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Jesper Juuls Erziehungsratgeber Warum Eltern für ihre Kinder wie Leitwölfe sein müssen

Die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland erregt die Gemüter: Naturschützer jubeln, Bauern haben Angst. Nun legt Jesper Juul einen Erziehungsratgeber vor, der Wölfe als Vorbilder für Menschen zeigt.

Wölfe hat der dänische Familientherapeut Jesper Juul als Leitbild für sein neuestes Buch gewählt: Eltern sollen wie Leitwölfe sein. Wölfe als Vorbilder von Menschen, ausgerechnet in einer Zeit in der die Rückkehr der Tiere nach Deutschland die Nation in Wolfsbefürworter und Wolfsgegner spaltet.

Juul sieht das alles aus der Familienperspektive. Hier reichen drei Wörter für die Kernaussage des Autors aus: "Kinder brauchen Führung". Obwohl Eltern im Beruf durchaus fähig wären, Führungskraft zu zeigen, hätten manche in der Familie damit ihre Probleme. Doch wie kann hier der Wolf als Vorbild dienen? Wo sein Image doch durch das Adjektiv "böse" hinuntergezogen wird wie das Tier im Märchen durch die im Bauch eingenähten Steine. Was hat das Bild eines Wolfsrudels in einer Gesellschaft verloren, die samt ihren Kindern nach Prestige jagt?

Eine Führungsstruktur des Zusammenhalts

"Hohe soziale Intelligenz" ist für den Psychologen das Stichwort: "Vor allem fasziniert mich der neue Blick auf die intelligente Führungsstrategie dieser Tiere, denn sie sind absolut familienorientiert und leben in einer Art klassischen Großfamilie. Es ist für sie eine Überlebensfrage, ihrer Gruppe gut funktionierende Anführer zu sein und sie zusammenzuhalten." 

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Eine Führungsstruktur des Zusammenhalts also, in der Weibchen oder Männchen das Rudel je nach Bedarf führen. Der Begriff Leitwolf ist für Juul positiv besetzt. Kinder brauchten vor allem Beziehung und Vertrauen. Der Therapeut schreibt von unzähligen Beratungsgesprächen geprägte kluge Sätze: "Das Wohl von Kindern hängt davon ab, wie es allen in der Familie geht - als Einzelperson und als Gemeinschaft.“

Jesper Juul ist eine Art Popstar seines Fachs, ein Freidenker: Denkweisen von Kollegen verweist er in die Kultur und die Familienmuster ihrer Zeit: Wo Freud zum Beispiel bei der Mutterfixierung von Söhnen einen Ödipuskomplex analysierte, sieht Juul basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen schlicht die damals öfter vorkommende körperliche oder emotionale Abwesenheit von Vätern. Was früher gestimmt haben kann, muss heute nicht mehr zwingend richtig sein. Deshalb lohnt für ihn ein Prüfen, ein Überdenken von Altgedachten.

Die Würde des Kindes ist zu achten

Seine These, warum Kinder Erwachsene wollen, die Führung übernehmen begründet er einleuchtend: Die Kleinen würden zwar ihre Wünsche kennen, aber nicht ihre grundlegenden Bedürfnisse. Außerdem brauchten sie "qualifizierte Anleitung, um sich an eine Kultur anzupassen, welche Kultur auch immer." Kinder hätten zwar von Geburt an große Weisheit, aber ihnen fehlten praktische Lebenserfahrung, Überblick und die Fähigkeit, vorauszudenken.

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Theoretisch, so mögen sich nun manche Eltern denken, liest sich das ganz geschmeidig. Was tut man aber ganz praktisch, und dies ist auch ein Fallbeispiel des Buches, wenn die Tochter abends immer wieder aus dem Bett kommt und Mutter sich entspannen will. Wie begegnet man einem Interessenskonflikt zwischen Erwachsenem (Macht) und Kind (Würde)?

Juul betont in seinen Büchern immer wieder die Würde des Kindes. Eltern sollten ihren Zöglingen vermitteln, dass sie diese akzeptieren. Der Psychologe regt an das Kind zu fragen, warum es um beim Beispiel zu bleiben, nicht in sein Bett zurück möchte - und ihm so mit einem Dialog entgegenzukommen. Somit müsse es seine persönliche Integrität, seine Würde nicht schützen. (Pippi Langstrumpf ist natürlich übrigens auch deshalb so beliebt, weil sie persönliche Integrität geradezu verkörpert.)

Eltern-Kind-Beziehung - "gleichwürdig, aber nicht gleichberechtigt"

Die Eltern-Kind-Beziehung ist für den Psychologen "gleichwürdig, aber nicht gleichberechtigt". Denn Dialog bedeutet in Juuls Sinne natürlich auch, dass Eltern mit gutem Gewissen sagen können, was ihnen nicht gefällt. Sie sollen und müssen klare Grenzen setzen, damit Kinder lernen können, mit einem "Nein" oder "Stopp" umzugehen. Doch bei allem ist Empathie Juuls Zauberwort. Wenn man das Buch mit einem Textprogramm danach absuchen würde, ergäben sich bestimmt jede Menge Treffer. Doch der Begriff "Verantwortung" taucht - gefühlt - bestimmt noch öfter auf.

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Wer Führung übernimmt, sollte der Verantwortung gewachsen sein. Bei Familien kommt laut Juul hinzu: "In jeder längeren Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern sind die Erwachsenen zu einhundert Prozent verantwortlich für die Qualität der Beziehung."

Kinder sind in der Beziehung zu ihren Eltern laut dem Psychologen kompetent und hätten Einfluss, doch "sie sind ganz einfach außerstande, Verantwortung für zwischenmenschliche Prozesse zu übernehmen. Werden sie verantwortlich oder schuldig gemacht, können sie sich nicht richtig entwickeln." Deshalb sei es für Kinder so entscheidend, wie Erwachsene ihre Verantwortung bewältigen.

Eltern sollen ihre Prioritäten überdenken

Der Mutter des Fallbeispiels aus seinem Buch rät Juul zu überdenken, wie wichtig ihr ihre Ruhe ist. Wenn sie diese haben möchte, sollen sie mit dem Kind reden. Und es dann ins Bett schicken. Auf die Nachfrage von Eltern: "Aber fühlt das arme Kind sich dann nicht abgelehnt?" antwortet Juul: "Ja, hoffentlich. Darum geht es ja."

Ganz anders ging übrigens Autor und Vater Adam Mansbach ging mit dem Problem um: kreativ. Mit „Verdammte Scheiße, schlaf ein“ schrieb er sich den Frust von der Seele – und landete einen internationalen Nummer-1-Bestseller.

Juul, Jesper: "Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie", Beltz, 224 Seiten, 16,95 Euro.

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