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Nuklearkatastrophe von Fukushima Vom Helden zum Aussätzigen

Die sechs Männer besaßen keine Ausweispapiere, hinterließen keine Kontaktadressen. Sie waren einfach namenlos, als sie eingeäschert wurden. Die traurige Geschichte der "Entseuchungstruppen".

Die Toten gehörten zu den etwa 26 000 Arbeitern, die damit beauftragt sind, den radioaktiv verseuchten Oberboden abzutragen und in schwarze Säcke zu packen. Sie sind eine Art von "unbekannte Soldaten" Japans nach dem Atomunfall von Fukushima am 11. März vor fünf Jahren.

Männer wie sie reinigen Dächer, Regenrinnen und fällen Bäume - Tag für Tag, eine endlos scheinende Routine. Sie kommen aus allen Teilen Japans, viele von ihnen sind zwischen 50 und 70, ohne besondere Fertigkeiten oder enge Familienbande, Menschen am Rande der Gesellschaft. Sie werden von der örtlichen Bevölkerung gemieden, verrichten eine schmutzige, gefährliche Arbeit, die kein anderer will - am untersten Ende eines zwielichtigen, kastenähnlichen Subunternehmer-Systems, das schon seit langem wegen arbeitsrechtlicher Verstöße in der Kritik steht. Meistens haben sie Verträge für drei bis sechs Monate, mit wenigen oder überhaupt keinen sozialen Leistungen, und sie leben in notdürftig zusammengezimmerten Firmenbaracken. Und die Regierung stellt nicht einmal sicher, dass ihre persönliche Strahlenbelastung regelmäßig überprüft wird.

Von Subunternehmen ausgebeutet

"Sie säubern in Fukushima, verrichten eine manchmal gefährliche Arbeit, und sie können trotzdem nicht stolz auf das sein, was sie tun, gelten nicht einmal als seröse Arbeiter", sagt Mitsuo Nakamura, der jetzt eine Bürgergruppe zur Unterstützung der Entseuchungsarbeiter leitet. "Sie werden ausgenutzt." Einwohner weiter teilweise verlassenen Städten wie Minamisoma, wo sich 8000 Arbeiter aufhalten, sind besorgt, dass sich Ghettos mit wachsenden Kriminalitätsraten bilden. Tatsächlich ist die Zahl der Festnahmen unter den Arbeitern im Laufe der Zeit ständig gestiegen. Im vergangenen Jahr waren es 210, darunter ein Dutzend Mitglieder krimineller Organisationen.

"Ihre massive Präsenz hat die Einwohner schlicht eingeschüchtert", sagt Bürgermeister Katsunobu Sakurai. "Die Einwohner brauchen ihre Hilfe, aber sie wollen keinen Ärger."

Arbeiter bei Fukushima bei einer Pause. (Archivbild) (Foto: Reuters)

Die Yakuza mischen kräftig mit - Behörden machtlos

Die meisten der Männer arbeiten für kleine Subunternehmer großer Baukonzerne. Größere Projekte wie dieses werden unter einer Reihe von Auftragnehmern aufgeteilt, die dann wieder die Arbeit an kleinere Einrichtungen weitergeben - einige davon mit zweifelhaftem Hintergrund.

Das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt hat mehr als 300 Firmen untersucht, die an den Reinigungsarbeiten in Fukushima beteiligt sind. Es fand heraus, dass in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres fast 70 gegen Regeln verstießen, darunter zu geringe Entlohnung. Die untersuchten Firmen wurden stichprobenartig aus den Tausenden ausgewählt, die mutmaßlich in der Region Arbeiten ausführen.

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Verstöße seien so weit verbreitet, dass es praktisch unmöglich sei, das Problem in den Griff zu bekommen, sagt Mitsuaki Karino, ein Stadtrat in Iwaki. So müssten Arbeiter oft entgegen Zusagen für Essen oder Unterkunft bezahlen. Wenn sie ihre Arbeit verlören oder Verträge nicht erneuert würden, landeten manche auf der Straße. Aber Regierungsbeamte sagen, dass es keinen anderen Weg als den über das Auftragnehmer-System gebe, um die verstrahlte Region zu säubern - ein Mammutprojekt, dessen Gesamtkosten jetzt auf umgerechnet gut 39 Milliarden Euro geschätzt werden.

Das Risiko von Strahlenkrankheiten ist sehr hoch

Es hat in den vergangenen Monaten zumindest einige Festnahmen wegen mutmaßlicher Verletzung arbeitsrechtliche Regeln gegeben. Darunter ist ein Firmenchef, der Arbeiter mit falschen Versprechungen nach Fukushima geschickt haben soll. Einer von ihnen beschwerte sich bei den Behörden, nachdem er weniger als die Hälfte des zugesagten Lohnes erhalten hatte. Aber die meisten Arbeiter schweigen, sie haben Angst, ihren Job zu verlieren.

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Und dann ist da die Gefahr, krank zu werden. Das Einatmen von radioaktiven Partikeln könne Lungenkrebs verursachen, sagt der Arzt Junji Kato, der einige der Arbeiter betreut. Zwar tragen die meisten, die in Wohngebieten säubern, angemessene Schutzausrüstung. Aber in entlegeneren Regionen gibt es keine genauen Kontrollen, wie Nakamura von der Unterstützergruppe schildert.

Teamleiter werden regelmäßig gecheckt, aber die Strahlenbelastung der einzelnen Arbeiter wird nicht systematisch verfolgt. Die Regierung hat zwar 2013 ein System dafür eingeführt, aber das ist gebührenpflichtig, und viele der Arbeiter auf der untersten Ebene sind wahrscheinlich nicht abgedeckt.

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Tadashi Mouri vom Gesundheitsministerium betont, dass die Strahlenbelastung der Entseucher ein Bruchteil dessen betrage, was jährlich als Obergrenze für Arbeiter in der Atomanlage zulässig sei. Es bestehe kein Grund zur Besorgnis. Tatsächlich sind bisher keine von Strahlung verursachte Krankheiten festgestellt worden. Aber manche Arbeiter leiden an Diabetes, zerebralen Störungen oder Atemproblemen - oft lange unbehandelt, weil es an Geld, Gesundheitsbewusstsein oder sozialen Bindungen mangelt. 

Polizei fährt vermehrt Streife

Die Polizei und Freiwillige haben wegen wachsender Sicherheitsbesorgnisse in den Wohngebieten der Arbeiter Patrouillen gestartet. Einwohner sagen, dass sie abends Lebensmittelläden meiden - dann, wenn viele Arbeiter nach ihrem Einsatz Snacks oder Bier kaufen. "Die Arbeiter sind mit herzlosen Gerüchten konfrontiert, als ob sie alle rücksichtslose Banditen wären", sagt Nakamura. "Sie sind menschliche Wesen wie die anderen. Wie überall gibt es gute und schlechte Personen."

Das sieht auch Hideaki Kinoshita so, ein buddhistischer Mönch, der die Asche der sechs Namenlosen in hölzernen Kästen in seinem Tempel aufbewahrt. Er ist den Arbeitern dankbar. "Wir schulden jenen, die diese Stadt säubern, eine Menge." 

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