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The European "Wir scheinen ein christliches Blatt zu sein"

Leo Fischer ist Katholik und Chefredakteur der "Titanic". Im Interview sprach er über das Verbot des aktuellen Papsttitels, fehlende Solidarität der Presse und warum er nicht aus der Kirche austritt.

<i>The European</i>: Herr Fischer, haben Sie darüber nachgedacht, dem Papst einen Dankesbrief zu schreiben?

<i>Fischer</i>: Dazu bin ich leider noch nicht gekommen. Aber über die Medien gab es vielerlei Möglichkeiten, dem Papst meinen Dank auszurichten, und davon habe ich auch Gebrauch gemacht. Wir hoffen natürlich weiterhin, dass der persönliche Ausgleich möglich ist. Der Papst bleibt allerdings eisern und hört weiterhin auf seine schlechten Ratgeber. Ich denke, dass sein neuer Medienberater, der früher bei "Fox News" war, mit deutschen und mitteleuropäischen Satiretraditionen wenig vertraut ist. Daher das Missverständnis.

Dann sollte der Papst aber dringend aufgeklärt werden.

Er hatte die Möglichkeit, einzulenken, scheint jedoch auf stur zu schalten. Allmählich verlieren wir die Geduld mit ihm.

Führt die "Titanic" mittlerweile eine Strichliste über Unterlassungserklärungen und verbotene Cover?

Wir zählen 38 Ausgaben, die wir nicht mehr verbreiten dürfen. Das liegt nicht immer alleine am Titelblatt, sondern auch an den Inhalten selbst. Wir dürfen auch eine Vielzahl von Behauptungen nicht mehr tätigen.

Auf Ihrer Internetseite haben Sie mehrere Leserbriefe und Kommentare zur aktuellen Ausgabe veröffentlicht. Immer wieder wird gefordert, Sie sollten alle großen Religionen gleichermaßen durch den Kakao ziehen. Ihr Islam-Titelbild "Religionen im Vergleich" hätte die Kritiker eines Besseren belehren sollen.

Und das war nicht einmal das letzte Islam-Cover. 2008 versuchten wir, eine satirische Lesung in Frankfurt stattfinden zu lassen. Die sollte "Mohammeds-Ähnlichkeits-Wettbewerb" heißen. Nachdem die Türkei in diesem Jahr Gastgeber der Buchmesse war, wollten wir den beliebtesten türkischen Schriftsteller, eben den Propheten Mohammed, zum Maskottchen dieses Wettbewerbs ausrufen. Auch wenn es inhaltlich weniger um Mohammed oder den Islam gehen sollte, hat alleine der Titel der Veranstaltung dazu geführt, dass das Landeskriminalamt Wiesbaden in mehreren sogenannten "Sensibilisierungsgesprächen" alle Verantwortlichen derart verunsichert hat, dass die Stadt die Veranstaltung schließlich abgesagt hat.

Wie hat die muslimische Community reagiert?

Das Interessante in diesem Zusammenhang war, dass wir von deutschen Muslimen überhaupt keine Reaktionen erhalten haben. Es gab allerdings eine Vielzahl von Christen und Deutschen ohne Migrationshintergrund, die uns beschimpften und sich empörten. Von Morddrohungen und Gewaltaufrufen seitens Muslimen waren wir himmelweit entfernt. Ich erinnere mich lediglich an einen einzigen Leserbrief, in dem ein Muslim seine Trauer und sein Unverständnis über die Namensgebung der Lesung zum Ausdruck brachte. Ein islamischer Kulturverein hat uns sogar angeboten, als alternativer Veranstaltungsort dieses Wettbewerbs zu fungieren.

Waren Sie überrascht?

Sehr sogar!

Hat eine islamische Gruppe schon einmal ein Verfahren gegen Sie angestrengt, wie es jetzt der Vatikan tut?

Niemals. Die "Titanic" scheint in diesem Sinne ein sehr christliches Magazin zu sein. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele katholische Leser wir in Zeiten wie diesen haben. Von muslimischer Seite haben wir wirklich noch nie etwas Vergleichbares gehört. Ich finde es bemerkenswert, dass Journalisten wie der unsägliche "Spiegel Online"-Kolumnist Jan Fleischhauer oder der "Bild"-Chefwahnsinnige Franz Josef Wagner uns dennoch immer wieder vorhalten, wir würden uns keine Mohammed-Kritik trauen.

Was entsteht da für eine Stimmung?

Daraus spricht der Wunsch, dass Satirikern Gewalt angetan wird und gute Satire nur dann entsteht, wenn es zu Gewalttaten kommt. Meine Kollege Oliver Nagel hat bereits festgestellt, dass es immer darum geht, das Fremde zu schmähen und verächtlich zu machen. Am besten Ausländer. Am besten Muslime: Irgendetwas, was weit weg ist. Da etabliert sich der deutsche Humorkonsens – und darauf wollen wir uns bei "Titanic" grundsätzlich nicht einlassen. Wir analysieren deutsche Verhältnisse. Der Islam mag vielleicht zu Deutschland gehören, ist aber noch keine wesentliche gesellschaftliche Kraft in diesem Land.

Mit anderen Worten, Sie fühlen sich dem heimischen Kulturkreis verpflichtet.

Wie gesagt: Uns interessieren deutsche Verhältnisse. Der Islam ist ein kleiner, wenn auch lauter, Teil unserer Gesellschaft. Die christlichen Kirchen haben in Deutschland ein ungemein größeres politisches und kulturelles Gewicht. Noch gibt es kaum islamischen Religionsunterricht, es gibt keinen muslimischen Geistlichen, für dessen Gehalt der Steuerzahler aufkommt. Muslimische Geistliche sitzen auch nicht in Rundfunkaufsichtsräten. Ich halte es für aberwitzig, in dieser Sache eine Parität zwischen Islam und Christentum herstellen zu wollen.

Und dennoch werden immer wieder Rufe laut, den Islam habe es auch zu treffen.

Das Verrückte ist, gibt man dem nach, kommen von konservativer Seite dennoch Vorwürfe. Da kommt dann ein Martin Mosebach daher und fordert, Blasphemie müsse härter bestraft werden. Die "Berliner Zeitung" schreibt, es solle wieder gefährlich sein, blasphemische Kunst zu machen. Am Ende trifft man immer wieder auf dieselben Ressentiments.

Jan Fleischhauer behauptet, man dürfe den Linken alles vorwerfen, nur nicht, dass sie keinen Humor haben.

Es gibt genauso viele witzige Rechte, wie es witzige Linke gibt. Wenn sie nur als Deckmäntelchen von politischen Intentionen auftritt, ist Satire oder Komik aber immer langweilig. Wenn Komik nur Zuckerguss auf einer ernsten Absicht ist, merken das die Leute und fühlen sich betrogen. Ich finde das rechte Kabarett des Dieter Nuhr genauso anstrengend wie das, was die Pfeffermühle macht. Da nehmen sich Rechts und Links nicht viel.

Dennoch ist es interessant, dass sich extrem witzlose Figuren wie Jan Fleischhauer, Franz Josef Wagner oder die Journalisten hinter dem "Süddeutsche Streiflicht" nun als Humorexperten aufspielen. Das eigentlich Schockierende ist doch, dass es hier nicht um Geschmacksfragen geht. Sondern darum, dass das Cover in einer erstaunlichen Geschwindigkeit verboten wurde. Dass bei solch einer Verletzung von Presse- und Meinungsfreiheit keine stärkere Solidarisierung der Journalisten stattgefunden hat, ist verrückt.

Der CSU-Abgeordnete Thomas Goppel würde Ihnen am liebsten die Lizenz zum Schreiben entziehen.

Diese vorgeschobenen Geschmacksurteile, auch von der "Süddeutschen Zeitung", die von "Furzhumor" schreibt, finde ich feige. Natürlich kann man sich auf eine ästhetische Ebene zurückziehen: "Ja, im Grunde bin ich für die Pressefreiheit, aber geschmackvoll sollte sie schon sein." Was heißt das denn jetzt? Ist das Verbot gut und richtig? Nein! Da muss man eine entsprechende Gegenposition beziehen und darf nicht dünkelhaft die Nase hochziehen und sagen: "Damit gebe ich mich aber nicht ab."

Die "Titanic" hatte bereits witzigere Titelbilder. Warum hat gerade das aktuelle Cover so eingeschlagen?

Ich vergleiche das gerne mit einem Schuss aus der Schrotflinte. Einige Kugeln treffen, andere nicht. Einige treffen aber immer; eine stochastische Frage. Aber Sie haben recht, dieses Cover hat sehr wenig Aufmerksamkeit erregt, bis es vom Papst persönlich wahrgenommen wurde.

Sie bekommen Rückendeckung, etwa vom Deutschen Journalisten Verband.

Das ist erfreulich, aber eine Einzelstimme unter wenigen. Ich war vorgestern schon verdutzt, dass "Bild", "Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung" in dieser Sache einiges Dagegensein zelebrierten.

Eine ungewohnte Allianz …

… ein eingespieltes Trio seit der Wulff-Affäre.

Worüber würden Sie sich niemals lustig machen?

Das kann ich nicht so sagen. Wir sehen uns immer an, was gerade aktuell ist und sehen dann, was uns dazu einfällt. Es gab noch kein Thema, von dem wir die Finger gelassen haben.

Gehen Sie zu Weihnachten in die Kirche?

Nein, das habe ich mir abgewöhnt.

Sind Sie getauft?

Ich bin Katholik.

Warum sind Sie noch nicht aus der Kirche ausgetreten? Haben Sie nun Angst vor der Exkommunikation?

Ich bin nur deshalb in der Kirche, um unseren Hauptpointenlieferanten weiter zu alimentieren. Und um meine Exkommunikation überhaupt erst zu ermöglichen.

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