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Landstrich in Minnesota Reporter verspottet "hässlichsten Ort" – und zieht hin

Red Lake, Minnesota, ein Ort wo "man wirklich nicht leben will". Diese These zog ein US-Reporter aus einer Statistik. Es folgte in Shitstorm aus der "Hölle" - und eine folgenschwere Einladung.

Als Christopher Ingraham im vergangenen Jahr vom US-Landwirtschaftsministerium eine Studie über die "schönsten Gegenden Amerikas" auf den Schreibtisch bekam, wusste er zunächst nicht so richtig, wie er die auf den ersten Blick absehbaren Daten einordnen sollte. Dass Kalifornien und Colorado in Bezug auf die Natur die Spitzenplätze in der Untersuchung einnahmen, hatte nicht nur der Journalist der "Washington Post" schon immer geahnt. Wenig überraschend war für ihn auch, dass Gegenden in den Bundesstaaten North Dakota sowie in Minnesota am Ende der Tabelle standen.

"Ventura County ist der absolut erstrebenswerteste Bezirk, in dem man in Amerika leben möchte", fasste Ingraham die Daten später in seinem Blog zusammen. Die Gegend mit ihren mehr als 800.000 Bewohnern liegt etwa 90 Minuten nordöstlich von Los Angeles und hatte neun andere Landstriche in Kalifornien auf die folgenden Plätze verwiesen.

Bei der Studie des Landwirtschaftsministeriums waren vor allem milde, sonnige Winter, angenehme Temperaturen im Sommer, geringe Luftfeuchtigkeit, Zugang zum Meer oder zu Seen sowie die Anzahl von unterschiedlichen Naturschönheiten ausschlaggebend. Red Lake in Minnesota hatte nach Meinung der Experten davon nicht soviel zu bieten. Von 3011 untersuchten Gegenden der USA (Hawaii und Alaska waren nicht dabei) landete der Bezirk, der mit fast fünf Stunden nördlich von Minneapolis und zwei Stunden südlich der kanadischen Grenze in einer Art Niemandsland liegt, am Ende der Liste.

"Red Lake ist die schlimmste Ecke Amerikas", urteilte auch Ingraham anhand der Daten des Ministeriums, aber ohne dass er jemals vor Ort gewesen war. "Hier will man wirklich nicht leben müssen." Ein Fazit, dass sich nicht nur als voreilig erweisen, sondern auch die komplette Lebensplanung des Hauptstadt-Journalisten verändern sollte. Doch das ahnte der beim Schreiben seines eher flapsigen Textes sicherlich noch nicht.

Jetzt zieht er um

Ein halbes Jahr später will Ingraham Washington erst einmal den Rücken kehren und umziehen. Dabei haben den Familienvater nicht die Daten aus dem vermeintlichen Paradies Kalifornien überzeugt. Zusammen mit seiner Frau Briana und seinen zwei Jahre alten Zwillingssöhnen will er im Mai Red Lake in Minnesota sein neues Zuhause nennen. Er zieht also in genau den Ort, in dem er eigentlich noch nicht einmal begraben sein wollte und den er vor wenigen Monaten noch als die hässlichste Gegend des Landes verspottet hatte.

Fast schon Kanada: Hier liegt Red Lake, Minnesota. (Foto: Infografik Die Welt)

"Nein, das ist kein Witz", postete Ingraham jetzt auf Twitter an seine 13.500 Follower, von denen es viele nicht glauben wollen. Mindestens zwei Jahre will der Reporter in Red Lake bleiben. "Ich habe ein bisschen Sorge wegen des langen Winters", gibt er zu. Dabei ist er in Upstate New York aufgewachsen und sollte Frosttemperaturen eigentlich gewohnt sein. "In Red Lake ist es noch ein bisschen kälter", weiß Ingraham.

Laut einer Klimatabelle pendeln die Temperaturen in dieser Gegend von Minnesota in den Monaten Dezember bis März zwischen minus 16 und minus 19 Grad Celsius. Der erste Schnee fällt dabei gewöhnlich schon im Oktober und bleibt bis Mai. Nur im kurzen Sommer von Juli und August wird sich der Neubürger auch einmal über Temperaturen um 26 Grad plus freuen können.

Am Anfang stand ein Shitstorm

Doch wie kam es zu dieser 180-Grad-Wende bei Christopher Ingraham? Bereits wenige Minuten nachdem er seinen Text online gestellt hatte, reagierte das Internet mit einem Shitstorm. Vor allem aufgebrachte Menschen aus Minnesota bombardierten den Journalisten mit E-Mails und schimpften in den sozialen Netzwerken über die ihrer Meinung nach falsche Berichterstattung.

Auf Twitter entstand schnell ein neuer und sarkastisch gemeinter Hashtag #ShowMeYourUglyCounties ("Zeige mir deine hässlichen Bezirke), wo viele die Methoden des Landwirtschaftsministeriums kritisierten und Bilder von Naturschönheiten posteten – auch aus Red Lake. Selbst die Politik schaltete sich in die Diskussion ein. "Der Ort, an dem man auf keinem Fall sein möchte, ist doch die Redaktion der 'Washington Post'", schimpfte der demokratische Senator aus Minnesota, Al Franken.

"Die Hölle kann nicht schlimmer sein als ein verschmähter Bewohner aus Minnesota", antwortete Ingraham auf den Shitstorm in einem weiteren Blog-Eintrag mit dem Titel "Dicke Jacken, dünne Haut". "Ich wurde öffentlich bloßgestellt." Es habe viele Gegenden in Amerika gegeben, die bei der Studie nicht gut davongekommen waren. Doch von denen habe sich keine beschwert. Nur Red Lake fühlte sich offenbar in seiner Ehre gekränkt und protestierte scharf.

"Der Anschlag im sozialen Netz war nachhaltig und konstant", erklärte später Ingraham in einem Interview mit dem Radiosender NPR, deren Station in Minnesota über den "Skandal" berichtet hatte. "Aber ich muss auch zugeben, die Bilder, die ich von der Natur in Red Lake bekommen habe, waren wunderschön." Die Einladung aus der kleinen Gemeinde mit ihren 4089 Einwohnern, sich einmal die "goldenen Kornfelder, die Seen, die Berge" vor Ort anzuschauen, konnte der Reporter kaum ausschlagen.

Sieht eigentlich ganz nett aus: Christopher Ingraham (r.) wird von Jason Brumwell durch Red Lake geführt. (Foto: Grand Forks Herald / Logan Werlinger)

Ingraham reiste mit Familie nach Minnesota und wurde zu seiner eigenen Überraschung von den Bewohnern in Red Lake mit großer Freundlichkeit und ohne Zorn empfangen. Fast schon wie bei einem Staatsempfang spielte die Ortskapelle, der lokale Schulchor sang ein Ständchen und der Bürgermeister sowie andere Stadtverordnete empfingen ihre Gäste mit persönlichem Handschlag. Und später gab es noch eine private Sightseeing-Tour und eine Kajakfahrt auf dem örtlichen See, um die Naturschönheiten der Gegend zu zeigen.

Ingraham schien der Trip überzeugt zu haben. Zu Hause in Washington entstand schnell der Gedanke, nach Red Lake umzuziehen. Zumindest für eine Weile. "Wir wollten unsere Jungs schon immer auf dem Land aufwachsen lassen", schrieb Ingraham in der vergangenen Woche auf seiner Facebookseite. "Ich habe mich in die Gegend verliebt." Zurzeit würden sie noch eine neue Bleibe suchen. Doch im Mai wolle die Familie dann endgültig umziehen.

Die Söhne sollen auf dem Land aufwachsen: Der künftige Einwohner von Red Lake, Christopher Ingraham, mit Kuh. (Foto: Grand Forks Herald / Logan Werlinger)

"Ich hoffe, wir finden etwas nahe einer Farm. Ich liebe die Kühe dort", bestätigte Ingraham auch dem "Grand Fork Herald", seiner künftigen Lokalzeitung in Red Lake, seinen Entschluss zum Ortswechsel. "Wir werden das wirklich machen."

Seinen Job bei der "Washington Post", wo Ingraham neben der Verarbeitung von Datenmaterial aus Studien oder von Ministerien auch über Politik und Drogenpolitik schreibt, darf er behalten. Das Blatt, das einst durch die Aufdeckung des Watergate-Skandals und den daraus folgenden Sturz von US-Präsident Richard Nixon weltweit berühmt wurde, wird dann künftig einen "Korrespondenten" in Red Lake in Minnesota haben. Sozusagen mitten in der Wallachei.

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