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Rätsel um Tod von Osama bin Laden Wie starb der Al-Qaida-Fürst wirklich?

Die USA sollen gelogen haben: Bin Laden starb nicht, weil US-Eliteeinheiten ihn aufspürten, sondern weil er verraten wurde. Die offizielle Version wackelt. Aber wie glaubwürdig sind die Vorwürfe?

Hat Barack Obama die Welt belogen über wichtige Hintergründe der tödlichen Schüsse auf Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden am 2. Mai 2011? Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh behauptet dies in einem brisanten Aufsatz für das Magazin "London Review of Books".

Nach offizieller Darstellung des Weißen Hauses wurde Bin Laden durch die systematische Beschattung von Kurieren, deren Namen man von Al-Qaida-Gefangenen in Guantánamo erfuhr, in seinem Versteck im pakistanischen Abbottabad aufgespürt. Ohne Einbeziehung der als nicht vertrauenswürdig angesehenen pakistanischen Regierung oder des pakistanischen Geheimdienstes ISI sei ein Navy-Seal-Team mit zwei per Stealth-Technologie gegen Radarwahrnehmung geschützten Apache-Hubschraubern nach Abbottabad geflogen, um Bin Laden festzunehmen oder zu töten. Weil seine Helfer Widerstand leisteten, sei der Terrorist erschossen und seine Leiche kurz danach im Pazifik versenkt worden. Hersh sagte darüber schon im September 2013: "Nichts ist dran an dieser Geschichte, es ist eine große Lüge, nicht ein Wort ist wahr."

Jetzt, fast zwei Jahre später, hat der 78-jährige Hersh im Vorlauf zu einem Buch, das er demnächst veröffentlichen möchte, seine Vorwürfe präzisiert. Hersh bestreitet zwar nicht, dass Bin Laden in jener Nacht im Mai von Navy Seals in Abbottabad erschossen wurde. Aber etliche Details der Darstellung seien völlig anders als bislang dargestellt.

Hershs Quellenlage ist recht dünn. Er beruft sich auf einen nicht näher identifizierten höheren Mitarbeiter eines US-Geheimdienstes. Zwei andere US-Quellen seien über lange Zeit Berater des Kommandos für Spezialoperationen gewesen. Der einzige Informant, den Hersh namentlich anführt, ist der ehemalige ISI-Chef Asad Durrani. Dem General im Ruhestand habe er, Hersh, seine Geschichte am Telefon erzählt, und Durrani habe ihn bestärkt, sie zu veröffentlichen. Die Darstellung des Journalisten stimme "weitgehend mit dem überein, was ich von früheren Kollegen gehört habe", zitiert Hersh den General a. D.

Wie lauten Hershs wichtigste Einwände? Und wie glaubwürdig sind sie?

1) Hersh behauptet, die pakistanische Seite war in Person des Generalstabschefs Ashfaq Parvez Kayani und des ISI-Generaldirektors Ahmed Shuja Pasha lange im Vorfeld über die bevorstehende Aktion gegen Bin Laden informiert. Darüber hinaus hätten nicht Hinweise von Guantánamo-Insassen die Fahnder auf die Spur von Bin Laden gebracht, sondern ein pakistanischer Geheimdienstler, der diese Informationen im August 2010 dem CIA-Vertreter in Islamabad mitgeteilt habe. Die Motivation des Mannes, der inzwischen als CIA-Berater in den USA lebe: Er wollte die 25 Millionen Dollar Kopfgeld kassieren.

Glaubwürdigkeit: mittel. Es ist zwar denkbar, dass der entscheidende Hinweis auf Bin Ladens Versteck von einem ISI-Agenten stammte. Logisch wäre es auch, diese Quelle zu verschleiern, um den Informanten oder seine Angehörigen vor staatlichen Sanktionen und gegen den Vorwurf des Geheimnisverrats zu schützen. Aber fraglich bliebe, woher dieser Mann sein Wissen hatte. Waren Kayani und Pasha wirklich eingeweiht? Und wenn es so war, informierten sie ihre eigenen Leute, oder dienten sie als gekaufte Doppelagenten lediglich den Amerikanern? Dass ISI vom Bin-Laden-Aufenthalt Kenntnis hatte, bleibt spekulativ. Hershs pakistanischer Gewährsmann Durrani sagte im Februar in einem Interview, es sei "zwar denkbar", dass ISI nichts über Bin Ladens Versteck wusste, aber es sei "wahrscheinlicher, dass sie es wussten". Doch wenn nicht einmal ein Insider wie Durrani zu einem sicheren Urteil kommt, bleibt der Bereich sehr im Vagen.

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2) Hersh behauptet, Bin Laden wurde seit 2006 in seinem Versteck als Geisel des pakistanischen Geheimdienstes festgehalten, der im Gegenzug für das Wohlergehen ihres Führers Zugeständnisse von al-Qaida verlangte. Man sei bereit gewesen, gegen eine angemessene Gegenleistung Bin Laden den Amerikanern auszuhändigen; später habe man Washington abverlangt, Bin Laden bei der Aktion zu töten, um die Wahrheit seiner Geiselhaft zu verschleiern.

Glaubwürdigkeit: gering. Zum einen kam die älteste Frau des Terrorchefs, Khairiyyah, erst 2010 aus ihrem Exil in Teheran zu ihrem Mann ins Versteck nach Abbottabad. Bin Laden soll ihr über Kuriere eine briefliche Aufforderung zukommen lassen haben. Warum sollten aber die Pakistaner, die Bin Laden ja angeblich seit 2006 in Schach hielten, den Zuzug einer für die Geheimdienste unwichtigen Zivilistin erlaubt haben, die jede Aktion später nur komplizieren würde?

3) Hersh behauptet, die Navy Seals stießen auf keine Gegenwehr und "ermordeten" den unbewaffneten Bin Laden.

Glaubwürdigkeit: gering. In den Memoiren der beiden Navy Seals Matt Bissonnette und Chuck Pfarrer, die offenkundig an der Operation "Neptun Spear" beteiligt waren, ist von Feuergefechten in der Anlage die Rede. Zwar klingt Hershs Argument stichhaltig, man habe gegenüber der Öffentlichkeit nicht enthüllen wollen, dass die Elitesoldaten einen unbewaffneten, älteren Mann erschossen. Aber Khairiyyah und eine andere Frau Bin Ladens, Sharifa, haben vor einer Kommission des pakistanischen Parlaments ausgesagt, Sharifas Sohn Khalid habe bei Ankunft der Navy Seals am 2. Mai 2011 nach seiner Kalaschnikow gegriffen, um den Vater zu verteidigen. Das widerspricht der Darstellung von Hersh, ISI habe seine Geisel Bin Laden ohne Personenschützer und vor allem ohne Waffen zurückgelassen. Ob Khalid dazu kam, seine Kalaschnikow einzusetzen, ist allerdings ungewiss. Auch Abrar und Ibrahim, die Bin-Laden-Vertrauten und offiziellen Bewohner des Gebäudes, sollen bewaffnet gewesen sein.

Dass Bin Laden entgegen ersten Darstellungen selbst nicht zur Waffe griff, gilt seit geraumer Zeit als gesichert. In seinem Zimmer sollen allerdings eine AK-47 und eine Makarow-Pistole gefunden worden sein.

4) Hersh behauptet, es ging bei der Operation "Neptun Spear" nie um eine Gefangennahme, sondern ausschließlich um die Exekution Bin Ladens.

Glaubwürdigkeit: hoch. Die beiden Navy Seals Bissonnette und Pfarrer deuten an keiner Stelle an, dass sie eigentlich darauf aus waren, Bin Laden gefangen zu nehmen. Vieles spricht dafür, dass man den Al-Qaida-Chef töten wollte. Möglicherweise hielt man in Washington die Gefahr für zu groß, dass nach Bekanntgabe seiner Gefangenschaft islamistische Terroristen versuchen würden, westliche Geiseln zu nehmen, um einen Austausch herauszuhandeln.

5) Hersh behauptet, die Leiche Bin Ladens sei entgegen der Darstellung des Weißen Hauses nicht im Pazifik versenkt worden. Vielmehr hätten die Soldaten so viele Schüsse auf den Leichnam abgegeben, dass er nur noch aus Einzelteilen bestand. Einige dieser Teile seien "über dem Hindukusch" aus dem Hubschrauber geworfen worden.

Glaubwürdigkeit: sehr gering. Dass Elitesoldaten den Leichnam einer so wichtigen Zielperson wie Bin Laden offenkundig ohne näheren Plan aus dem Hubschrauber werfen, ist ausgesprochen unwahrscheinlich. Die Darstellung, er wurde im Pazifik versenkt, klingt plausibler. Auf jeden Fall sollte die Leiche verschwinden, um Islamisten davon abzuhalten, Geiseln zu nehmen und die Herausgabe der sterblichen Überreste Osama Bin Ladens zu erpressen.

Fazit: Seymour Hersh wird in seinem Buch mehr Belege liefern müssen, als er es in seinem Aufsatz tat.

Auf der Suche nach der Lüge

Doch zeigt die Geschichte seit Hershs Aufdeckung des My-Lai-Massakers 1969, dass es sich lohnt, ihm zuzuhören. Amerikanische Präsidenten und Generäle schimpfen Hersh so verlässlich einen "Lügner", wie die Linke im Westen ihn als Helden der Aufklärung rühmt: Seymour "Sy" Hersh (Jahrgang 1937) hat sich in mehr als 45 Jahren den Ruf erworben, seine Regierung der Lüge zu bezichtigen – und oft genug recht behalten.

Lügen zähle nach wie vor zum Modus Operandi höchster US-Regierungskreise, schreibt Hersh im letzten Absatz seiner neuesten Veröffentlichung. Es ist diese Überzeugung, die den jungen Journalisten schon umtrieb, als er 1963 als Pentagon-Korrespondent der Associated Press (AP) seine Karriere begann. Damals deckte er auf, dass die USA entgegen ihren Beteuerungen Giftgasmunition im Ausland lagerten; AP traute der Sache nicht, kürzte das Stück um vier Fünftel und trieb Hersh zur Kündigung.

Den Mächtigen ein Dorn im Auge: Seymour Hersh (Foto: DPA)

Nach einem Ausflug in die Politik kehrte er nicht minder desillusioniert von den Sitten dort in den Journalismus zurück. Doch seine Enthüllung, dass GIs 1968 in dem südvietnamesischen Dorf My Lai mehr als 500 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder wahllos ermordet hatten, wollte zunächst niemand im Mainstream drucken.

Der linke "Dispatched News Service" bot Hersh die Plattform. Natürlich nannte ihn das politische und militärische Establishment einen Lügner. Erst als sich der Vorwurf des Massakers als wahr erwies und der Offizier William Calley als Befehlshaber enttarnt war (und die Watergate-Enthüllungen das Misstrauen in das Weiße Haus geschürt hatten), überhäuften die großen Zeitungen Seymour Hersh mit Angeboten. Die "New York Times" machte das Rennen.

Mit allen, die untadelige Namen und Macht hatten, legte sich Hersh an. Henry Kissinger zählte zu seinen frühen Lieblingsfeinden, doch ein Buch über "Die dunklen Seiten von Camelot" (1997), das John F. Kennedys Mythos demontieren wollte, fiel bei den Medien wie den Mächtigen gleichermaßen durch. Hershs Ruf sei ruiniert, hieß es, nicht zum ersten oder letzten Mal. Er recherchierte zur Legionärskrankheit und zu geheimen Todesschwadronen.

Doch erst der dritte Golfkrieg brachte Hersh 2004 einen seiner traurigsten internationalen Coups: Die systematische Folter von US-Soldaten im irakischen Gefängnis Abu Ghraib, widerwärtig belegt und für das Internetpublikum aufbereitet durch Hunderte von Trophäenfotos der GIs, schadete dem Ansehen Amerikas vielleicht noch mehr als das My-Lai-Massaker. Gerade weil die USA und ihre Soldaten sich als Rückfalltäter zu erweisen schienen und weil die Bilder Beweisstücke zu einem weltweiten Tribunal lieferten.

Beliebt wird der notorische Nestbeschmutzer Seymour Hersh in Washington nicht werden. Daniel Ellsberg, der 1971 die geheimen "Pentagon-Papers" offenbarte und Präsident Johnson der Lüge über die US-Kriegführung in Südostasien überführte, verbrachte sein Leben als Verräter der einen und Held der anderen. Hersh geht es nicht anders. "Es gab noch nie einen Präsidenten, der mich leiden konnte", sagt Hersh, "ich nehme es als Kompliment."

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