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Bandenkriege in der Pariser Banlieue Der Feind wird zum Krüppel geschossen

In den Problem-Vorstädten im Nordosten von Paris haben Mafia-Methoden Einzug gehalten. Bei Auseinandersetzungen zwischen Kriminellen wird zunehmend geschossen. Doch man will nicht töten.

"In Marseille wird getötet, hier wird verstümmelt: Eine oder mehrere Kugeln in die Beine, das ist eine örtliche Besonderheit", seufzt ein Polizist im Département Seine-Saint-Denis. Drogengangs kämpfen in den Banlieues mit großer Brutalität gegeneinander - und setzen zur Abschreckung darauf, aus ihren Gegnern Krüppel zu machen.

Erst Ende Januar schießt ein Maskierter in der als Drogenhochburg verrufenen Pariser Vorstadt Stains vor einem Hochhaus einen Mann ins Knie. Fünf Tage später wird ein anderer Mann am Oberschenkel verletzt. "Rückspiel", kommentiert ein Polizist trocken. Zwischen den beiden Angriffen wird in der angrenzenden Vorstadt Saint-Denis am helllichten Tag ein Mann durch zwei Schüsse am Fuß verletzt.

Die Ermittlungen laufen noch. Ein Beamter der Kriminalpolizei aber hat keine Zweifel: Nachdem die Kriminalitätsrate im Zuge des nach den Anschlägen vom 13. November verhängten Ausnahmezustands zurückgegangen war, flammt nun wieder die Gewalt zwischen den Drogengangs auf.

Tote sind nach zwei Wochen vergessen

Dem Opfer zur Abschreckung, als Warnung oder aus Rache ins Bein zu schießen, ist eine in Italien als "gambizzazioni" - eine Abwandlung des Wortes "gamba" (Bein) - bekannte Praxis. Nicht nur die italienische Mafia greift auf diese brutale Methode zurück, auch bei den linksextremen Roten Brigaden war sie in den 70er und 80er Jahren verbreitet.

In Seine-Saint-Denis haben die Ermittler die Wortschöpfung ins Französische übertragen und sprechen jetzt von "jambisation" - "la jambe" ist das Bein. "Inzwischen werden in Seine-Saint-Denis Lektionen durch Verstümmelung erteilt", sagt der Kripo-Beamte. "Warum? Um ein Exempel zu statuieren ist das wirksamer: Ein getöteter Kerl ist nach zwei Wochen vergessen. Das ist ganz anders, wenn sich jemand auf Krücken oder im Rollstuhl durch die Vorstadt schleift."

Der Leiter der Rettungssanitäter in Seine-Saint-Denis, Frédéric Adnet, bestätigt diese Theorie: "Ein zerschossener Oberschenkelknochen heilt, aber die Opfer werden ein Leben lang hinken."

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Außerdem riskieren die Täter weniger, wenn sie ihre Gegner nur verletzen. "Bei Verletzungen mit Waffen riskieren die Täter keinen Prozess vor einem Schwurgericht. Und folglich weniger schwere Strafen", sagt der Kripo-Beamte.

Die Omertà funktioniert - Polizei ist nahezu machtlos

Der Arzt Adnet ist bei Durchsicht seiner Akten auf eine "eklatant" hohe Zahl von durch Schüssen verursache Beinverletzungen gestoßen. Die Behörden schätzen, dass es im Département Seine-Saint-Denis im vergangenen Jahr rund 20 Fälle einer "jambisation" gab.

"Wir haben Zeiten mit jeder Menge 'jambisations'. Das hängt von Phasen ab, von Orten, von der Logik des Territoriums der Dealer", sagt ein Sicherheitsverantwortlicher. "Aber es ist jedes Mal das gleiche Szenario: Das Opfer zeigt sich komplett erstaunt, dass ihm das passiert ist, spricht von einer Verwechslung und erstattet keine Anzeige."

Ein Kollege berichtet von einem jungen Mann, der im vergangenen Herbst angeschossen wurde. "Das gleiche ist fünf Monate vorher seinem Bruder passiert. Aber er wollte da keinen Zusammenhang sehen." Die Polizei ist machtlos in ihren Ermittlungen, zu stark ist in den Banlieues das Gesetz des Schweigens, wie ein Beamter sagt: "Kein Opfer, kein Zeuge, keine Waffe: die Omertà."

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