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Überschwemmungen in England Der Regierung steht das Wasser bis zum Hals

Nordengland kämpft mit einer Hochwasser-Katastrophe. Viele Bewohner machen die Regierung dafür mitverantwortlich. Jahrelange Einsparungen scheinen sich nun zu rächen.

York, Leeds, Greater Manchester – der unbarmherzige englische Regen hat eine Spur der Verwüstung durch den Norden Englands gezogen. Tausende Wohnhäuser und Geschäfte stehen unter Wasser. Mittlerweile sind 500 Soldaten im Einsatz, um den Katastrophenschutz bei der Evakuierung zu unterstützen. Obwohl der Regen zu Beginn der Woche nachlässt, ist ein Ende der Flut nicht in Sicht: Ab Mittwoch erwartet die Region neue Schauer.

Die Bilder überschwemmter Dörfer und Städte, von Anwohnern, die in Schlauchbooten aus ihren Häusern gerettet werden müssen, sind nicht neu. Mittlerweile ist es die alljährliche Wiederholung einer vorhersehbaren Katastrophe. Genau aus diesem Grund wächst der Unmut der Bevölkerung auf die Regierung. Die Einlassung des britischen Premiers David Cameron, der die Fluten soeben als "beispiellos" bezeichnete, erscheint vielen daher als Hohn.

"Was beispiellos ist, das sind die Einsparungen beim Hochwasserschutz", empörte sich ein Twitter-User. Camerons Regierung setzt seit 2010 drastische Einschnitte durch, auch der Katastrophen- und Umweltschutz bildet da keine Ausnahme. Die katastrophale Situation rührt an einen wunden Punkt im Verhältnis zwischen London und dem Norden Englands, der sich seit den Thatcher-Jahren von den Regierenden traditionell vernachlässigt fühlt. 

Ein solches Hochwasser wäre "in London und im Südosten Englands unvorstellbar" und ohnehin unmöglich, weil dort "allerneuester Hochwasserschutz" errichtet worden sei, protestierte der Kommentator der "Yorkshire Evening Post". Und fügte zynisch hinzu: "Wie bitte soll der Norden das neue Kraftwerk (Northern Powerhouse) werden, wenn es von der Gnade beispielloser Wetterphänomene abhängt und in meterhohem Dreckswasser steht?"

Das "Kraftwerk des Nordens" ist ein Prestigeprojekt der konservativen Regierung, mit dem sie den großen Städten Liverpool, Manchester, Leeds, Sheffield und Newcastle größere politische und ökonomische Autonomie zugesteht, damit diese das regionale Wirtschaftswachstum eigenständig ankurbeln. Es ist vor allem der politische Versuch, die Aversionen zwischen dem finanzstarken Südosten mit der Hauptstadt London und dem Rest Englands abzumildern.

Wie groß der Druck auf Cameron ist, zeigt sein unmittelbarer Aufbruch am Montag, einem Feiertag in Großbritannien, Richtung Norden. In schwarzer Regenjacke, Gummistiefeln und mit vom Wind zerzaustem Haar stapfte der Premier durch die braunen Fluten von York und schüttelte Feuerwehrleuten und Soldaten die Hände. Schon am Vortag hatte der Konservative finanzielle Hilfe für die Betroffenen zugesagt.

Versunken: Ein Auto im britischen York. (Foto: dpa)

"Katastrophe nur eine Frage der Zeit"

Bereits Anfang Dezember stellte Downing Street umgerechnet rund 70 Millionen Euro bereit, als in den nordenglischen Regionen Cumbria und Lancashire der Sturm "Desmond" wütete und 5000 Wohnhäuser und Geschäfte unter Wasser setzte. Ein Bericht des "Guardian", dass die Regierung einen lang geplanten Hochwasserschutz in Cumbria für umgerechnet sechs Millionen Euro aus Spargründen seit zwei Jahren verschleppt hatte, traf auf wütenden Protest der betroffenen Anwohner.

Die Stimmung gegenüber London verschlechtert sich nach der neuerlichen Flut weiter. "Der Stadtrat von Leeds hat die Regierung lange gewarnt, dass angesichts mehrerer Beinahehochwasser ein große Überschwemmungskatastrophe nur eine Frage der Zeit ist. Aber die Reaktion war langsam und nicht auf dem Niveau, das die Stadt braucht, um voll geschützt zu sein", erklärte die Stadtratsvorsitzende Judith Blake am Montag. In der Stadt in West Yorkshire sind mindestens 2000 Wohnhäuser überflutet. "Ein vermeidbares Desaster wie dieses darf nie mehr passieren", so die Labour-Politikerin weiter.

Die Frage, wie Großbritannien mit den anhaltenden Flutkatastrophen umgeht, muss indessen das ganze Land beschäftigen. Zum einen, weil diese dem Klimawandel und dem Wetterphänomen El Niño geschuldet seien, wie das nationale Wetteramt betont. Zum anderen ist auch dem Süden in den vergangenen Jahren die Flut nicht erspart geblieben. Im Winter 2013/14 traten in Somerset im Südwesten Englands tagelang die Flüsse nach schweren Regenfällen und Sturm über die Ufer. Tausende Hektar Ackerland waren überflutet und die Ernte vernichtet, 600 Wohnhäuser zerstört.

Vielen Bewohnern in der nordenglischen Stadt York steht das Wasser bis zum Hals – oder wenigstens bis zur Haustür. (Foto: dpa)

Prinz Charles reiste zu Flutopfern

Schon damals geriet das Hochwasser schnell zum politischen Thema, als Prinz Charles unmittelbar in die betroffene Region reiste, um den Bewohnern seine Unterstützung zu zeigen. Cameron und sein Kabinett erkannten erst nach dem entsprechend kritischen öffentlichen Echo die Bedeutung der Flut von Somerset. In der Folge brach ein Streit zwischen Regierung und britischer Umweltagentur aus. Letztere wehrte sich gegen Vorwürfe aus Westminster, dass sie zu langsam reagiert habe: Dies sei allein den harten Finanzeinschnitten geschuldet.

David Rooke, Chef der Umweltagentur, warnte am Montag in der BBC, dass Großbritannien von Perioden "bekannter Wetterextreme" in solche "unbekannter Extreme" übergehe. "Wir müssen komplett neu denken. Hochwasserschutz allein reicht nicht aus, da investieren wir in den kommenden sechs Jahren bereits 2,3 Milliarden Pfund (umgerechnet 3,2 Milliarden Euro, d. Red.)."

Genauso müssten auch die Haushalte selbst "widerstandsfähiger" gemacht werden, durch bessere Böden und Elektroleitungen, "damit die Leute nach einer Überschwemmung schneller wieder in ihre Häuser können". Rooke klang nicht so, als könnten die Behörden den künftigen Wetterphänomenen wirklich Herr werden.

Die britische Umweltagentur hat bis auf Weiteres die höchste Alarmstufe "Lebensgefahr" in 20 nordenglischen Regionen ausgegeben. Für England und Wales gelten weitere 180 Hochwasserwarnungen. Der Schaden geht Versicherern zufolge in die Milliarden. Allein in Greater Manchester waren am Montag 1100 Haushalte ohne Strom. Nahe Manchester stürzte ein 200 Jahre altes, auf einer Brücke über dem Fluss Irwell gebautes Pub ein. Verletzte oder gar Tote gab es bis Montagnachmittag jedoch nicht.

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