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Hassan Adschadsch Der spontane Aufstand eines palästinensischen Anwalts

Das Bild überrascht: Ein Jurist tritt einen Tränengasbehälter weg. Das Foto stammt aus Ramallah und hat sich zum Netz-Phänomen entwickelt. Es zeigt, was hinter der palästinensischen Wut steckt.

Der palästinensische Widerstand zeigt sich mit abgerissenen Jeans, vermummten Gesichtern und geworfenen Steinen. Doch auch Hassan Adschadsch gehört zu den Palästinensern, die aufgebracht gegen die israelische Besetzung protestieren - in schickem Anzug und Anwaltsrobe.

Das Bild des Juristen, der in Ramallah einen rauchenden israelischen Tränengaskanister wegkickt, hat seit Mitte Oktober die Blicke von Millionen Menschen auf sich gezogen. Ein Grund dafür ist der Überraschungseffekt: Ein offiziell gekleideter Anwalt gilt nicht als der typische Palästinenser, der sich auf der Straße eine Auseinandersetzung mit israelischen Soldaten liefert.

AP-Fotograf Majdi Mohammed, der das Foto am 12. Oktober im Westjordanland schoss, erklärt die Zugkraft des Bildes damit, dass der spontane Akt des Widerstands das Ausmaß des palästinensischen Frusts zum Ausdruck bringt. Allein auf dem Medienportal Buzzfeed wurde die Aufnahme schon mehr als 1,8 Millionen Mal angeklickt.

"Es zeigt, dass ich als palästinensischer Anwalt Teil meines Volkes bin, Teil des palästinensischen Wunsches nach Befreiung", sagt der Jurist Adschadsch selbst. Viele Palästinenser beklagen, dass fünf Jahrzehnte israelischer Besetzung wie eine dunkle Wolke über jedem noch so kleinen Teil des Alltags hängen. Die Beschränkungen hindern sie etwa daran, einfach mal zum Strand zu fahren oder vom nächsten Flughafen abzuheben.

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Anders als die Generation, die sich Ende der 1980er Jahre gegen Israel erhob, wissen der 26-jährige Adschadsch und seine Mitstreiter genau über die Freiheiten von Gleichaltrigen in aller Welt Bescheid. Über die sozialen Medien sind sie bestens vernetzt, während die Aktivisten vor 30 Jahren ihre Botschaften über gefaxte Handzettel verbreiteten.

"Die sozialen Medien haben den Palästinensern geholfen, sich mit anderen Gesellschaften zu vergleichen", sagt Adschadsch. Sein Volk habe das Recht, wie andere zu leben.

Der aus einer wohlhabenden Familie stammende Jurist gehört zu einer wachsenden Zahl akademisch gebildeter Palästinenser. Allein derzeit besuchen mehr als 222.000 der rund 4,4 Millionen Palästinenser im Westjordanland, Gazastreifen und Ostjerusalem eine Hochschule. Vor zehn Jahren waren es nicht mal halb so viele.

Die jüngste Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts begann Mitte September und entzündete sich am Streit um den Tempelberg in Jerusalem mit heiligen Stätten sowohl für Juden als auch für Muslime. Auslöser waren Befürchtungen, dass Israel den Zugang für Juden ausweiten wolle. Israel hat die Berichte als Propaganda zurückgewiesen und erklärt, es stehe zu der derzeitigen Regelung, dass Nichtmuslimen das Gebet auf dem Tempelberg untersagt.

Seitdem wurden elf Israelis bei Angriffen von Palästinensern, meist Messerattacken, getötet. 68 Palästinenser ließen ihr Leben unter israelischem Beschuss, 42 davon sollen in Angriffe verwickelt gewesen sein. Auf den Straßen kam es zudem immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Die einen warfen Steine und Brandbomben, die anderen setzten Tränengas und scharfe Munition ein. Laut dem palästinensischen Gesundheitsministerium wurden im Oktober rund 1000 Palästinenser von scharfen Geschossen verletzt.

Derweil bleibt der Weg zu einem palästinensischen Staat über Verhandlungen seit Jahren versperrt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat zwar seine Bereitschaft zu Gesprächen erklärt, lehnt aber die Zugeständnisse seiner Vorgänger ab und treibt den Siedlungsbau auf palästinensischem Gebiet weiter voran.

"Ich wollte es einfach wegkicken"

Am 12. Oktober kamen in Ramallah Dutzende Mitglieder des Anwaltsvereins zum Protest gegen die israelische Politik zusammen. Es sei ein friedlicher Marsch gewesen, betont Hassan Adschadsch. Steinewerfer habe es in ihren Reihen nicht gegeben. Die Teilnehmer trugen Anwaltsroben oder Anzüge. Dann hätten israelische Soldaten Schockgranaten und Tränengas abgefeuert, um den Protest zu stoppen, berichtet Adschadsch. Er habe spontan auf das Tränengas reagiert: "Ich wollte es einfach wegkicken."

In den folgenden Tagen entwickelte sich das Foto des aufgebrachten Anwalts zum Internet-Phänomen. In einem Bilderwettbewerb verfremdeten Teilnehmer das Bild und machten Adschadsch zum Rockstar, Tänzer oder Fußballer.

Doch vor allem das Original prägte sich ein. Das Bild des Anwalts inmitten einer Wolke von Tränengas unterstreiche, dass die Besetzung Bestandteil des Lebens aller Palästinenser sei, betont der palästinensisch-amerikanische Unternehmer und Aktivist Sam Bahour.

Die Rolle der sozialen Medien sieht er dabei aber kritisch. Sie ermutigten die Palästinenser, in einer virtuellen Wirklichkeit zu leben, während ein klarer Weg nach vorn fehle, erklärt Bahour. "Die Menschen machen sich zu Recht in Demonstrationen und zivilem Ungehorsam stark, aber leider ohne eine Linie, die sie zu einem Ende der Fremdherrschaft führt." 

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