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Buch von Michael Nast So tickt die "Generation beziehungsunfähig"

Mit einem Text über beziehungsunfähige junge Erwachsene feierte Michael Nast große Erfolge. Nun hat er ein Buch über die "Generation Beziehungsunfähig" veröffentlicht. Nast scheut keine Floskeln.

Sein Text erschien am 15. April 2015. Es dauerte ein paar Stunden, dann fielen zeitweise die Server der Seite aus, auf der er veröffentlicht wurde. "Generation Beziehungsunfähig" hatte einen Nerv getroffen, nach einer Woche war der Text mit diesem Titel rund eine Million Mal gelesen. Es geht darin um, ja, die Generation, deren Mitglieder um sich selbst kreisen, mit 30 noch kein Haus und keine Kinder haben, dafür aber einen Job, mit dem sie zumindest versuchen, sich selbst zu verwirklichen. "Du schreibst mir aus der Seele", "Auf den Punkt gebracht!", "Der Artikel formuliert, was ich denke", so und ähnlich kommentierten die Leser zahlreich. Der Autor, Michael Nast, hatte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Bücher veröffentlicht, mehrere Jahre lang gebloggt, über das Leben, die Liebe und Berlin, doch nie zuvor eine Resonanz wie diese erfahren.

Seitdem läuft es. Am 15. Februar erschien sein neues Buch, es heißt, natürlich, "Generation Beziehungsunfähig" und versammelt Geschichten, die für diese Generation typisch sein sollen. Auf der Website einer Frauenzeitschrift darf er inzwischen den Leserinnen erklären, "wie Männer wirklich ticken". Monatlich kommen auf seiner Facebook-Seite zwei- bis dreitausend neue Fans hinzu, Lesungen mit bis zu 1400 Sitzplätzen sind ausverkauft, obwohl man, laut eigener Auskunft, bisher gerade mal sechs Euro in Facebook-Werbung dafür investiert hat. Eine DVD und weiteres Merchandising ist geplant. All das erzählt Michael Nast, wenn man sich mit ihm trifft, um herauszufinden, wer denn der Typ ist, der das "Sprachrohr seiner Generation" sein soll. Und was seine Popularität eigentlich ausmacht.

Mehr zum Thema: Das sind die Träume der Generation Y

Streng genommen gehört er gar nicht mehr zu der Generation, über die er da schreibt. Michael Nast ist bereits 40 Jahre alt, doch für ihn definiert sich eine Generation auch nicht nach dem Lebensalter. "Es geht in meinen Texten um eine Einstellung, die uns allen gemein ist. Die können Teenager haben, genauso wie Leute um die 50", sagt er. Sonst passt alles: Nast kommt aus Berlin, nach einer abgebrochenen Buchhandelslehre arbeitete er unter anderem als Artdirector und startete einen Blog, bevor er sich als Autor und Kolumnist selbstständig machte. Und er ist Single seit einem Jahr, nach einer zweijährigen Beziehung, davor war er wiederum sechs Jahre Single. Wie lange dauerte seine längste Partnerschaft? "Drei Jahre. Aber nur, weil das auch eine ganze Weile eine Fernbeziehung war."

Wenn man dann mit ihm spricht, fast drei Stunden lang, über moderne Beziehungsphänomene, übers Kennenlernen, Flirten, Lieben und Trennen, denkt man irgendwann: Der hat halt auch keine Ahnung. So wie er in seinem Buch hauptsächlich Geschichten von Freunden verwertet, beruhen seine Ansichten über das Liebesleben der so groß gefassten "Generation Beziehungsunfähig" offenbar vor allem auf eigenen Erlebnissen und Erzählungen seiner Freunde. Tinder? Kennt er kaum, aber ein Freund hat ihm gesagt, das wäre nur was für schnellen Sex. Flirten per WhatsApp? Das ist ja so mit der Telefonnummer verbunden, er freunde sich lieber auf Facebook an und schreibe sich dort mit Frauen. Vom Mingle-Phänomen, dem anstrengenden Liebesleben in einer undefinierten Halbbeziehung, hat er gelesen – glaubt aber nicht, dass das ein Problem ist. "Ich kenne das nicht, ich glaube nicht, dass es das gibt. Das ist eine Ausrede. Ich sage den Frauen immer, wenn ich nicht mit ihnen zusammen sein will." Sonst erzählt er vieles, was bereits in seinem Buch steht, aber das wird nicht daran liegen, dass er nicht mehr zu sagen hat. Sondern, dass er und seine Generation eben alles, was sie zu sagen haben, auch öffentlich verwerten.

Eine Generation von Selbstdarstellern

Wer nicht das Glück hat, Bücher damit füllen zu dürfen, postet eben auf Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat. Wird Star auf YouTube oder wäre es gerne. "Wir sind eine Generation von Selbstdarstellern. Jeder ist seine eigene Marke. Totale Selbstinszenierung", so prangert Nast selbst das an. Dass er mit diesen Worten seinen Buchtrailer auf YouTube untermalt, sei Ironie.

Den Trailer selbst ließ er übrigens nach dem Vorbild des letzten "James Bond"-Trailers produzieren, er zeigt Nast bei seinen Lesungen, umjubelt, von Fans umzingelt, der laute Applaus ist echt und stammt von Aufnahmen seiner Auftritte, darauf weist er extra hin. Worauf er auch hinweist: wie viele andere Journalisten ihn schon interviewt hätten. Nicht nur Zeitungen, auch Promi-Hochglanz-Magazine. Das Fernsehen. Das, was mit ihm passiere, passiere einem Autor normalerweise nicht. Und die Likes unter seinem "Generation Beziehungsunfähig"-Text, die seien auch nicht wie bei anderen Autoren. Sein Artikel hat 180.000 Likes. Andere bekämen längst nicht so viel. Ein Kumpel hat das für Michael Nast nachgesehen. Er hat ja auch ein paar prominente Kumpel, erzählt er. Das weiß man aber schon von seinem Instagram-Account, ein aktuelles Foto zeigt ihn mit Schauspieler Frederik Lau.

Zustandsbeschreibung statt Ratgeber

Nast hat das Café ausgesucht, in dem er diese Dinge erzählt. Er kennt den Besitzer, deshalb komme er gern her. Hier seien jetzt auch nicht so viele Berlin-Hipster, überhaupt, die könne er nicht ertragen. "Es geht immer nur um Konsum. Alle sehen gleich aus, gehen in die gleichen Bars und Clubs." Ins "Haus am See" etwa, da könne man ja kaum mehr hingehen. Wobei er da auch den Besitzer kenne, also gehe er schon manchmal hin. "Und dann geht es nur noch um die Gästeliste. Wenn die Leute irgendwo auf der Gästeliste stehen, fühlen sie sich toll", sagt er. Und fügt hinzu: "Wobei ich mich auch nicht mehr erinnern kann, wann ich zuletzt irgendwo Eintritt gezahlt habe."

Michael Nast ist das Symptom der Krankheit, die er diagnostiziert hat – und gern heilen würde. Doch er hat nicht die Medizin dafür, sein Buch ist kein Ratgeber, sondern Zustandsbeschreibung. Und in diesem Zustand personifiziert Nast Pars pro Toto das Problem der – kann man das Wort eigentlich noch hören? – Generation Y. Und genau deshalb lieben ihn seine Fans wohl so: weil er nicht versucht, irgendwas zu erklären, weil er nicht von Metaebenen auf sie herabschaut, sie nicht mit Wissenschaft oder Fakten belehrt, sondern weil er genauso verkorkst ist wie sie. Und das einfach beschreibt. Er scheut dabei keine Floskeln – "Das ist die wunderbare Möglichkeit, die uns die Liebe gibt. Ein besserer Mensch sein zu wollen. Wir sollten sie nutzen." Oder: "Nutzt eure Talente, verwirklicht eure Träume. Wagt etwas. Springt." –, schreibt und spricht von Funken und der einen großen Liebe. Und natürlich davon, dass man das Leben wieder zu schätzen lernen müsste.

Unvollkommenheit mit Identifikationspotenzial

Man fühlt sich an die Mantras von YouTube-Stars wie Sami Slimani erinnert, dessen Erfolg auch darin gründet, dass seine Fans sich mit ihm identifizieren können – bevor er zum Social-Media-Phänomen wurde, war er der übergewichtige Teenager mit Pubertätsproblemen. Ist Michael Nast der Slimani der Singles? Auch Nast lebt eine Unvollkommenheit vor, bestätigt seinen Lesern, dass sie damit nicht alleine sind – und macht das zum Lifestyle mit Identifikationspotenzial: Auf Instagram posten vor allem junge Mädchen Fotos von sich und versehen sie mit dem Hashtag #generationbeziehungsunfaehig.

Ihm würden tatsächlich auch viele sehr junge Frauen schreiben, verabreden würde er sich aber mit keiner von ihnen. "Da weiß ich doch gar nicht, ob die sich für mich interessieren oder für mich, den Autor." Er spricht gern davon, dass er Kinder liebe und nicht alt Vater werden wolle. Das habe auch ein Freund von ihm schon mal so gesagt. Eigentlich wird es dann längst Zeit. Aber jetzt gehe es ihm erst mal um sein Buch, die Lesetour. Und es müsse ja auch "die Richtige" kommen. Oder, wie er selbst schreibt: "Wer sich nur auf sich selbst beschränkt, verpasst alles andere."

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