wirklich ein gendergerechterer Begriff als Studenten? Ich habe da meine Zweifel." An dieser Stelle unterscheidet sich ihre Haltung definitiv von der Position ihres SPD-Pendants. Czyborra holt ein Stück weiter aus, um ihren Standpunkt zu untermauern, Frauen zahlten zwar genauso Steuern wie Kerle, aber politische Strukturentscheidungen nutzten nach wie vor überwiegend den Interessen der Männer. Unter den Hochschullehrern seien Professorinnen nach wie vor in der Minderzahl, "obwohl seit Jahrzehnten Frauen oft die besseren Abschlüsse machen". Deshalb sei es gerade im Bereich Hochschule "sehr wichtig, ein Zeichen zu setzen".

Tatsächlich sind es immer wieder Universitäten oder deren Repräsentanten, die sich an die Spitze der Bewegung stellen und dafür mit seriöser Kritik, aber auch Hassbotschaften überhäuft werden. Lann Hornscheidt, laut Website der Berliner Humboldt-Uni Prof. Dr. phil. für Gender Studies und Sprachanalyse, hat einschlägige Erfahrungen gemacht. Hornscheidt fühlt sich weder als Mann noch als Frau und mag es, "neutral" mit "sehr geehrtx Profx" angeschrieben zu werden. Folge: Die Hauptstadt stand tagelang Kopf, als das publik wurde. Auf der Website der oder des "Profx" finden sich zwei Mailadressen: eine für "Nettes und Respektvolles" – und eine für all diejenigen, die "nur Ihre Irritation zurückwerfen wollen".

Oder man denke an die Uni Leipzig, als sie 2013 beschloss, statt der (männlichen) Mehrheitsform "Professoren" in ihrer Verfassung "Professorinnen" zu schreiben. Weil sich die Gegner der Neuerung gar nicht mehr einkriegten, sah sich Rektorin Prof. Dr. med. Beate A. Schücking zu einer Presseerklärung genötigt, die unter dem Titel "Richtigstellung" klarmachen sollte: "Kein 'Herr Professorin' an der Universität Leipzig". Die Neuerung werde Alltag und Sprachgebrauch der Hochschule nicht beeinflussen.

Auch wenn im Internet schon einige wüten und die übliche Habt-ihr-denn-nichts-Besseres-zu-tun-Nummer abgeben, wird der Streit, so er denn in Berlin ausbricht, bald wieder abebben. Vogel sagt: "Meine Faktion sieht die Namensänderung eher kritisch. Wir sind nun einmal ein Regierungsbündnis. Und Koalition heißt auch immer Kompromiss." Heißt: Sie und die anderen Christdemokraten werden mit Bauchschmerzen zustimmen.

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