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"Mocro-Mafia" in Amsterdam Wo die blutige Schlacht in der Unterwelt eskaliert

Auf einem Amsterdamer Bürgersteig liegt am helllichten Tag ein abgetrennter Kopf. Der Fund ist die neueste Eskalation der Fehden, die im marokkanischen Milieu der Stadt ausgefochten werden.

Erst dachte er, dass es eine Tasche war, die da auf der Straße vor seinem Deli lag. "Aber dann sah ich: Scheiße, es sieht aus wie ein Kopf." Tatsächlich hatte Stan Koeman in Amsterdam vergangene Woche eine grausige Entdeckung gemacht. Es war ein menschlicher Kopf, der da abgetrennt vor ihm auf der Straße lag.

Der Rest der Leiche, zum Teil verbrannt, war schon einen Tag zuvor in einem anderen Teil der niederländischen Hauptstadt gefunden worden. Das Opfer: der 23-jährige Amsterdamer Nabil Amzieb. Sein abgetrennter Kopf war Richtung der benachbarten Shisha-Lounge gedreht. "Als wäre es eine Warnung", sagte Koeman, immer noch schockiert, niederländischen Medien.

Die Shisha-Lounge "Fayrouz" ist als Treffpunkt einer Bande von Kriminellen bekannt, die sich seit 2012 eine liefern. Die Polizei will es nicht bestätigen, dennoch ist bekannt, dass schon 2014 in der Nähe jemand erschossen wurde. Auch zuvor hatte es Vorfälle gegeben. Der Bürgermeister ließ die Bar nach der Entdeckung des abgetrennten Kopfes sofort schließen.

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Der Krieg in der Unterwelt begann mit dem Verschwinden einer Kokain-Lieferung im Hafen von Antwerpen, Belgien. Der daraus resultierende Streit mündete Ende 2012 in Amsterdam in eine Schießerei mit zwei Toten. Seitdem gab es Dutzende Angriffe von Mitgliedern der "Mocro-Mafia" gegeneinander. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Männern, hauptsächlich marokkanischer Herkunft. Fast 20 Menschen wurden seit dem ersten Mord im Mocro-Krieg liquidiert. Als "mocros" bezeichnet man in den Niederlanden umgangssprachlich Menschen marokkanischer Herkunft.

Erst vor wenigen Wochen hatte die Polizei positive Zahlen vorgestellt. 27 Liquidationen konnten insgesamt verhindert und 396 Feuerwaffen sichergestellt werden. Und nach Jahren, in denen Amsterdam ungefähr zehn Unterweltmorde pro Jahr verzeichnete, gab es 2015 "nur" sechs. Keiner von ihnen hing, so die Oberstaatsanwaltschaft, mit dem Mocro-Krieg zusammen.

Bis jetzt. Nabil Amzieb ist vermutlich das jüngste Opfer der Mocro-Mafia, obwohl die Polizei auch das noch nicht bestätigen will, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind. Fest steht nur: Er war polizeibekannt.

Wie geriet der Junge an die Kriminellen?

Marijn Schrijver, Autor des Buches "Mocro Maffia" und daher vertraut mit dem Milieu, sagte der "Welt" jedoch, dass Amzieb wahrscheinlich als Laufjunge für eine der beiden Seiten fungierte. "Das Café ,Fayrouz' ist die Lieblingsbar einer der Konfliktparteien und kommt regelmäßig in den Polizeiakten vor. Amzieb war ein marokkanischer Junge, der Verbindungen zu Kriminellen hatte, die in den Konflikt verwickelt sind." Wie die Zeitung "Het Parool" schreibt, war Amzieb bereits einmal wegen Drogenhandels in kleinerem Stil aufgegriffen worden.

Noch vor drei Jahren arbeitete er als Praktikant bei einer Wohnungsbaugenossenschaft, wie es in einem Interview der Branchenzeitschrift zu lesen ist. Er schien ein ganz normaler Junge zu sein, der im ersten Jahr der Ausbildung zum Monteur war und "gut mit seinen Händen arbeiten konnte". In zehn Jahren wollte er in Marokko leben, "auf einem hohen Berg mit Blick auf das Meer". Wie er an die Kriminellen geriet, ist noch unbekannt.

So kennen und lieben die Deutschen Amsterdam: hübsche Giebelhäuser an einer Gracht. (Foto: picture-alliance / Horst Galusch)

Die Sprecherin der Amsterdamer Polizei gibt zu: So schlimm wie in diesem Monat war es noch nie. Obwohl der Konflikt bislang auch nicht gerade harmlos verlief. Doch die Art und Weise, in der das jüngste Opfer getötet und ausgestellt wurde, passt in ein Muster von Gewalt, die immer heftiger wird.

Am helllichten Tag gibt es mitten auf der Straße Schießereien mit automatischen Waffen. 2013 wurde ein Beteiligter auf einer vollen Tanzfläche erschossen. 2014 wurde ein Opfer mit mehr als 80 Kugeln getötet. "Gewalt gab es immer in diesem Krieg", sagt Schrijver. "Kugeln aus Kalaschnikows flogen auf Straßenbahnen, Schulen und Kinderzimmer. Eine Frau wurde vor den Augen ihrer Kinder getötet. Es gab sogar unschuldige Opfer." Doch dies sei neu, sagt auch er. Vermutlich sei die Leiche absichtlich so makaber ausgestellt worden, um etwas zu demonstrieren.

Was genau, das ist auch für Schrijver unklar. "2012 gab es noch zwei Lager, seitdem ist es eskaliert, und die ganze Unterwelt ist ins Chaos gestürzt." Wer zu wem gehöre, wisse niemand mehr; Freund und Feind seien ununterscheidbar.

"Mexikanische Zustände"

Unschuldige Opfer und Kalaschnikows – sollte Amsterdam sich Sorgen machen um die "mexikanischen Zustände", wie einige niederländische Medien schrieben?

Bürgermeister Eberhard van der Laan sagte in einen Kommentar: "Diese Dinge sehen wir normalerweise in Fernsehserien wie 'Narcos' oder in Kolumbien. Nicht in Amsterdam. Aber es war Amsterdam." Er nannte das Ereignis "einen großen Schock für die Öffentlichkeit". Bereits 2014 zeigte er sich "sehr besorgt" über "die zunehmende übermäßige Gewalt im öffentlichen Raum" – eine "Bedrohung" für die Sicherheit der Bürger. Jetzt sieht er "eine neue Phase in diesem elenden Zustand".

Doch verweist er auf die positiven Zahlen aus dem letzten Jahr und verspricht, dass Stadt, Polizei und Gerichte weitermachen mit dem, was sie bereits tun: Schlüsselstellen in dem Konflikt identifizieren und diese lösen. 40 Polizisten arbeiten jetzt an dem Fall. Noch will die Polizei nichts sagen über Verdächtige oder Verhaftungen. Eines jedoch scheint klar: Es war zu früh, zu glauben, dass der Mocro-Krieg vorbei war.

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