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Karneval reloaded Der Sonntag, der ein Rosenmontag war

Es war schlimm: Während in Köln die Kamelle flogen, hatte Düsseldorf seinen Rosenmontagszug wegen Sturmwarnung abgesagt. Jetzt feierte die Landeshauptstadt nach.

Der Zug rollt. Endlich. Düsseldorf hat so lange darauf gewartet. Jetzt wird nachgefeiert. Der Rosenmontag. Auch wenn heute Sonntag ist.

In der Altstadt bricht schon morgens der Frohsinn aus. Krümelmonster, Halbstarke im Ganzkörper-Bärenplüsch und Möchtegern-Polizistinnen in Netzstrumpfhose haken sich unter und hüpfen im Takt der Musik. Das Bier schmeckt, auch vor zwölf. "Proooost", rufen sie.

Ein paar Meter weiter auf der Königsallee, der Prachtmeile der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt, geht es ruhiger zu, so wie es eben zugeht, wenn Menschen warten. An der Königsallee warten die Zaungäste darauf, dass die berühmten Mottowagen von Jacques Tilly endlich eintreffen.

Das Altbier hilft, die Zeit zu überbrücken, und hebt ganz nebenbei die Stimmung. Die Schaufenster von Prada und Co. sind mit riesigen Holzplatten vernagelt. Statt Designerteilen gibt es heute bunte Fummel aus billigem Polyester, platinblonde Kunsthaarperücken zu 80er-Jahre-Trainingsanzügen und jede Menge roter Clownsnasen. Und das, obwohl der offizielle Karneval im Rheinland eigentlich längst vorbei ist. Stil hat, wer trotzdem feiert.

So stellen sich die Karnevalisten das kommende Silvesterfest in Köln vor. (Foto: dpa)

Die Kölner feiern diesmal mit

Die Düsseldorfer hatten ihren Rosenmontagszug Anfang Februar wegen einer Sturmwarnung abgesagt, nur um kurz darauf feststellen zu müssen, dass sich etwas mehr Mut vielleicht doch gelohnt hätte. Rund 40 Kilometer rheinabwärts wurde in Köln nämlich ohne Dauerregen und ohne die vorhergesagten orkanartigen Windböen gefeiert, dafür aber mit umso mehr Häme für den rheinischen Rivalen.

Nun, fünf Wochen später, wollen die Düsseldorfer mit ihrem Nachholtermin beweisen, dass auch sie imstande sind, mal etwas zu wagen. Denn sie feiern Karneval – und das mitten in der Fastenzeit.

So viel jecker Starrsinn findet selbst bei den Kölnern Gefallen. Schon vorab hatten sie über soziale Netzwerke angekündigt, zu Tausenden ins Feindesgebiet einfallen zu wollen. Um freundschaftlich mitzufeiern. Und natürlich, um "den Düsseldorfern zu zeigen, wie Karneval richtig funktioniert".

Sie haben Wort gehalten. Zumindest einige. Denis Welter, der Organisator der Facebook-Gruppe "Mir kumme met allemann vorbei", hat zwei Busse organisiert und ist mit insgesamt 80 Kölnern angereist. Heute, so sagt er, sei er sogar mal bereit, "Helaaf" zu rufen – eine Mischung aus dem in Düsseldorf üblichen "Helau" und dem "Alaaf" der Domstädter.

Erzbischof Woelki gab seinen Segen

Rosenmontag in Düsseldorf? Das käme für den Kölner unter normalen Umständen natürlich nie infrage. "Aber so feiern wir natürlich gerne mit – und wer weiß, vielleicht leckt der ein oder andere am Ende noch Blut", sagt Welter. Auch Hannah ist aus Köln angereist. "Ich hab's vor allem auf die Kamelle abgesehen", verrät sie und lacht.

Fastenzeit? "Ja gut, ein zwei Kilo weniger würden mir vielleicht ganz guttun", findet die 26-Jährige und schaut etwas verschämt auf den großen Stoffbeutel, den sie zum Horten des süßen Wurfmaterials mitgebracht hat. Dabei haben die 40 Tage des Verzichts und Betens vor Ostern aus Sicht der Kirche wohl wenig mit der perfekten Bikinifigur zu tun.

Beim Thema Karneval will man dort trotzdem nicht als Spielverderber dastehen. Erst recht nicht im Rheinland. Und so hat selbst Erzbischof Rainer Maria Woelki seinen Segen für den "Ersatz-Zoch" in Düsseldorf gegeben. Schließlich finde das Ganze an einem Sonntag statt – und sonntags, so erklärte es der Kölner Kardinal, habe das Fasten ja ohnehin Pause.

Manchmal wurde auch einfach nur getanzt. Hier fliegt ein Funkenmariechen durch die Vorfrühlingsluft. (Foto: dpa)

Vor 26 Jahren gab es einen Rosenmontagszug im Mai

Komplett neu ist ein verspäteter Rosenmontagszug in Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt nicht. Vor 26 Jahren musste das Spektakel schon einmal wegen eines Unwetters abgesagt werden. Nachgeholt wurde das Ganze damals im Mai – nach der Fastenzeit und bei strahlendem Sonnenschein.

Dass in Sachen Rosenmontagszug diesmal noch vor dem offiziellen Frühlingsbeginn alles auf Anfang gedreht wird, befürworten in Düsseldorf viele. Das Thermometer zeigt erträgliche neun Grad, der Himmel ist blau, die Sonne scheint. "Gegen ein paar Grad mehr hätte ich zwar nichts einzuwenden, aber es wäre auch albern gewesen, den Nachholtermin noch ewig rauszuschieben", sagt Hannah und fügt hinzu: "Und dass es ein bisschen kälter ist, gehört ja auch irgendwie zum Karneval dazu – da muss man sich eben Warmschunkeln."

So richtig ideal ist das Datum aber dann doch nicht. Einige Altstadtwirte waren wegen der zeitgleich stattfindenden Weinmesse ins Schwitzen geraten. Hinzu kommt, dass die meisten Jecken am Montag wieder arbeiten müssen. "Klar, für uns wäre ein Samstag besser gewesen", sagt Carsten Rettler, Chef der Altstadtkneipe "Bolker 9". "Aber im Hinblick auf die Fastenzeit ist das jetzt ein guter Kompromiss. Und irgendwas ist ja eh immer – letztes Wochenende war es der verkaufsoffene Sonntag, jetzt ist es die Weinmesse."

Donald Trump mit Po-Gesicht

Für einen schnellen Nachholtermin hatte sich auch das Düsseldorfer Carnevals Comitee eingesetzt. Schließlich brauchen die Bauern ihre Traktoren bald wieder für die Arbeit auf dem Feld, und auch die Pferde sind für Turniere und andere Events eingeplant. Unvorhergesehenen Extraaufwand gab es dennoch: Wegen der gigantischen Mars-Rückrufaktion mussten sich die Jecken durch tonnenweise Wurfmaterial wühlen und etwa 250.000 Schokoriegel aussortieren.

Als sich der Zug auf dem Düsseldorfer Marktplatz schließlich in Bewegung setzt, sind Pech, Strapazen und Häme der vergangenen Wochen vergessen. Fast wirkt es, als sei alles beim Alten: Die Kamelle fliegen, die Masse jubelt, und die politischen Mottowagen von Jacques Tilly sind so bissig wie eh und je.

Auf sie sind die Düsseldorfer Karnevalisten stolz. Schließlich sind sie es, die dem Düsseldorfer Zug den Ruf einbringen, der politischste in Deutschland zu sein. Diesmal bekommt US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump einen Po, wo andere ein Gesicht haben. Auch die Flüchtlingsproblematik bleibt nicht außen vor: eine Flüchtlingsfamilie, eingekeilt zwischen geifernder EU und Krieg und Terror.

"Uns fehlen die Tage zum Vorglühen"

Dass der Karneval eigentlich längst vorbei ist, lässt sich dennoch nicht so ganz wegfeiern. "Es ist nicht annähernd so voll wie an einem normalen Rosenmontag", meint Ralph, der sich mit seinen Freunden im "Bolter 9" zum Altbiertrinken verabredet hat. Auch die Stimmung sei nicht dieselbe. "Uns fehlen einfach die vier Tage Vorlauf – zum Vorglühen", sagt sein Kumpel Willi.

Dass der Umzug nachgeholt wurde, sei dennoch richtig und gut. Und mit Köln wolle sich hier ohnehin niemand messen. "Karneval – das können die Kölner einfach besser", sagt Willi. Das sei auch in jeder normalen Session so. Darauf ein "Helaaf".

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