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Wladimir Putin und sein Minderwertigkeitskomplex "Russland will Bedeutungsverfall kompensieren"

Für das aggressive Verhalten Russlands in der Krim-Krise gibt es einen Grund: Die Supermacht will damit ihren Bedeutungsverlust ausgleichen, so Russland-Experte Klaus Waschik im Interview.

Die Krimkrise hat eine neue Eiszeit in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen heraufbeschworen. Beide Seiten hätten Fehler gemacht, meint der Bochumer Slawist Klaus Waschik. Der Westen habe Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion wie ein kleines Land behandelt. Russland seinerseits habe sich als unberechenbar erwiesen. "Ein aufgesetzter medienwirksamer Nationalismus soll den Bedeutungsverfall Russlands kompensieren", sagt Waschik.

Warum steuerten Russland und der Westen mit der Krise um die Ukraine und die Krim in die direkte Konfrontation?

Man muss zurückgehen in die 90er Jahre. Am Anfang stand in der Zeit der Perestroika der Wunsch, dass Russland sich in eine Zivilgesellschaft entwickeln werde. Man hatte die Erwartung, dass Russland eine europäische Tradition hat. Aber man hat so getan, als ob Russland nur ein großes Polen sei, keine Großmacht, kein Imperium. Russland ist aber ein Staat, der nach einer ganz anderen Logik funktioniert als Tschechien, Ungarn oder Polen.

Wo ist die Zivilgesellschaft in Russland geblieben?

Es zeigte sich schnell, dass in Russland eben keine Zivilgesellschaft entstand, sondern Anfang der 1990er Jahre zunächst eine eher an Lateinamerika erinnernde Oligarchie, die ganz bestimmte Prinzipien verletzte wie die soziale Gerechtigkeit. Da brach für den Westen das erste Mal die Hoffnung zusammen. Der Westen war dann umso enttäuschter, als er merkte, dass unter Putin die beginnende Entwicklung einer Zivilgesellschaft zurückging. Im Kern ist die politische Kultur in den letzten 25 Jahren im Wesentlichen unverändert geblieben. Die Grundbedingungen, nach denen Russland funktioniert, sind eine bürokratische, personalistische Herrschaft, die Dominanz des Staates über die Gesellschaft.

Was befürchtet Putin?

Putin sieht sich als Ordnungspolitiker, der ein gewisses Chaos Ende der 90er Jahre beenden wollte. Aber Putin ist auch ein Getriebener, der Tschetschenienkrieg hat tiefe Spuren hinterlassen. Russland hat Auflösungs- und Regionalisierungsängste, es leidet unter der Phobie, im Westen keine Rolle mehr zu spielen und deklassiert zu werden.

Was hat der Westen falsch gemacht?

Der Fehler des Westens ist, dass er dem unsicher gewordenen Russland nicht signalisiert hat, es als Staat noch ernstzunehmen. In Russland kommt wieder ein sehr kruder primitiver Nationalismus zum Vorschein. Es ist nicht wirklich ein nationales Denken, sondern ein aufgesetzter medienwirksamer Nationalismus, der den Bedeutungsverfall Russlands kompensieren soll.

Beruht die Enttäuschung auf Gegenseitigkeit?

Der Westen ist nicht von Russland enttäuscht, sondern von den nicht eingelösten eigenen Hoffnungen. Russland hat ein ähnliches Problem. Russland hat mit dem Westen besondere Hoffnungen verknüpft, vor allem mit Deutschland. Die Enttäuschung über Deutschland ist nun exemplarisch geworden für die Enttäuschung über Europa. Deutschland hat seine politischen Chancen nicht oder nahezu nicht genutzt, die es Anfang der 2000er Jahre sicherlich unter der Regierung Putin zunächst hatte. Deutschland hätte damals viele Möglichkeiten besessen, sich weitgehender und fester als politischer, wirtschaftlicher und vor allem kultureller Partner Russlands zu etablieren, als dies geschehen ist.

Schwindet das Interesse des Westens an Russland?

Das Interesse an Russland nimmt ab. Russland ist viel zu bürokratisch geblieben, was die Kooperation nicht gefördert hat. Russland hat die Haltung angenommen, dass es den Westen nicht mehr brauche. Das Interesse an der russischen Sprache ist massiv zurückgegangen. Wir reden jetzt über eine Entfremdung. In vielen Dingen hat Russland dem aber auch Vorschub geleistet, indem es eine symbolische Politik betrieb und keine echte, indem man zum Beispiel nur so tat, als ob man das Land demokratisierte.

Was ist die Konsequenz?

Russland nimmt seit einiger Zeit die Haltung "Uns ist der Westen egal" an. Es nimmt keine Rücksicht mehr, definiert seine nationalen Ziele neu. Russland klinkt sich aus einer Art Minimalkonsens aus. Es ist heute weniger vorhersehbar als zu Zeiten Breschnews. Damals hat man im Politbüro sehr genau geschaut, wie der Westen reagiert, wenn es mal wieder einen Dissidentenprozess gab. Man war viel abhängiger von westlichen Reaktionen als heute.

Hegen wir heute noch Feindbilder gegenüber Russland?

Wir haben seit dem frühen 19. Jahrhundert sehr stabile Feindbilder gegenüber Russland. Alles was Russland tut, ist grundsätzlich schlecht, kulturlos, ungesetzlich und schlecht. Russland hat diese Feindbilder gegenüber Deutschland trotz des Ersten und Zweiten Weltkriegs nie gehabt.

Man hat nicht den Eindruck, dass sich beide Länder wieder aufeinander zubewegen werden.
Es ist jetzt dringend notwendig, dass man die Brücken nicht abreißt. Wenn Enttäuschung und Interesselosigkeit zusammenkommen, dann führt das zum klassischen Abwenden. Russland interessiert sich nicht mehr für den Westen und Deutschland nicht mehr für Russland. Die einzigen, die da verloren hin- und herreisen, sind noch die Russlanddeutschen, die nicht mehr wissen, wo sie hingehören.

Zur Person: Der 1954 geborene Klaus Waschik studierte Slawistik und Geschichtswissenschaft in Bochum, Moskau und Rom. Er ist Geschäftsführender Direktor des Landesspracheninstituts (LSI) an der Ruhr-Universität Bochum. Zuvor war er Geschäftsführer des Lotman-Instituts für russische und sowjetische Kultur. Als Russlandbeauftragter des Landes NRW stellte er auch Hochschul- und Wissenschaftskontakte her.

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