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Syrer hält es in der Schweiz nicht aus "Es war ein Fehler, nach Europa zu fliehen"

Im Oktober 2013 verließ der Syrer George Melke mit seiner Familie Syrien. Sie flohen in die Schweiz. Doch mit dem Land konnte sich Melke nie anfreunden. Europa empfand er als Demütigung.

Es ist eines dieser ebenerdigen Häuser, von denen es viele in Nazareth gibt, dem christlichen Viertel der syrischen Stadt Kamischli. Das Mauerwerk ist so dick, dass die Hitze von über 40 Grad im Sommer und die Eiseskälte im Winter hier im Nordosten Syriens abgehalten werden. Im Innenhof plätschert idyllisch ein Springbrunnen – doch all die Kinder, die hier einst unter den Bäumen spielten, sind weg. Und die Metallhochbetten, auf denen in heißen Augustnächten normalerweise die Bewohner im Freien schlafen, rosten.

Die Besitzer haben ihr Haus verlassen und sind wie Hunderttausende Syrer, darunter auch viele Christen, nach Europa ausgewandert. Es war die Angst vor der Al-Qaida-Gruppe Dschabat al-Nusra und dem Islamischen Staat (IS), der sie aus ihrer Heimatstadt Kamischli trieb. Beide islamistischen Terrormilizen versuchten, die ölreiche Gegend und Kornkammer Syriens zu erobern. Nur eine Tante der Großfamilie ist mit ihrem kleinen Hund geblieben. Sie dachte schon, sie müsse den Rest ihres Lebens alleine hier verbringen. Aber dann kam überraschend ihr 35-jähriger Neffe zurück. In Europa hat er es nicht ausgehalten.

"Es gibt unter den Flüchtlingen viele, denen geht es ähnlich", sagt George Melke im kleinen Arbeitsraum des alten Hauses. "Sie mussten erkennen, Europa ist alles andere als ein Paradies, es war ein Fehler, dorthin zu fliehen." Am liebsten würden sie wieder zurückgehen, doch hätten sie nun kein Geld mehr und keine Papiere, mit denen sie die Heimreise antreten könnten. "So müssen sie bleiben, obwohl sie unglücklich sind", meint Melke, dem man ansieht, dass er in seiner Stadt Kamischli rundum zufrieden ist.

"Syrien ist eure Heimat, lasst sie nicht im Stich"

Er ist zu Scherzen aufgelegt, wirkt dabei ausgeglichen und gelassen. Vielleicht liegt es daran, dass er sich vor drei Wochen verlobt hat, und weniger an der Arbeitsstelle, die er gefunden hat. "Für mich ist es nicht nur schön, sondern auch eine Pflicht, hier zu sein und am Aufbau einer besseren Zukunft Syriens mitzuarbeiten", sagt er. Er hofft, alle Flüchtlinge würden möglichst bald den Weg zurückfinden. "Syrien ist eure Heimat, lasst sie nicht im Stich", ist sein Appell an die Landsleute in Europa und anderswo.

Dem jungen Melke wurden Verantwortung und politisches Bewusstsein quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater ist ein bekannter syrischer Dissident und war vom Regime mehrfach verhaftet, misshandelt und auch gefoltert worden. "Er saß 1997 für 20 Monate im Gefängnis", erzählt Melke mit einem fast schon lapidaren Unterton, als sei das die normalste Sache der Welt. "Und als 2011 die Revolution begann, holten die Sicherheitsbehörden ihn regelmäßig ab, zuletzt 2013."

Damals wurde er für zwei Monate nach Damaskus verlegt. Das ist normalerweise ein Ticket ohne Rückkehr. Denn viele überleben das Folterprogramm des Regimes und die Unterbringung in den kleinen Zellen mit über 100 Insassen nicht. Viele Tausende sind in Regimegefängnissen gestorben, wie Berichte von internationalen Menschenrechtsorganisationen und den Vereinten Nationen belegen. Seit der letzten Haft hat sich der Gesundheitszustand seines Vaters verschlechtert und war mit ein Grund für die Ausreise.

Am 1. Oktober 2013 verließ Melkes Familie ihre Heimatstadt Kamischli in Richtung Libanon. Bei der Schweizer Botschaft in Beirut beantragten sie ihre Visa. "Das ging problemlos", erinnert sich Melke. "Einer meiner Brüder lebt schon lange in der Schweiz, und Christen haben es generell leichter, ein europäisches Visum zu bekommen." Die Familie musste nicht die gefährliche Überfahrt über die Ägäis nach Griechenland wagen und auch keine kräftezehrenden Fußmärsche durch die Balkanstaaten. Die Melkes flogen direkt von Beirut aus nach Basel.

Wie in einer Kaserne

Aber dort begann nach dem Asylantrag eine "schreckliche Zeit", sagt der 35-Jährige. "Wir wurden von einem Internierungslager zum anderen verschoben." In Basel sei die Tagesordnung des Camps der einer Militärbasis sehr nahegekommen. Um sieben Uhr mussten die über 500 Flüchtlinge jeden Tag aufstehen. Um zwölf Uhr habe es Mittagessen gegeben, um 19 Uhr dann Abendbrot. "Wir waren es nicht gewohnt, für unser Essen fast eine Stunde lang in einer Schlange anzustehen", sagt Melke rückblickend mit einem Kopfschütteln.

Vormittags und nachmittags habe man Ausgang gehabt, musste aber um 16 Uhr wieder im Lager sein. Am Wochenende hatte man einen Tag frei. Besonders schlimm habe seine Familie die hygienischen Verhältnisse empfunden. "Ein einziges Gemeinschaftsbad für Hunderte von Menschen ist nicht gut", sagt Melke entrüstet. "Wir haben uns dort alle nie gewaschen und sind zu meinem Bruder, um dort in aller Ruhe zu baden oder zu duschen."

Nach 23 Tagen war der "Schrecken von Basel" vorbei, und die Familie kam in ein Camp von Aarau. "Dort lebte ich in einem Zimmer mit vier Männern aus Marokko, Tunesien und Algerien, die ständig Haschisch rauchten und sich dazu noch betranken." Melke habe sich beim Sicherheitsdienst beschwert, aber dort hätte man ihm gesagt, solange die nur konsumierten, könnten sie nichts tun. Denn das sei nicht verboten. Melkes Mutter und die Schwester mit zwei Kindern waren mit den anderen weiblichen Flüchtlingen getrennt untergebracht.

Nach zehn Tagen wurde die Familie erneut verlegt, und zwar in ein Hochhaus, in dem eine Krankenschwesternschule die ersten sechs Stockwerke belegte. Die Melkes bekamen im 13. Geschoss einen Raum samt einem eigenen Badezimmer für sich alleine. "Es gab eine Gemeinschaftsküche und zehn Schweizer Franken pro Tag." Nach vier Monaten erhielten sie Bleiberecht für die Dauer eines Jahres und konnten das Lager verlassen.

Trotz der wiedergewonnenen Freiheit konnte sich Melke mit der Schweiz nie anfreunden. "Es ist ein völlig anderes Leben, eine ganz andere Kultur", stellt der junge Mann fest. "Egal, ob beim Deutschkurs oder auf der Straße, die Leute lassen einen spüren, dass man ein Flüchtling, ein Ausländer ist." Immigranten würden nicht als vollwertige Menschen behandelt. Er spricht von Nazi-Mentalität, lacht aber dabei, weil er weiß, er hat damit übertrieben.

In der Stadtverwaltung war man ganz überrascht, als Melke seine Ausreise beantragte. Er gab als Grund kulturelle Unterschiede an und behauptete, er wolle in den Libanon, weil er dort Arbeit gefunden hätte. Zwei Tage später saß er im Zug nach Genf. Seinen Pass bekam er eine Stunde vor Abflug der libanesischen Middle East Airlines zurück. Alles war von den Schweizer Behörden organisiert und bezahlt worden.

Melke reiste auf dem gleichen Weg zurück, auf dem er gekommen war: zuerst nach Beirut, dann über die syrische Hafenstadt Latakia am Mittelmeer nach Kamischli. "Es war der 20. Mai, als ich zu Hause landete", sagt Melke freudestrahlend, als sei es erst gestern gewesen.

Rückkehr, um Syriens Zukunft zu planen

"Meine Familie in der Schweiz ruft ständig an, ich solle wieder zurückkommen. Aber nein, ich bleibe hier." Er hat in der Bimo Bank einen Job gefunden, betreibt ein kleines Internetcafé und hat vor Kurzem zusätzlich begonnen, für eine Hilfsorganisation zu arbeiten.

"Es geht nicht so sehr um materielle Dinge", meint Melke. 2011 sei er als Anhänger einer friedlichen Revolution und mit dem Wunsch nach grundlegenden Veränderungen auf die Straße gegangen. Dieses Projekt müsse zu Ende gebracht werden, versichert Melke mehrfach. Deshalb sollten alle Flüchtlinge zurückkommen, um an einer besseren Zukunft Syriens zu arbeiten.

Melke weiß, dass für ihn die Entscheidung zur Rückkehr relativ einfach war im Vergleich zu der anderer. Denn hier in seiner Region im Nordosten des Landes ist alles völlig anders als im Rest von Syrien. Hier wurden der IS und alle anderen islamistischen Gruppen unter den syrischen Rebellen vertrieben und sind keine Bedrohung mehr. Auch sonst existieren hier keine wie auch immer gearteten islamistischen Rebellen. Bombenangriffe des Regimes wie in Aleppo und anderen syrischen Städten finden nicht statt. Hier gibt es keine in 1000 Gruppen und Milizen zersplitterte Opposition. Stattdessen kämpft eine ethnisch und religiös übergreifende Militärallianz. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) sind ein Zusammenschluss von Kurden, Arabern, Christen und Turkmenen.

Die SDF garantieren Frieden und Sicherheit. Zudem wurde eine autonome, basisdemokratische Regierung gebildet, die die Verwaltung übernommen hat. Hier in Kamischli und all den anderen Orten gibt es Benzin, Wasser und Strom. Auf den Märkten ist alles zu kaufen – ob Fleisch, Fisch, Gemüse oder Obst. Das ist in anderen Teilen des Landes in dieser Auswahl und Fülle kaum oder gar nicht zu finden.

"Ich weiß, für andere Syrer mag eine Rückkehr ungleich schwieriger sein", gibt Melke zu. "Aber wir können doch nicht ein menschenleeres Land zurücklassen." Er will auf alle Fälle bleiben. Daran lässt der 35-Jährige nicht den geringsten Zweifel. "So schön die Schweiz und andere Länder in Europa sein mögen, aber hier geht es um eine andere Qualität." Syrien sei seine Heimat, fährt er fort, und trotz aller Probleme, hier zu Hause würde er sich zumindest wohlfühlen. "Ich muss hier, genau hier sein und nicht woanders."

 

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