Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

"Das ist doch irre!" Ein Politiker kämpft gegen die Sommerzeit

Es ist wieder so weit: die Sommerzeit kommt. Ihr politisches Ziel, das Stromsparen, hat die Zeitumstellung erwiesenermaßen verfehlt. Ein EU-Politiker wehrt sich gegen den "Schwachsinn".

Er klammert sich an den Zeiger der Uhr, als wolle er die Zeit anhalten. In schwindelerregender Höhe hängt Herbert Reul. Unter ihm braust der Verkehr durch die Häuserschluchten. Doch der CDU-Europapolitiker lacht auf dem Foto. Es ist nur eine Montage.

Herbert Reul hat die Fotomontage in seinem Büro im Europäischen Parlament in Brüssel aufgehängt, weil sie seinen langen Kampf gegen die Zeitumstellung symbolisiert. Seit Jahren kämpft er dagegen, dass jedes Jahr zweimal die Uhren umgestellt werden.

Diese Montage hängt im Büro von Herbert Reul. (Foto: Herbert Reul)

"Am Anfang dachten viele: Der Reul hat doch einen Knall", erinnert er sich im Gespräch mit der "Welt" an die Zeit, als er das Thema zum ersten Mal in Brüssel auf die Tagesordnung brachte. "Doch mittlerweile führen wir eine sachliche Debatte über das Thema."

In der Nacht zum Ostersonntag wird es wieder soweit sein. Die Uhren werden in ganz Europa vorgestellt. Eine Stunde weniger Schlaf werden die Menschen haben. Reul hält diese alljährliche Übung rund um die Sommerzeit für einen großen Unsinn.

Sommerzeit in Deutschland 1980 wieder eingeführt

Es ist für ihn mehr als nur ein Kampf gegen die Zeitumstellung. Der Ordnungspolitiker Reul, Gruppenchef von CDU und CSU im Europäischen Parlament, kämpft auch gegen den bürokratischen Wahnsinn, an Gesetzen festzuhalten, die ihre Wirkung verfehlen. Das spornt ihn an.

Die Sommerzeit ist für ihn so eine unsinnige Regel. Erstmals waren die Uhren im ersten Weltkrieg umgestellt worden. Das Deutsche Reich wollte damit Strom sparen und dafür sorgen, dass effizienter produziert werden kann. Die Alliierten zogen nach. Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich das.

In den 70er-Jahren dann wurde das Konzept erneut aus der Schublade geholt. Zahlreiche Staaten führten im Zuge der Ölkrise die Sommerzeit ein. Deutschland folgte 1980. In Brüssel dachte man sich: Es braucht eine einheitliche Regel. Und sie kam.

Reul möchte nun, dass in Europa wieder das Jahr über die Normalzeit gilt. Sein Kampf begann, als ihn vor Jahren eine Frau ansprach, die über ihre gesundheitlichen Probleme wegen der Zeitumstellung klagte. Reul war skeptisch. Er selbst hat keine Probleme. Trotzdem fragte er bei der Europäischen Kommission nach.

Widerstand gegen Zeitumstellung wächst

"Als ich die Kommission um eine Stellungnahme bat, da merkte ich, dass das Thema einfach weggeschoben wird", erinnerte sich Reul. "Das weckte meinen Jagdinstinkt." Und so hakt er nach. Bis heute noch macht er das. "Wir müssen doch in der Lage sein, Regeln, die sich als Schwachsinn erwiesen haben, wieder zurückzunehmen."

Anfangs wurde Reul mit seinem Kampf noch in eine Ecke von Esoterikern und Gesundheitsfanatikern abgeschoben. Das sind keine Kreise, in denen man Reul vermuten würde. Der Mann ist ein strammer Christdemokrat. Er ist für deutliche und harte Worte bekannt.

Dabei wächst in der Bevölkerung der Widerstand gegen die Zeitumstellung. Drei von zehn Deutschen gaben zuletzt in einer Umfrage der Krankenkasse DAK an, dass sie nach der Zeitumstellung mit Problemen zu kämpfen haben. "Die gesundheitlichen Probleme sind viel größer, als angenommen", sagt Reul.

Eine wachsende Anzahl an Deutschen zweifelt daran, dass die Zeitumstellung überhaupt einen Sinn ergibt. In einer repräsentativen N24-Emnid-Umfrage erklären 77 Prozent der Befragten diese Umstellung aus ihrer Sicht für nicht sinnvoll. Nur 21 Prozent der Deutschen erkennen in der halbjährlichen Anpassung einen Sinn.

Stromverbrauch wird nur geringfügig gesenkt

Die Skeptiker können sich nun auf eine aktuelle Studie mit 200 Seiten im Auftrag des Deutschen Bundestags berufen, die der Zeitumstellung die positiven Effekte abspricht. "Die Sommerzeit ist relativ überflüssig", urteilte ein Vertreter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung bei der Präsentation im Bundestag.

Der nationale Stromverbrauch werde durch die Zeitumstellung gerade einmal um 0,2 Prozent gesenkt, schreiben die Autoren. Die Einsparungen seien "allenfalls minimal" oder gar "zu vernachlässigen".

Die längeren Sommerabende könnten zwar einen Einfluss auf das Freizeitverhalten der Menschen haben, also auf die Tourismuswirtschaft. Das ist allerdings bislang nur eine Vermutung. Es würde weitere Studien brauchen, um die positiven Effekte zu erheben.

Mehr zum Thema: So stellen Sie sich am besten auf die Sommerzeit ein

Es wäre Sache der Europäischen Union, die Sommerzeit abzuschaffen. Doch niemand will die Initiative ergreifen. Die EU-Kommission stellte zwar schon 2007 fest, dass es keinen nachweisbaren positiven Effekt auf den Stromverbrauch gibt. Trotzdem tat sie nichts, weil auch kein EU-Staat eine Änderung verlangte.

EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc bestätigte zuletzt bei einer Anhörung im Europäischen Parlament, dass die Effekte der Sommerzeit umstritten seien. Trotzdem sehe man derzeit keine Notwendigkeit, das Thema anzugehen. Reul tobte: "Eine Frechheit" sei das.

Auch der Deutsche Bundestag debattierte zuletzt über die Frage. CDU/CSU und die Linke fordern in ungewohnter Eintracht, die Abschaffung der Sommerzeit. SPD und Grüne sind zurückhaltend. In Europa seien andere Themen dringender.

Die Politik zögert, das Thema anzugehen. Warum sollte man seine politische Energie bei so einem Thema investieren, wenn doch andere Themen viel dringender sind? Europa befindet sich nun schon seit Jahren im dauerhaften Krisenzustand. Zunächst kam die Bankenkrise, dann die Währungskrise, nun die Flüchtlingskrise.

"Ich gebe nicht auf"

Das weiß auch Reul. Er hätte zwar die Möglichkeit, ein europäisches Volksbegehren auf den Weg zu bringen. Doch er möchte auch nicht seine ganze parlamentarische Arbeit der kommenden Monate nur für die Sommerzeit aufwenden.

Er bemerkt allerdings mit Genugtuung, dass er immer mehr Verbündete im Europäischen Parlament für seine Sache findet. Auch über die Parteigrenzen hinweg. Demnächst möchte er mit einem Flugblatt noch mehr Unterstützer gewinnen.

"Wir stellen zweimal im Jahr die Zeit um, machen einen Heidenaufwand, für nichts und wieder nichts. Das ist doch irre" sagt Reul. Und er kündigt an, weiterzumachen: "Ich gebe nicht auf."

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.