The European Technologierevolution ohne Deutschland

Deutschland verpasst den Anschluss an die Zukunft des Internets. Während anderorts fleißig ausgebaut wird, ist Berlin wohl noch nicht in der digitalen Realität angekommen. Das muss sich ändern.

<i>Ein Kommentar von Gunnar Sohn</i>

Wir stehen technologisch vor einer der größten Revolutionen der vergangenen 50 Jahre. So drückte es der Unternehmensberater Roman Friedrich von Booz & Company mit Blick auf die Fachmesse Mobile World in Barcelona aus. Durch die rasante Digitalisierung fast aller Lebensbereiche explodiert die Nachfrage der Verbraucher und Unternehmen nach konstantem und universellem Internetzugang. Die neuen "always on"-Welten führen schon jetzt zu Kapazitätsengpässen.

"Die Netze kommen aktuell durch das exponentiell wachsende Datenaufkommen an die Grenze der Belastbarkeit. Daraus ergibt sich für die Telekommunikationsnetzbetreiber ein gewaltiger Investitionsdruck für LTE- und Glasfaserinfrastruktur, um die Datenvolumina ohne Engpass und mit weiter zunehmender Geschwindigkeit bewältigen zu können. Alleine der Ausbau der Netze mit Glasfasertechnologie wird in den nächsten fünf Jahren 34 Milliarden Euro verschlingen. Das entspricht dem gesamten Telekommunikationsumsatz mit klassischen TK-Diensten im Jahr 2015", prognostiziert Friedrich.

"Da werden doch sowieso nur Pornos runtergeladen"

Die klassischen Technologien für Festnetz und Mobilfunk (DSL und 3G) reichen für eine Weiterentwicklung der Netze nicht mehr aus. Erst ab einer Downloadrate von 30 Megabyte (MB) pro Sekunde könne man von Breitband sprechen. In deutschen Ministerien seien diese Zusammenhänge schlichtweg nicht bekannt: "Man ist stolz darauf, dass wir zwei MB haben. Was helfen uns zwei MB? Der Markt geht woandershin", kritisiert Friedrich. Es liege vielleicht an der Vielzahl von alten Herren, die in der Regierung für diese Fragen verantwortlich sind, so der Einwurf eines Journalisten während des Booz-Pressegesprächs. Darauf antwortete der Berater: "Mir hat einer aus Regierungskreisen gesagt, 'brauchen wir denn wirklich diese Bandbreite, Herr Dr. Friedrich? Da werden doch sowieso nur Pornos runtergeladen.'"

Mit dieser Geisteshaltung werden wir wohl keine zukunftsfähige Datenautobahn bekommen. Das Investitionsvolumen in eine neue Infrastruktur ist in Deutschland erschreckend niedrig. Es sind gerade mal zwei Dollar pro Einwohner. In Singapur liegt man bei 154 Dollar. Dort gibt es allerdings auch den "Singapore iN2015 Masterplan". "Die Regierung will das Internet auf möglichst ein GB pro Sekunde ausbauen, schon den neuen Internetstandard IPv6 einführen und alle Bereiche rund um Gesundheit, Erziehung, Tourismus, E-Government, Finanzdienstleistungen und Logistik erneuern und dort vor allem personalisierte Services einführen", weiß der IBM-Cheftechnologie Gunter Dueck. Die Regierung in Singapur will neue Lernerfahrungen im Internet fördern und überall Web-Konferenzen ermöglichen. Es geht ihr um ein lebendigeres, reicheres Leben, um Selbstentwicklung und lebenslanges Lernen. "Spüren Sie den Willen in diesem Plan? Kein 'hätte, müsste, wäre schön', sondern ein Wille, der sich sowohl auf die Wirtschaft als auch auf die Zukunft und auf die Kultur der Menschen bezieht. Wenn wir diesen Willen doch auf Deutschland übertragen könnten", fordert Dueck.

"Infrastruktur ist wichtiger als die Erfindung selbst"

Er wünscht sich eine strukturkultivierende Marktwirtschaft. So könnte die Bundesregierung einen verbindlichen Fahrplan für den Ausbau des Breitbandinternets aufstellen. Das würde etwa 60 Milliarden Euro kosten, nicht mehr als die Rettung einer halben Bank. "Wir wissen alle, dass wir in nächster Zukunft ein superschnelles Internet für die Industrie und ganz allgemein als Infrastruktur der neuen Wissensgesellschaft brauchen", betont der Informatik-Vordenker. Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht herausrücken, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoß zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 60er-Jahren war.

Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen. "Wenn man sehr viel Netz zur Verfügung hat, kann man beispielsweise die medizinische Überwachung von Patienten oder die Automatisierung des Verkehrs in Angriff nehmen. Neue Industrien entstehen durch das Internet. Manche schätzen, dass die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation in einigen Jahren 90 Prozent des Internet-Verkehrs ausmachen wird. Wenn wir dafür beherzt die Internet-Infrastruktur ausbauen, bekommen wir im Wettbewerb mit anderen Staaten einen Vorteil. Nur mit neuen Infrastrukturen bekommt man neue Industriezweige. Die Infrastrukturen für Erfindungen sind wichtiger als die Erfindungen selbst", meint Dueck. Viele Anwendungen erfordern, dass das Internet immer und überall verfügbar ist.

Landwirtschaft und Industrie waren gestern

Das bestätigen die Netzwerkexperten Bernd Stahl und Martina Dietschmann von Nash Technologies. Ohne Netzintelligenz schaffe man keine Energiewende. So könnte eine Waschmaschine über das Internet nur dann Strom anzapfen, wenn Öko-Energie zur Verfügung steht. Nur im Zusammenspiel von Energieerzeugern, Netzbetreibern, Geräteherstellern und Verbraucher gelingt der Einstieg in den Energiemarkt 2.0.

Die alten Herren in den Ministerien agieren viel zu statisch. Sie konzentrieren sich auf Infrastrukturen wie Recht, Soziales, Verteidigung, Bildung, Ordnung, Gesundheit oder Verkehr. Sie vergessen dabei die Strukturen der Zukunft: "Wir haben noch einen Landwirtschaftsminister aus der Zeit des Primärsektors, wir haben ein Industrieministerium, das sich Wirtschaftsministerium nennt. Ein Dienstleistungsministerium hat man glatt vergessen, obwohl Deutschland längst im tertiären Sektor angelangt ist", moniert der IBM-Cheftechnologe Dueck. Eine Service-Lobby könne man mit der Lupe suchen, kritisiert der After-Sales-Fachmann Peter Weilmuenster, Vorstandschef von Bitronic in Frankfurt: "Einseitige industriepolitische Gesänge können wir uns nicht mehr erlauben. Wir sollten alles daran setzen, eine Gesellschaft mit Service-Exzellenz zu werden." In seinem Unternehmen für Wartungs- und Reparaturservice könne man sehr gut erkennen, wie vielschichtig Dienstleistungsberufe seien, welche Möglichkeiten für produktbegleitende Services es gibt und wie viel das Ganze mit Technologie zu tun habe.

Alte Strukturen sollten die liebwertesten Gichtlinge in der Bundesregierung jetzt geordnet zu Grabe tragen. Wir benötigen in Berlin ein Internetministerium mit frischen Geistern.

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