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The European Links zu sein ist in - die Linkspartei nicht

Kapitalismuskritik ist hierzulande en vogue – was in einem so strikt antikommunistischen Land schon putzig ist. Dennoch kann die Linke von dieser Mode nicht profitieren.

<i> Ein Kommentar von Stefan Gärtner, The European </i>

In der Linkspartei möchte man zurzeit auch nicht sein: Einerseits betreibt selbst Schirrmacher Kapitalismuskritik, andererseits wird von der Linken erwartet, dass sie nichts sagt und tut, was mehr ist als sozialdemokratisch. Links zu sein ist aber nicht das probate Jammern über "die Auswüchse" des Kapitalismus, sind auch nicht die immergleichen Debatten über einen "moralischen" Kapitalismus; nein, links zu sein heißt, die Grundsatzfrage zu stellen, auf die Gefahr hin, als "Schreibtischtäter" belobigt zu werden. Die Grundsatzfrage lautet: Will man das System umfänglich privatwirtschaftlichen Akkumulierens beibehalten oder nicht? Und wenn man es nicht will, was dann?

Die Doppelmoral des Westens

Darauf gibt es keine leichten Antworten; es ist dies, mit Brecht, das Einfache, das so schwer zu machen ist. Die scheinbar leichte Antwort: Kapitalismus ja, aber bitte ohne Arbeitslose und Finanzkrisen, ist keine. Da muss eins gar nicht ins "Kapital" sehen, ein Geschichtsbuch reicht: Die Krise, das Ausbeuten gehören zum System wie der Stuhlgang zum Essen. Wer die Welt, in der er und seine Kinder leben, anders haben will, der muss bereit sein, sich eine Welt ohne die Deutsche Bank zu denken. Wer das nicht will, weil er dem Fernsehen glaubt, wonach derlei was mit Mauer und Gulag zu tun hat, der soll dann aber auch aufhören zu heulen.

In diesem Dilemma steckt die Linkspartei. Was zu irgendetwas Sozialistischem nötig wäre, offen auszusprechen, bringt in diesem Land bloß Prügel ein, wo ein Geburtstagsschreiben an einen alten Mann, der einen grausamen, korrupten, von der sogenannten Freien Welt gestützten Diktator aus dem Land gejagt hat und dem zwar vieles nicht gelungen ist und der vieles furchtbar falsch gemacht hat, der aber aus einer versklavten Drittweltinsel eine ohne Analphabeten und Obdachlose hat werden lassen, zu öffentlichem Geschrei führt, als wären die so genüsslich im Mund gerollten "Menschenrechte" nicht zehnmal vergessen, wenn man mit Iran oder China Geschäfte machen kann. Was der Westen Castro nicht verzeiht, sind nicht seine politischen Gefangenen, sondern dass Castro sich bis zuletzt geweigert hat, in Kuba Sweatshops und Autohäuser einzurichten.

Über Sozialismus muss man reden

In Deutschland, in dem das Bemühen um wie auch immer einordnendes Verstehen in puncto Mauerbau sofort hysterisch anklagend als "Verständnis" denunziert wird, das man keinesfalls haben dürfe, ist über Sozialismus, selbst über einen wie auch immer halbsozialistisch zu reformierenden Kapitalismus nicht vernünftig zu reden, solange jede Einlassung, es müsse sich an der Wirtschaftsordnung im Grundsatz etwas ändern, sofort mit "Mauer" und "Bautzen" niedergebrüllt wird. Aber über Sozialismus – ganz einfach definiert als weniger Armut durch weniger Reichtum – muss man reden, wenn man nicht will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist.

Wem die Erinnerung an den realen Sozialismus dabei nicht behagt, der hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder er bleibt bei dem "Nie wieder!", wie es ihm sein Bundespräsident zum Jubiläum des Mauerbaus, selbigen stiekum zu Auschwitz machend, vorgebetet hat und wartet auf den moralisch revidierten, echt sozialdemokratischen, niemanden um seine Doppelgarage bringenden Kapitalismus, auf die Gefahr hin, dass er da lange warten kann. Oder er setzt sich hin und überlegt sich, ob die Welt Großbanken und Versicherungskonzerne tatsächlich braucht, und verabschiedet sich erst einmal von dem blindwütigen, geifernden, bornierten Antikommunismus, der in der BRD eine Art Staatsreligion ist und den selbst Thomas Mann für die "Grundtorheit der Epoche" hielt.

Denn Religion, wir wissen es, ist bloß Rauschgift; und wer sich noch nicht endgültig in seinen Vorurteilen eingerichtet hat, dem darf ich ein altes, antiquarisch problemlos zu bekommendes, wunderbar faires Buch empfehlen, das die "Stern"-Journalisten Eva Windmöller und Thomas Höpker in den siebziger Jahren verfasst haben. "Leben in der DDR" – nach der Lektüre muss man Honecker nicht für Gandhi halten, für Hitler allerdings auch nicht.

Wäre doch ein Anfang.

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