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Auch Boris Becker bestohlen Londons mysteriöser Millionendieb ist nicht zu stoppen

Ein Meisterdieb schleicht seit zehn Jahren durch Londons edelsten Bezirk und erbeutet Geld und Schmuck. Schon mehrmals hatten die Opfer ihn fast gestellt. Aber immer war der Schleicher schneller.

Von Katzen sagt man auf Englisch gerne, sie seien "on the prowl", auf ihrem Schleichweg also, nach Beute aus, vorzugsweise des Nachts, nokturnale Wesen, die sie sind. In London SW19, der berühmtesten Postleitzahl Englands, in Wimbledon, nahe den Tennisplätzen, die eine Welt bedeuten, schleicht so ein Kater seit zehn Jahren durch die Straßen und Anwesen der Reichen. Wertgegenstände im Wert von etwa zehn Millionen Pfund (12,7 Millionen Euro) sind ihm bereits anheimgefallen, dem "Wimbledon Prowler", wie man ihn allgemein nennt.

Der Fassadenkletterer und Meisterdieb zieht in den frühen Morgenstunden unerkannt durch sein Revier, man findet ihn nicht, die Polizei macht sich allmählich lächerlich, während die Anwohner sich immer stärker elektronisch in ihren Häusern verschanzen und auf den nächsten Besuch des Unheimlichen warten, der niemandem etwas zuleide getan hat, außer seine Opfer untröstlich zu machen über den Verlust von Geschmeide oder kostbaren Erbstücken.

Nicolas Anelka verfolgte ihn quer über den Rasen

Straßennamen wie Park Side oder Arthur Road markieren Gegenden, die man im Monopoly-Spiel an ihrer dunkelblauen Farbe erkennen würde – Spitzenlagen von Immobilien. Aber alles in SW19 ist begehrenswert, die Katze hat in zehn Jahren so ziemlich keinen Winkel unbesucht gelassen, ihre Spezialität: Mehrfachbesuch, über Terassen, durch Lichtfenster oder Balkontüren, deren Alarmsystem der Einbrecher zuvor kunstgerecht ausgeschaltet hat. Auch im Knacken von Sicherheitsschlössern kennt er sich aus, sodass vielfach vermutet wird, er müsse zur Sicherheitsbranche gehören, wenn er nicht gerade im einschlägigen Immobilienhandel arbeitet und dadurch Intimkenntnisse der Gegend besitzt.

Nicolas Anelka verfolgte den Einbrecher, konnte ihn aber nicht fassen. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Auch Boris Becker und seine Frau Sharlely ("Lilly") sind 2014 Opfer des Prowlers geworden, und der ehemalige französische Fußballnationalspieler Nicolas Anelka, der den Einbrecher sogar stellte und ihn quer über den Rasen seines Anwesens verfolgte – vergebens. Schon sechsmal in zehn Jahren gab es diese Konfrontation zwischen Täter und Opfer, aber immer war der Schleicher schneller.

Der jüngste Einbruch geschah am 11. März dieses Jahres, die Kamera, am Haus befestigt, registrierte, wie ein Safe aus einem oberen Stockwerk auf den erleuchteten Rasen geworfen wird, woraufhin zwei Minuten später eine Gestalt aus einem Gebüsch auftaucht, sich den Gegenstand greift und mit ihm davonmacht. Das Video ließ die Polizei in der Sendung "Crimewatch" laufen, das mit einem Aufruf der Fahnder ans Publikum endet, bei der Ergreifung des Täters behilflich zu sein.

Der Name des Bestohlenen wird natürlich nicht preisgegeben, aber laut Auskunft sollen in dem Safe 100.000 Pfund Sterling in bar gewesen sein. Die geläufige Aufbewahrmethode in der Post-Finanzkrisenzeit: Man bekommt ohnehin keine Zinsen mehr auf seine Ersparnisse, muss sogar "negative Zinsentwicklung" befürchten, da hält man sich den Überfluss am Besten auf der eigenen Bank, im häuslichen Safe. Vorsicht, die Katze weiß darum und hat ihr Opfer längst ausgekundschaftet!

Oft wird der Diebstahl gar nicht gemeldet

Ihre Technik ist denkbar einfach. Nicht im großen Stil raffen, sondern mit kleinen Gegenständen anfangen – einem Ring hier, einer Goldkette dort, auch nicht gleich das ganze Portemonnaie ausräumen, sondern erst ein paar Scheinen nehmen. Das fällt weniger auf, die Betreffenden merken zunächst gar nicht, dass sie bestohlen wurden, sie glauben, sie haben die gesuchten Gegenstände verlegt oder verloren – und wie komisch, dass beim letzten Einkauf doch mehr Bares über den Tisch ging … oder hat gar das Dienstmädchen etwas verschwinden lassen?

Auch wie wurden Opfer: Boris Becker und seine Frau Lilly. (Foto: dpa)

Damit wird in vielen Fällen die Polizei erst gar nicht behelligt. Die Statistik ist in der Tat verblüffend: 62 Prozent von "kleineren Einbrüchen" wurden von später im größeren Stil Geschädigten nicht gemeldet. Offenbar entmutigt auch die Aufklärungsrate. An die 80 Prozent der ordentlich gemeldeten Vorfälle bleiben unaufgeklärt, bei weiteren zwölf Prozent kommt es nicht bis zu Gerichtsterminen gegen Beschuldigte.

Deshalb besagt die Tatsache, dass die Zahl der Fälle von Einbrüchen in England und Wales in den beiden letzten Jahren konstant geblieben ist, bei 785.000 Vorkommnissen, nicht viel. Die Dunkelziffer ist viel höher. Schuld daran ist aber nicht nur die niedrige Aufklärungsrate. Vielmehr unterlassen die Geschädigten, wenn es sich nicht gerade um ruinöse Verluste handelt, bewusst den Bericht: Sie wollen den Wert ihres Hauses oder der Nachbarschaft, zu der es gehört, nicht unterminieren. Das könnte im Falle eines Verkaufes zu höherem Verlust führen als die Wertsumme der gestohlenen Gegenstände.

Hier kommt eine 2011 eingeführte Einrichtung zum Tragen: Die online einzusehende Crime Map, eine Art Google Maps für von Diebstahl und Einbrüchen heimgesuchte Gegenden, die jedermann einsehen kann, um sich ein Bild zu machen von der jeweiligen Einbruchslage. Nützlich vielleicht für den Kaufinteressierten, gewiss. Aber welcher Besitzer möchte den Wert seiner Immobilie dadurch beschädigen, dass er Vorfälle von Diebstahl sogleich an die große Glocke hängt?

30 Beamte hielten Nachtwache

Der Prowler von Wimbledon kennt seine Pappenheimer, die Reichen und Berühmten von London SW19, und wie sie ihre jeweilige Millionenimmobilie wie ein Kleinod pflegen, mit der gleichen Inbrunst wie alles, was darin an Schätzen aufgehäuft sein mag. Doch hat er seine Beutezüge nach zehn unentdeckten Jahren nicht vielleicht doch überreizt?

Diese Bilder einer Überwachungskamera hat die Londoner Polizei veröffentlicht. Mit ihrer Hilfe soll der "Prowler" endlich überführt werden. (Foto: metropolitan police london)

Die Polizei hat jetzt wissen lassen, man "habe genug". Das wurde mit Lachsalven des Unglaubens quittiert: Wie bitte, nach zehn Jahren? Wo war sie denn in der ganzen Zeit, bitteschön? Die durch Budgetkürzungen ohnehin schon geschwächte Zahl der Fahnder hat auch schon mal 30 Beamte in Büschen versteckt nächtliche Wache halten lassen, und in einem Fall verschanzte sich ein Ermittler eine Woche lang Nacht für Nacht, versorgt mit einer Thermosflasche Kaffee, im Gartenzimmer eines Hauses im vermeintlichen Fadenkreuz der Katze. Ergebnislos. Das erinnert ein wenig an "Räuber und Gendarm" und hebt nicht gerade das Ansehen der Polizei.

So bleibt das Lamento von Frau Becker und anderen Bestohlenen ungehört. "Mir ist, als sei mir meine Freiheit genommen worden", klagt sie, "was gäbe ich darum, meine Familie besser beschützen zu können."

Der Dieb von Wimledon ist "on the prowl", er gehört schon jetzt zur Legende, als der am Längsten unentdeckte Einbrecher der jüngeren britischen Geschichte. Ein Trost für die Geschädigten? Wohl kaum.

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