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Bad Schmiedeberg unter Schock Wenn Kinder andere Kinder töten

Felix und Fabian, beide 13 Jahre alt, spielen im Wald. Dann ist einer von ihnen tot, erschlagen. Die Tat eines Kindes wühlt die Menschen in Bad Schmiedeberg auf – und wirft eine brisante Frage auf.

Unfall. Das war sein erster Gedanke. Ein Unfall, das glaubt Roland Bette heute noch, obwohl für andere Menschen längst feststeht, dass es Mord war. "Fabian (13) von Freund (13) mit einem Stein erschlagen", so war die Schlagzeile, diese unvorstellbare Tat in Bad Schmiedeberg, Landkreis Wittenberg, Sachsen-Anhalt.

Roland Bette ist Leiter der Sekundarschule, die Fabian und sein Freund Felix besucht haben. Ein kleiner Mittfünfziger, Brille, Bart, Bauch. Der Schreck steht ihm immer noch ins Gesicht geschrieben. Er sitzt im Krankenzimmer seiner Schule, zwischen Liegen und Umzugskartons. Es ist eine kleine Schule, 210 Schüler und 19 Lehrer. Der Unterricht findet wegen Umbau jetzt in Containern statt. Es ist etwas chaotisch, aber so ist das in diesem Job.

Roland Bette, 56, verheiratet mit einer Lehrerin, zwei erwachsene Kinder, ist gerne Schulleiter. Er bewegt sich auf der Baustelle stolz wie ein Schlossbesitzer. Bisher dachte er auch, er habe alles im Griff. Bis zum Montag, 7. März.

Ein Schock für den ganzen Ort

Er nimmt die Brille ab und nestelt nervös am Gestell. Erst die Nachricht, dass die Polizei Fabian gefunden hat, in einem Waldstück, tot. Dann zwei Tage später die Nachricht, dass die Polizei einen Tatverdächtigen festgenommen hat, einen Klassenkameraden, einen Freund. Felix, auch er erst 13 Jahre alt. Ein Schock für die Mitschüler aus der 6B. Ein Schock für die ganze Schule. Ein Schock für den Ort.

Und dann die Gerüchte, die Spekulationen. Hat Felix Fabian mit einem Stein erschlagen? Und wenn ja, wie hat er das geschafft, ein Junge, klein und schmächtig? Oder hatte Felix möglicherweise Komplizen, die älter und stärker waren als er? Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau will das nicht ausschließen.

Aber die Fakten sind dürr, sehr dürr. Das liegt in der Natur der Sache. Dass Kinder töten, kommt zwar vor, aber selten. Manche erinnern sich an den Fall des Zwölfjährigen aus Braunschweig, der seine Eltern 2004 mit dem Jagdgewehr des Vaters erschoss. Es sind in der Regel Jungs, sagt der Kriminalpsychologe Rudolf Egg. Ihre Opfer, das sind entweder Geschwister, Freunde oder enge Bezugspersonen. "Eine Tötung ist die Kehrseite einer sehr engen Beziehung", sagt Egg. Nur wen man besonders liebe, der könne einen dazu bringen, die Kontrolle zu verlieren. Egg spricht von einer "Schubumkehr."

Es wird keine Anklage geben

In der Kriminalistik sind solche Täter weitgehend unbeachtet. Der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz sagt das mit Bedauern. Da Kinder nach deutschem Recht erst mit 14 Jahren strafmündig sind, können sie nicht verurteilt werden. Man findet sie in der Statistik nur in der Kategorie Mordverdächtige. Von den 829 Menschen, die das Bundeskriminalamt für 2014 erfasste, waren drei unter 14 Jahren.

Ob sie schuldig waren oder nicht, kann kein Außenstehender beantworten. Adolf Gallwitz hat mehrfach versucht, die Lebensläufe von jungen Mördern und Amokläufern zu rekonstruieren, um zu prüfen, ob Therapien erfolgreich angeschlagen haben. Er scheiterte am Datenschutz. Nach zehn Jahren werden solche Verbrechen aus dem Strafregister gelöscht.

"In Deutschland haben Kinder einen Freibrief, um Straftaten zu begehen", sagt Gallwitz mit Blick auf England, wo schon Kinder wegen Mordes zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden, wie der Fall Jamie Bulger zeigte. Der Junge war zwei Jahre, als er 1993 von zwei Zehnjährigen aus einem Einkaufszentrum bei Liverpool entführt und ermordet wurde. Das Urteil: lebenslang in einer Jugendstrafanstalt, mindestens aber acht Jahre.

Ob Felix aus Bad Schmiedeberg schuldig ist oder nicht spielt also strafrechtlich keine Rolle. Es wird keine Anklage geben, keinen Prozess, kein Urteil. Sein Freund Fabian starb durch "massive Gewalteinwirkung am Kopf", nur so viel teilte die Staatsanwaltschaft mit. Felix habe am Dienstag am Ende einer "schleppend verlaufenen Anhörung" zugegeben, den Freund geschlagen zu haben. Zeugen hatten die beiden 13-Jährigen zuletzt am Sonntagnachmittag zusammen gesehen. So war die Polizei auf ihn gekommen.

Die Stadt lebt von heiler Welt

Weder das Motiv noch das Tatwerkzeug sind bislang bekannt. Felix ist zu seinem Schutz in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Vorläufig. Es geht ihm nicht gut, das klingt durch. Er könne erst wieder angehört werden, wenn die Ärzte grünes Licht gäben, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Bad Schmiedeberg ist eine Stadt wie aus einem Kinderbuch von Otfried Preußler, 4500 Einwohner. Hier steht die Kirche noch mitten im Ort. Die Altstadt hat sich hübsch herausgeputzt nach der Wende, einstöckige Häuschen ducken sich im Schatten eines majestätischen Rathauses mit Türmchen. Wald und Wiesen sind nur ein paar Schritte entfernt. Mehr als 300.000 Besucher tanken hier jedes Jahr Energie. Bad Schmiedeberg ist ein staatlich anerkanntes Moor-, Mineral- und Kneippheilbad. Die Stadt lebt vom Kurtourismus und deshalb von heiler Welt.

Bad Schmiedeberg hat 4500 Einwohner. Bad Schmiedeberg ist ein staatlich anerkanntes Moor-, Mineral- und Kneippheilbad. (Foto: dpa)

Der Bürgermeister hat sein Büro am Ende einer steilen Treppe, die sich im Rathaus in die erste Etage schraubt. Stefan Dammhayn (CDU) sitzt an seinem Schreibtisch unter einer Plastik-Pflanze, die wie eine Trauerweide aussieht. Ein Mittsechziger mit müden Augen und einer Anstecknadel mit dem Bad-Schmiedeberg-Wappen am Revers. Eine rote Burg mit fünf Türmen.

Dammhayn geht der Fall Fabian auch persönlich nahe. Er ist Lehrer, hat vor Jahren Fabians Adoptivvater unterrichtet, Thomas. Seit 2005 ist er der Bürgermeister, dies sind seine letzten Amtstage. Und er sagt, er sei froh, wenn er gehen könne. Er habe immer gedacht, er kenne die Menschen in diesem Ort. Doch seit die AfD bei der Landtagswahl 30 Prozent der Stimmen erreichte, soviel wie nirgendwo sonst in Sachsen-Anhalt, ist er sich da nicht mehr sicher.

Zwei Jungs, die als unzertrennlich galten

Er hat Morddrohungen per Mail bekommen, nicht nur eine, nein, eine ganze Reihe. Sie waren nicht an ihn gerichtet, sondern an Felix, einen Jungen, den er gar nicht kennt. Dammhayn stockt die Stimme. Er flüstert fast, als er die schlimmste Mail zitiert, so, als habe er Angst, irgendjemand höre mit: "Hängt es auf, das Schwein!"

Das ist also die Kulisse für eine Tragödie, die von zwei Jungen erzählt, die beide aus kaputten Familienverhältnissen stammen, nur 200 Meter voneinander entfernt wohnten und bis zu diesem Sonntag im März als unzertrennlich galten.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Ein Foto zeigt sie bei einem Klassenausflug, beide zart und klein. Fabian, der Blonde mit der Brille, den im Ort fast jeder vom Sehen kannte, weil er jeden grüßte und gerne quatschte, trägt einen Korb mit Pilzen. Felix, den Lehrer als eher in sich gekehrt beschreiben, hat sich vor ihm aufgebaut. Ihre Gesichter sind verpixelt, aber dass sie Spaß hatten, kann man erahnen. Beide spielten sie gerne mit Lego. Beide waren noch lieber in der Natur, sagen die, die sie kannten.

Zwei Jungs, die das Gefühl verband, nirgendwo richtig zu Hause zu sein. Fabian kannte das seit seiner Geburt. Keiner weiß, wer seine leiblichen Eltern sind. Thomas S. und dessen Exfrau haben ihn bereits als kleines Kind adoptiert. Sie trennten sich, als Fabian in die zweite Klasse kam. Das Kind blieb bei seinem Vater.

Fabian gilt als mittelmäßiger Schüler. Einer, der freundlich grüßt und Erwachsenen die Tür offen hält. Auffälligkeiten? Keine. Aber wie sieht es in einem Kind aus, das mit sieben Jahren schon zweimal seine Mutter verloren hat? Fabian bekam Medikamente verordnet. Er wurde ruhiggestellt. Sein Vater war überfordert. Das Sorgerecht erhielt schließlich die Großmutter.

Zu DDR-Zeiten hatte sie als Kindergartenerzieherin gearbeitet. Eine Frau, die für ihre Strenge ebenso geschätzt wie gefürchtet wird. Sie wohnt mit ihrem Mann in Großkorgau, fünf Autominuten südlich von Bad Schmiedeberg. Eine Handvoll halb verfallener Bauernhöfe, ein Reiterhof, Pferdekoppeln, das wurde Fabians neues Zuhause. Er pendelte zwischen dem Haus seiner Großeltern und der Wohnung seines Vaters in der Altstadt.

Fabian soll im kleinen Kreis beerdigt werden

Über Felix weiß man kaum etwas. Die Familie wohnt seit drei Jahren in Bad Schmiedeberg, nur 200 Meter von Fabians Vater entfernt, einmal über den Kirchhof, dann rechts am Lotto-Toto-Laden und am Gasthof "Schmiedeberger" vorbei, und links in eine schmale Gasse. Felix ist Einzelkind, wie Fabian. Auch sein Vater ist nicht sein leiblicher Vater. Ein Foto zeigt einen kräftigen Mann in derben Schuhen, Arbeitshose, Fleecejacke und Parka.

Die Familie soll mehrfach umgezogen sein, bevor sie in ein abrissreifes Haus neben der Kirche zog, sagen Nachbarn. Der Briefkasten ist verrostet und hängt schief an der Wand. Wie es aussieht, wohnt keiner mehr da. An den Fenstern im Erdgeschoss klebt Folie.

Am 7. März wurde hier der 13 Jahre alte Fabian tot aufgefunden. Frische Blumen und eine "Super Mario"-Figur aus Plüsch liegen am Baum. (Foto: Antje Hildebrandt)

Was ist passiert, dass aus zwei Jungs, die sich aneinander festhielten, Täter und Opfer wurden? Die Stelle, an der Fabians Leiche gefunden wurde, ist ein bewaldeter Hügel. Man hat einen schönen Blick auf die Stadt. Von hier oben wirkt sie ganz klein. Am Fuß einer Birke brennen Grablichter. Dazwischen liegt eine "Super Mario"-Figur aus Plüsch. Der italienische Klempner aus dem Computerspiel. Fabian, so heißt es, habe es geliebt.

Frische Tulpen und Rosen liegen auch da. Eine Blume hat Stefan Dammhayn vorbeigebracht, beinahe hätte der Bürgermeister die Stelle gar nicht gefunden. Die Polizei hatte kurz zuvor sämtlichen Schmuck abgeräumt. "Fabians Großmutter will nicht, dass dieser Ort zum Wallfahrtsort wird", sagt er.

Der Junge soll im kleinen Kreis beerdigt werden. So hat es die Familie entschieden. Ohne Mitschüler. Ohne Lehrer. Aber warum dürfen sich die Bad Schmiedeberger dann nicht wenigstens hier von ihm verabschieden? Uralte Laubbäume säumen den Hügel. Hier kann man klettern und sich verstecken. Da ist ein alter Wohnwagen. Auf dem Herd stehen saubere Töpfe, und auf der Sitzbank neben dem Esstisch liegen Wolldecken, ordentlich zusammengelegt. In einem Schrank steht eine Zigarrenkiste, wie sie Kinder gerne nutzen, um darin Schätze aufzubewahren. Die Polizei hat hier auch schon nach Spuren gesucht. Die Kiste ist leer.

Gedenk-Ecke für Fabian

Oben auf dem Hügel gibt es einen Grillplatz, schwere Steine grenzen ihn ein. Der Anblick der Steine lässt an die Tat denken. Worüber gab es Streit? Hat etwas Felix so erzürnt, dass er womöglich die Kontrolle verlor? Kann es nicht sein, dass es doch ein Unglück war? Ein Streit, eine Rangelei, die damit endete, dass Fabian unglücklich gestürzt und Felix in Panik geraten und geflohen ist? Roland Bette hält sich an diesem Strohhalm fest.

Feuerwehrmänner und Kriminaltechniker bergen am 7. März in Bad Schmiedeberg die Leiche von Fabian. (Foto: dpa)

Er hat die Brille jetzt wieder aufgesetzt. Er knetet seine Hände. Ausgerechnet seine Schule. Es gab das Gerücht, Fabian sei gemobbt worden. "Völliger Quatsch", sagt Bette. Die Schule hat die fünf Kneipp-Regeln zu ihrem Programm gemacht. Balance. Bewegung. Wasser. Pflanzen. Ernährung. Streit passt da nicht rein und schon gar kein Mord. Bette guckt, als ob er das persönlich nimmt.

Dabei wird er für sein Krisenmanagement gelobt. Kaum hatte er erfahren, dass Fabian tot gefunden worden war, hatte er Psychologen bestellt. Sie kamen zu viert. Einige Kinder sagten gar nichts. Andere sprudelten über. Sie richteten eine Gedenk-Ecke für Fabian ein. Die Kinder stellten ein Foto von Fabian auf. Es gab ein Buch, in das jeder eintragen konnte, was ihn bewegt.

Langsam kehrt die Normalität zurück

Die Psychologen kamen auch am Mittwoch. Aber ihre Aufgabe war jetzt eine andere. Felix war festgenommen worden, die Nachricht hatte sich schnell verbreitet. Und wie sollten sie den Kindern aus der 6B beibringen, dass der Junge, der noch gestern mit ihnen um Fabian getrauert hat, ihn möglicherweise getötet hat? Felix wird nicht an die Schule zurückkehren, das hat Roland Bette schon entschieden. Er will, dass alles wieder so wird, wie es mal war. Das wird dauern.

Draußen knallt die Sonne auf den Schulhof. Kinder, überall Kinder. Einige spielen Fußball oder Tischtennis. Andere haben die Jacken geöffnet, Sonne tanken. Es ist ein schönes Bild: Langsam kehrt die Normalität zurück. Roland Bette bleibt am Rande des Bolzplatzes stehen. Hier will die 6B einen Baum für Fabian pflanzen, sagt er. Den Fabian-Baum. Fabian hätte das gefallen. Die Natur war sein Zuhause. Dort musste er niemandem etwas beweisen. Hier konnte er sein, wie er war. Fabian.

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