Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Freiheit nach 22 Jahren Todeszelle Debra Milke gehen Smartphones "auf die Nerven"

22 Jahre saß Debra Milke für den angeblichen Mord an ihrem Sohn in der Todeszelle. Ihr Geständnis hatte ein Polizist offenbar gefälscht. 2013 kam die Deutsch-Amerikanerin frei und besuchte jetzt Berlin.

Berlin-Steglitz, eine Seitenstraße, in der Nähe eines Shoppingcenters. Es ist Nachmittag, Menschen kommen von der Arbeit, laufen von Laden zu Laden, geschäftiges Treiben. In diesem Wimmelbild steht Debra Milke am Rand, regungslos, und schaut in die Sonne. "Ich brauchte etwas Wärme", erklärt sie zur Begrüßung, deswegen habe sie vor ihrer Wohnung gewartet. Sie ist vor ein paar Tagen aus Arizona in den Berliner Winter geflogen, sie ist hier geboren, ihre Mutter war Deutsche, der Vater amerikanischer Soldat, aufgewachsen ist sie in den USA. Sie hat noch Verwandte hier, aber es ist kein Urlaub, sagt sie, sie ist in Berlin, um ein Buch vorzustellen, das diese Woche erschienen ist. Es handelt von ihrem geraubten Leben. Debra Milke ist 51 Jahre alt. 22 davon saß sie im Todestrakt.

Ihr vierjähriger Sohn Christopher wurde am 2. Dezember 1989 von ihrem Mitbewohner und einem Bekannten ermordet. Sie nahmen den Jungen mit zu einem Shoppingcenter, um ihm den Weihnachtsmann zu zeigen. Am nächsten Tag fanden Polizisten ihn mit drei Kugeln im Hinterkopf in einem ausgetrockneten Flussbett. Milke wurde zu Tode verurteilt, weil das Gericht glaubte, die alleinerziehende Mutter habe die beiden beauftragt, um an eine 5000-Dollar-Versicherungssumme heranzukommen und ein freies Leben ohne Kind zu führen. Das Urteil beruhte auf einem offenbar erfundenen Geständnis, der Vernehmungsbeamte wurde später der Lüge bezichtigt.

Zwei Jahrzehnte lang kämpfte Milke um eine Neuaufnahme des Verfahrens. Als ein Berufungsgericht schließlich ihre Freilassung anordnete, sprach es von einem "Schandfleck in der Justizgeschichte Arizonas". Am 6. September 2013 kam Milke vorläufig frei. Am 17. März 2015 wurde ihr Verfahren endgültig eingestellt. Sie versteht etwas Deutsch, spricht aber nur Englisch.

Frau Milke, trotz der Kälte, genießen Sie Berlin, haben Sie die Stadt schon erkundet?

Debra Milke: Nein, eigentlich stehe ich am liebsten auf dem Balkon und schaue dem Leben zu. Das Tempo scheint hier langsamer zu sein als bei mir zu Hause in Arizona, das gefällt mir. Ich beobachte die Menschen, frage mich, wo sie herkommen und wo sie hingehen ... fast wie in meiner Zelle, da habe ich auch oft am Fenster gesessen. Das konnte ich zwei Zentimeter öffnen. Ich steckte die Nase raus und schaute über die Felder auf die Fernstraße nach Kalifornien, überlegte, wo die Autos wohl hinfahren und malte mir Geschichten dazu aus.

Sie waren insgesamt 24 Jahre im Gefängnis, 22 im Todestrakt. Können Sie sich noch an den Tag erinnern, an dem Sie freikamen?

Milke: Der 6. September 2013, ich weiß es noch ganz genau. In dem Augenblick, als ich aus der schwarz-weiß gestreiften Häftlingskutte stieg und normale Kleidung anzog, wurde mir schlagartig bewusst: Das passiert wirklich. Meine beiden Anwälte holten mich ab, und dann saß ich plötzlich selbst in einem Auto auf der Fernstraße. Der Himmel war so unvorstellbar weit.

Was haben Sie als Erstes getan?

Milke: Wir sind in das Büro meiner Anwälte gefahren, und ich habe ein vegetarisches Sandwich gegessen. Im Gefängnis gab es kein Gemüse und Obst, ich hatte eine solche Sehnsucht danach. Und Eiscreme. Schokolade, Erdbeere, Minze – ich habe alle Sorten gegessen, die ich finden konnte. In den ersten Wochen habe ich bestimmt zwölf Kilo zugenommen.

Und dann haben Sie Freunde besucht, sind auf Reisen gegangen ...

Milke: Nein. Das hat jeder gedacht, dass ich jetzt richtig loslege und alles nachhole. Aber die ersten drei Tage war ich nur im Haus. Die ganzen Eindrücke da draußen haben mich überwältigt. All die Leute, all diese Geräusche. Ich verliere nicht gerne die Kontrolle. Anstatt alles auf einmal auszuprobieren, habe ich mir jeden Morgen eine einzige Aufgabe überlegt. Einen Spaziergang. In den Supermarkt gehen. Mich zum Mittagessen mit einer Freundin verabreden. Nach zwei Monaten haben mich Bekannte mit auf einen Jahrmarkt genommen. In der Menge bekam ich Panikattacken.

Die Technik hat sich in den 20 Jahren rasant verändert. Waren Sie oft überfordert?

Milke: Oh, das ging schon in den ersten Sekunden los. Als ich aus der letzten Tür trat, sah ich meine Anwälte und winkte ihnen zu. Aber die standen einfach nur da und hielten diese Dinger in die Höhe. Zuerst dachte ich, das sind Kameras, aber es klickte nicht. Jetzt weiß ich, das waren Smartphones, sie machten ein Video von mir.

Haben Sie inzwischen verstanden, wie das funktioniert?

Milke: Ja, aber diese Dinger gehen mir auf die Nerven. Die Leute telefonieren die ganze Zeit auf öffentlichen Plätzen, in der Schlange vor der Bank, im Bus und sie reden so laut. Diese Dinger klingen auch gar nicht mehr wie ein Telefon, wenn sie klingeln.

Was hat sie noch überrascht?

Milke: Die Supermärkte sind riesig geworden! Von allem gibt es Dutzende Sorten. Und niemand zahlt mehr mit Bargeld. Sie ziehen Karten durch Geräte.

Auf ihrem Schreibtisch stehen zwei Laptops, Sie scheinen sich also an die neue Welt gewöhnt zu haben.

Milke: Na ja, das muss ich ja, auch für die Arbeit. Ich helfe im Büro meines Anwalts aus, sortiere Akten und unterstütze das Mädchen von der Buchhaltung. Gestern Abend wollte ich einen Drucker installieren, das ist so ein kabelloser. Ich sage Ihnen, darüber bin ich vor lauter Frust in Tränen ausgebrochen.

Sie wohnen in Phoenix, haben wieder eine Arbeit, einen geregelten Tagesablauf. Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Milke: Ich habe einen kleinen Freundeskreis, dem ich vertraue. Sie laden mich oft ein, etwas zu unternehmen, aber ich finde fast immer eine Ausrede. Die meiste Zeit bin ich für mich in meinem Garten. Ich war die Hälfte meines Lebens in Einzelhaft. Es fällt mir schwer, diese Gewohnheit zu durchbrechen.

Das ist eine unvorstellbar lange Zeit. Wie sah Ihr Alltag im Gefängnis aus?

Milke: Meine Zelle war zwei mal drei Meter groß, stahlgrauer Beton, eine Toilette, ein Waschbecken, das Bett. Das Essen kam durch eine Klappe in der Tür. Ich war die einzige zum Tode Verurteilte, deshalb durfte ich keinen Kontakt zu den anderen Frauen haben. Auch wenn ich in den Hof kam, wurde ich in einen Gitterverschlag geführt. Aber ich konnte mich von Fenster zu Fenster mit anderen unterhalten, oder durch den Lüftungsschacht. Manchmal blieben Frauen, die sich frei bewegen durften, an dem Glasfenster in meiner Tür stehen.

Sie waren 25, ein Mädchen aus der Mittelschicht, hatten gerade eine Karriere bei einer Versicherung begonnen. Nun unterhielten Sie sich mit Drogendealern und Prostituierten.

Milke: Es war wie auf einem fremden Planeten. Ich konnte keine Beziehung zu den anderen Insassen aufbauen. Einige sind durchgedreht, haben sich die Pulsadern aufgeschnitten oder eine Überdosis Pillen geschluckt. Ich habe eine Frau gesehen, die sich angezündet hat. So will ich nicht enden, habe ich gedacht. Ich muss geistig gesund bleiben.

Wie haben Sie das geschafft?

Milke: Durch Routine. Jeden morgen um vier Uhr, wenn es am stillsten war, bin ich aufgestanden und habe geschrieben oder gelesen. Gegen fünf kam das Frühstück durch die Klappe, danach habe ich geputzt und Fernsehen geschaut. Nach dem Mittagessen habe ich wieder geschrieben, meditiert, Liegestütze gemacht oder Musik gehört. Nach dem Abendessen habe ich Reiseberichte geschaut, das war meine mentale Flucht aus der Hölle.

Sie haben im Gefängnis Listen über die Dinge geführt, die Ihnen am meisten fehlten. Ein Punkt war "berührt zu werden".

Milke: Körperkontakt hatte ich nur, wenn sie mir Handschellen anlegten. Irgendwann nach ein paar Jahren kam eine Wärterin, öffnete die Essensklappe und flüsterte "Debra komm her". Dann nahm sie meine Hände in ihre. Das war eigentlich verboten.

Und dann, kurz vor Weihnachten 1997, probten die Wärter Ihre Hinrichtung.

Milke: Ich hatte mich damals durch alle Instanzen in Arizona geklagt, nun sollte mein Fall auf die Bundesebene wechseln. Da setzten die Behörden noch schnell ein Datum für die Hinrichtung fest. Die Wärter kamen und fragten mich alle möglichen Dinge, ob ich jemanden zu meinem Todestag einladen wolle, ob ich es vorzöge, durch Gas oder Giftspritze zu sterben, was ich mir als Henkersmahlzeit wünschte. "Das Gefängnisessen ist doch so lecker, gebt mir einfach eine normale Portion", antwortete ich. Humor war meine Art, mit der Situation klarzukommen. Der Ernst der Lage wurde mir erst bewusst, als ein Arzt in meine Zelle kam und mir eine Aderpresse anlegte. Ich fragte: "Was machen Sie da?" Er antwortete: "Ich teste Ihre Venen."

Ihr Anwalt konnte die Hinrichtung verhindern. Aber es dauerte noch Jahre, bis Ihr Prozess neu aufgerollt wurde. Haben Sie sich manchmal vorgestellt, wie Ihr Leben hätte anders verlaufen können?

Milke: Meine letzte Erinnerung an Christopher ist, wie er aus der Tür ging. Wir hatten ein Verabschiedungsritual: "See you later, alligator", sagte ich. Er lachte und antwortete: "After a while, crocodile." Ich weiß bis heute nicht, warum sie ihn getötet haben. Darauf werde ich wohl keine Antwort mehr bekommen. Im Gefängnis habe ich mir oft vorgestellt, wie es gewesen wäre, hätte es diesen Tag nicht gegeben. Wie Christopher jetzt aussehen würde, wie ich wieder geheiratet und er noch ein Geschwisterkind bekommen hätte.

Haben Sie sein Grab besucht?

Milke: Es gibt keins. Mein Ex-Mann hat ihn einäschern lassen und die Urne bei sich. Wir haben keinen Kontakt. Ich trauere anders um meinen Sohn. Jedes Jahr lasse ich im Garten Ballons in den Himmel aufsteigen und schaue ihnen nach, bis sie vom Horizont verschwunden sind.

Das Wort wirkt unangemessen, aber haben Sie eine Entschädigung bekommen?

Milke: Nein, und auch keine offizielle Entschuldigung. Dafür fehlte den Verantwortlichen wohl der Mut. Meine Anwälte klagen noch, aber dazu kann ich momentan nicht mehr sagen.

Sie müssen viel Wut in sich tragen.

Milke: Ich habe immer daran geglaubt, dass sich die Wahrheit durchsetzen und ich freikommen würde. Als es dann endlich so weit war, habe ich entschieden, keine verbitterte Person zu werden, das bin einfach nicht ich. Aber da ist viel Traurigkeit. Christopher stand nicht vor dem Gefängnis und hat auf mich gewartet. Er ist nicht mehr da. Nach dem langen Kampf fühlte ich mich auf einmal komplett leer. Ich kann keine richtige Freude mehr empfinden. Damit muss ich zu leben lernen.

Was haben Sie als Nächstes vor?

Milke: Ich habe keine konkreten Ziele. Ich versuche, nichts als sicher anzusehen. Das Längste, das ich mir erlaube vorauszuplanen, ist ein Jahr. Im Sommer möchte ich wieder nach Berlin kommen. Vielleicht traue ich mich dann etwas weiter raus. Ich stelle mir vor, wie ich zum Bahnhof gehe und einfach in einen Zug steige. Ich habe gehört, Prag soll sehr schön sein.

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

 
 
Mehr Artikel aus dem Ressort Panorama