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Ukraine-Krise So lebt es sich in der permanenten Bedrohung

Die Menschen im ukrainischen Mariupol wollen nur eines: Frieden. Der Krieg ist hier nur 20 Kilometer entfernt. Von der ukrainischen Führung sind viele enttäuscht, zugeben will das jedoch niemand.

Jeden Abend, wenn die Einwohner der ukrainischen Stadt Mariupol schlafen gehen, hören sie zweierlei: Schiffshörner und Artillerie. An das tiefe Dröhnen der Schiffe haben sich die Menschen in der Hafenstadt am Asowschen Meer im Südosten der Ukraine über die Jahrzehnte gewöhnt. An das Donnern der Geschütze nicht. Es ist über sie gekommen wie ein Albtraum. Vor einem Jahr.

Immer noch erinnert die ausgebrannte Stadtverwaltung mit den zugemauerten Fenstern an die Zeit der heftigen Kämpfe. Auch das Gebäude der Polizeizentrale mitten in der Stadt ist heute eine Ruine mit Einschusslöchern und Brandspuren. Am 13. Juni, wenige Wochen nach Beginn der Kampfhandlungen, waren die Kräfte der sogenannten Donezker Volksrepublik aus Mariupol vertrieben worden. Ein Jahr später feiert die Hafenstadt, in der nun fast jeder Zaun in den ukrainischen Nationalfarben Blau und Gelb gestrichen ist, den Tag der "Befreiung".

Befreiung, was für ein verheißungsvolles Wort. Es klingt nach neuem Leben, fast hört man "Freiheit" heraus, die die Lösung aller Probleme verspricht. Doch davon ist die 500.000-Einwohner-Stadt noch weit entfernt. Der Kampf um die Stadt dauert an, vielleicht steht die Entscheidungsschlacht sogar noch bevor.

Der Tod hängt wie dichter Smog über den Dächern

Im Januar starben bei einem Raketenangriff auf den Bezirk Ost 30 Zivilisten, 100 weitere wurden verletzt. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gab bekannt, dass die Raketen aus dem von den Separatisten kontrollierten Gebiet abgefeuert worden waren. Immer noch hängt im Bezirk Ost der Tod wie dichter Smog über den Dächern der neunstöckigen Plattenbauten, viele Fenster haben keine Scheiben, ausgebrannte Autowracks stehen auf dem Parkplatz neben dem Markt.

Im vergangenen Jahr wurden die Checkpoints nahe der Stadt mehrfach angegriffen. Im Dorf Schirokino, nur 20 Kilometer von Mariupol entfernt, wird noch immer heftig gekämpft. Das Trommelfeuer der Artillerie kommt von dort. Sollte es russischen und prorussischen Einheiten gelingen, Schirokino einzunehmen, wäre auch Mariupol wieder in Gefahr. Das Dorf liegt auf einer Anhöhe, von der aus die Stadt beschossen werden kann.

Der Mut, die prorussische Meinung zu äußern, ist verflogen

Am Hauptbahnhof von Mariupol brennt die Mittagssonne, es ist ruhig auf der Straße. Nur ein weißer Skoda kreist hektisch um das Gebäude. Er gehört dem Taxifahrer Oleg. Er versucht, den Treffpunkt zu finden, wo zwei Touristen auf ihn warten. Kräftig schlägt er gegen den Lenker, dann fährt er noch einmal um den Bahnhof. "Wissen Sie, ich fahre erst seit ein paar Wochen Taxi", sagt er, als er seine beiden Fahrgäste endlich gefunden hat und sie ins Auto einsteigen.

Der 51-Jährige ist gerade vom Stahlwerk Asowstal "betriebsbedingt" gekündigt worden. Asowstal ist eines der wichtigsten Unternehmen in Mariupol, es gehört dem Oligarchen Rinat Achmetow. Oleg musste sich etwas anderes einfallen lassen, um Geld zu verdienen. Nun fährt er eben Taxi. "Russland ist uns näher", sagt er. "Schade, dass es mit der Donezker Volksrepublik nicht geklappt hat." Am 11. Mai 2014 stimmte er beim "Referendum" der Separatisten für die Zukunft Mariupols in der Donezker Volksrepublik. "Die ganze Stadt hat an der Abstimmung teilgenommen und für Unabhängigkeit von der Ukraine gestimmt. Heute haben aber nicht alle den Mut, das zuzugeben."

In der Tat findet man heutzutage nur wenige Menschen in Maruipol, die ihre prorussische Meinung offen äußern. "Wir leben nicht, wir überleben", sagt Oleg und kneift die Augen zusammen. "Früher kostete ein Dollar acht Griwna, heute 20. Wo führt das hin? Alles ist viel zu teuer geworden. Menschen werden massenhaft entlassen." Schuld daran ist die Regierung in Kiew, daran hat Oleg keinen Zweifel.

So wie Oleg denken viele in Mariupol. Rund 30 Prozent der Einwohner wünschen sich angeblich russische Verhältnisse in ihrer Stadt. Weitere 40 Prozent sind unentschlossen oder haben keine Meinung. Nur 30 Prozent sind proukrainisch, auch wenn an jeder Ecke eine blau-gelbe Fahne weht.

Mit Mariupol wäre der direkte Weg zur Krim frei

Die Proukrainer sind in der Stadt so präsent und aktiv wie noch nie zuvor. Einer davon ist Spartak Stepnow. Der 43-Jährige engagiert sich bei der "Selbstverteidigung Mariupol", einer Organisation, die die Stadt vor einem erneuten Angriff der von Russland unterstützten Separatisten schützen will, die ukrainische Armee unterstützt und für die Einheit der Ukraine kämpft.

Spartak war Profisportler, Schwimmer in der Nationalmannschaft der UdSSR. 1991 ist er beim Bergsteigen abgestürzt und hat sich die Wirbelsäule gebrochen, seitdem läuft er an Krücken. 2000 nahm er an den Paralympischen Spielen teil. Nun versucht Spartak, die Schulen zu überzeugen, die Jungs früher auf einen Armee-Einsatz vorzubereiten – physisch wie psychisch. "Unsere Armee wurde 23 Jahre lang von den Regierungen und prorussischen Kollaborateuren innerhalb der Armee zerstört und demoralisiert. Das muss sich jetzt ändern."

Spartak sieht angesichts der aktuellen Situation keine Perspektive für eine Lösung im Russland-Ukraine-Krieg. "Entweder sollte man eine Blauhelm-Mission hierherschicken oder uns die Möglichkeit geben, uns richtig zu verteidigen." Nach dem Abkommen von Minsk II ist es verboten, schwere Waffen einzusetzen. In Mariupol könnte es zum Schwur kommen. Seit Monaten gilt die Stadt als nächstes strategisches Ziel der Separatisten. Hätten sie Mariupol, wäre der Landweg zur besetzten Krim frei. Viele Experten gehen davon aus, dass die Ukraine in diesem Fall mit internationalen Waffenlieferungen rechnen können.

Diese politischen Zusammenhänge scheinen die Menschen in Mariupol kaum zu beschäftigen. Sie haben sich schon daran gewöhnt, in einer Atmosphäre permanenter Bedrohung zu leben. Sie sind aber nicht panisch, zeigen ihre Angst nicht. Mariupol sei gut geschützt, sagen die Freiwilligen und das Militär, es gebe überall Schützengräben. Momentan werden weitere Befestigungen errichtet. Der Krieg ist Alltag.

"Ich will, dass wir wie normale Menschen an den Strand gehen können"

"Es ist egal, wer regiert. Wir wollen nur noch Frieden", hört man immer wieder. Frieden als Vision ist hier omnipräsent, auch wenn er so brüchig ist wie eine Porzellantasse.


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Am Strand von Mariupol riecht die Luft nicht mehr nach dem Rauch der Stahlwerke wie oben in der Stadt, sondern nach Meer. Walik entspannt sich hier. Der 26 Jahre alte Soldat ist in Schirokino stationiert. Er trägt eine gelbe Sonnenbrille. Vor dem Krieg war Walik Polizist in Saporoschje. In Mariupol begegne er vielen dankbaren Menschen, sagt er. Sie täten viel Gutes für die Armee. Doch vor ein paar Monaten habe eine Frau plötzlich das Auto, in dem Walik und andere Soldaten saßen, mit Steinen beworfen. "Ich will, dass dieser Krieg, dieser ganze Dreck, aufhört", schrie sie. "Ich will, dass Soldaten, vor allem Freiwillige, zu ihren Familien zurückkehren und wir wie normale Menschen an den Strand gehen können."

Am Strand von Mariupol ist der Krieg weit weg. Die Kinder planschen in den seichten warmen Wellen, ältere Damen telefonieren, im knöchelhohen Wasser stehend. Nur das Donnern der Geschütze aus Schirokino erinnert daran, dass der Krieg noch nicht vorbei ist.

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