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Soziale Medien-Mob tobt Danke, Anke, für diesen Nazi-Vergleich!

Die Komödiantin Anke Engelke macht bei der Eröffnunsgala der Berlinale einen Witz über Leipzig. Besonders komisch war er nicht. Das Netz tobt und zeigt: Viele Deutsche verstehen keinen Spaß mehr.

Anke Engelke ist eine begnadete Schauspielerin und Komödiantin. Selbstbewusste Nutten, einsame Öko-Fetischistinnen, dekadente Russinnen, bourgeoise Spießerinnen, bescheuerte Blondinen oder durchgeknallte Millionärinnen - sie schlüpft scheinbar problemlos in alle möglichen Rollen und verkörpert die jeweiligen Charaktere mit Menschenkenntnis und Perfektion.

Keine Gesellschaftsschicht ist vor Engelkes Humor sicher. In- und Ausländer nimmt sie ebenso aufs Korn wie bettelarme Schlucker oder Superreiche. Politische Korrektheit definiert sie nach eigenem Gusto. Famos ist etwa der Sketch aus ihrer TV-Serie "Ladykracher", in dem sie als Lehrerin einer Schulklasse erwachsener Türken Deutsch beibringt. Das Ding dabei ist: Die sprechen alle astreines Hochdeutsch und lernen Türkendeutsch, also den Slang, wie ihn viele türkischstämmige Migranten sprechen.

Sie macht auch nicht vor US-Stars halt

Auch als Moderatorin hat die 50-Jährige schon mehrfach überzeugt, etwa 2015 bei der Gala zur Eröffnung der Berlinale, dem Berliner Filmfestival. Hier kommen Engelke ihr Humor, ihre Schlagfertigkeit und ihr starkes Englisch zu Gute. Köstlich, wie sie den US-Schauspieler James Franco veralberte: "My name is Helene Fischer." Als der Superstar in typischer Hollywood-Manier der deutschen Hauptstadt eine Liebeserklärung machte, äffte Engelke ihn nach: "I love Berlin, that's blablabla!"

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Das fanden alle urkomisch. Engelke wurde für ihre Moderation hochgelobt. Daran, dass sie einen US-Bürger verschaukelte, störte sich niemand. Die USA sind weit weg und gelten nicht wenigen Deutschen als Hort des Bösen. Amerikaner zu bashen - who cares?

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Dieses Jahr führte Engelke wieder durch das Programm der Auftaktveranstaltung der Berlinale. Wieder zeigte sich die Entertainerin von ihrer charmanten Seite, pendelte zwischen Kalauer und fundierten Witzen, mal bissig, mal dezent, vor allem aber - wen wundert's in Zeiten von Flüchtlingsströmen, Terror und Krieg - oft politisch.

Diesmal traf es Leipzig

Wie vor einem Jahr stand ein Amerikaner mit weltweiter Popularität im Mittelpunkt eines Scherzes der Moderatorin, der im Gedächtnis bleiben wird. Dieses Mal war es George Clooney, der sich Stunden zuvor mit Angela Merkel getroffen, sich mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin "absolut einverstanden" erklärt und gefordert hatte, sein Land müsse sich stärker engagieren.

Als Engelke Clooney direkt ansprach, ging sie auf seinen Beitrag zur Berlinale 2014 ein, den Film "Monuments Men". Darin geht es um eine Spezialeinheit der US-Armee, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg den Auftrag hatte, Kunstgüter für die Nachwelt zu retten und von den Nazis gestohlene Güter an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Der US-Superstar hatte den Film in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen gedreht.

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"George Clooney hat für den Film viele Millionen investiert, um Deutschland in Nazi-Deutschland zu verwandeln. Das hätte er billiger haben können - 180 Kilometer südlich, in Leipzig", sagte Engelke. Im Saal entstand ein Mix aus Gelächter und Getuschel. Das war's. Abgelacht, Schwamm drüber, nächster Witz. So sollte es sein. Aber Teile der Bevölkerung Deutschlands verstehen keinen Spaß mehr, schon gar nicht, wenn es um Nazi-Kalauer geht. Noch trauriger: Viele Deutsche sind dabei zu verlernen, über sich selbst lachen zu können.

Wütende Kommentare auf Facebook

So kam es, wie es im deutschen Lande zu Beginn des Jahres 2016 kommen musste. Im Internet folgte der Aufschrei, ein Sturm der Entrüstung brach los, der zeitweise die Form eines Orkans annahm. Schon waren all diejenigen zur Stelle, die in Angst und Sorge ums christliche Abendland leben, und beschwerten sich, da habe - schon wieder! - jemand mit der Nazi-Keule auf besorgte Bürger eingedroschen.

Ein Satz, ein Volk, ein Shitstorm! Auf Engelkes offiziellem Facebook-Auftritt trafen im Minutentakt wütende Kommentare ein. "Vielen Dank, dass Sorgen, Ängste und Weitsicht so ausgelegt werden." Hatte sie vielleicht die rechten Hooligans gemeint, die kürzlich im linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz Randale machten? Hatte sie vielleicht einen geografischen Blackout und Dresden mit Leipzig verwechselt? Wen interessiert's.

Bierernst formulierten die Empörten inklusive der üblichen Rechtschreib- und Grammatikdefizite ihren Zorn auf Engelke, Flüchtlinge, den Kapitalismus, die unausgewogene Verteilung des Wohlstands und alle anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt: "Wer Bürger, die in Leipzig auf die Straße gehen, um für Demokratie zu demonstrieren, als Nazi bezeichnet, ist es nicht mehr wert, als Schauspielerin gesehen zu werden! Sie sitzen gut behütet und bewacht und leiden keine Not wie Tausende Obdachlose!" Oder wie es ein Leser im Forum der "Mitteldeutschen Zeitung" formulierte: "Dumm, dümmer, Engelke (und alle anderen naiven Promis mit fetter Kohle, die das ja eh nicht alles mitbekommen, wie es wirklich ist)."

Leipzigs Oberbürgermeister bleibt humorig

Aber was kann man schon tun gegen eine Komödiantin? Man kann ihr offen oder unterschwellig die Pest an den Hals wünschen, so ungefähr: "...ab nach Köln auf die Domplatte!" Ihr mit Liebesentzug drohen. "Bisher mochte ich sie, aber nun nicht mehr." Es geht auch trotzig: "Ich werde sie ab jetzt wegschalten." Oder man könnte sich an den Appell der AfD-Vorsitzende Frauke Petry halten, die "mehr Spaß" in der Politik fordert, wie sie jüngst bei Frank Plasberg verriet: "Wenn wir gegenseitig ein bisschen Humor aufbringen, halten wir das aus. Und mit Pinocchio hat's ein gutes Ende genommen."

Immerhin: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung machte sich einen Spaß aus der Sache und lud Engele "herzlich" in seine Stadt ein: "Wir benötigen dringend Unterstützung beim Aufhängen der Fahnenspaliere auf unseren Prachtstraßen; unsere Exerzierplätze müssten gefegt werden. Und natürlich muss für den nächsten Parteitag das Gelände vor dem Völkerschlachtdenkmal etwas national aufgemöbelt werden. Diese Aufgaben liegen uns in Leipzig schwer im Magen, weil Demokratie und Offenheit hier einen hohen Stellenwert haben." Dafür erntete der Sozialdemokrat auf seiner Facebook-Seite auch Zustimmung.

Bei anderen Nazi-Themen blieb der Shitstorm aus

Folgender Sketch: Zwei Blondinen - eine gespielt von Engelke, die andere von Friederike Kempter - beim Sonnenbaden auf einer Wiese. Den Frauen, die man jenseits der politischen Korrektheit als Tussis beschreiben könnte, gefällt der Bursche ein paar Meter weiter. Sie überlegen, ob er auf einem Handtuch mit dem Logo des FC Bayern oder des 1. FC Köln liegt. "Soll ich ihn fragen, ob er rüberkommt?", meint die eine. "Nein, hör auf, ich will nicht nochmal so einen Fußball-Idioten", die andere. Daraufhin die Freundin: "Du spinnst, du kannst doch die Leute nicht nach ihrem Handtuch beurteilen."

Also bitten sie den Typen zu sich. Der schüttelt sein Handtuch aus: eine Hakenkreuzfahne. "Gott sei Dank, er ist kein Fußball-Fan", entfährt es der Skeptikerin. "Siehste! Mann, du immer mit deinen Vorurteilen", sagt die andere. Der Herr stellt sich vor: "Hi, ich bin der Uwe aus Frankfurt/Oder. Aber meine Kumpels sagen Kotzi zu mir."

Veralbert wurden hier Frauen im Allgemeinen, Blondinen im Besonderen, Fußball-Liebhaber, Bayern-Anhänger, Köln-Fans, die Stadt Frankfurt/Oder und Neoazis. Trotzdem gab es keinen Shitstorm. Vielleicht deshalb, weil der Sketch ein paar Jahre alt ist und Deutschland damals noch nicht so hyperventilierte. Engelke sagte vor ziemlich exakt zwei Jahren in einem Interview: "Debatten sind immer übertrieben und zugleich auch nötig. Schade ist, dass die Essenz kaum mehr zu erkennen ist, wenn ein Thema so breitgetreten wird und hochgekocht ist." Das trifft des Pudels Kern. Deshalb: Danke, Anke, für diesen mäßig witzigen und belanglosen Nazi-Vergleich! Er hat gezeigt, wie die Deutschen gerade ticken.

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