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Flüchtlinge beim Arzt "Das sind übernormal gesunde Menschen"

Ärztepräsident Montgomery gibt Entwarnung bei den Gesundheitskosten für Asylbewerber. Auch schleppten die Flüchtlinge keine Infektionskrankheiten ein. Allerdings gebe es "Kulturressentiments".

Kommunen, Länder und Bundesbehörden haben Probleme, den Zustrom von mehr als einer Million Flüchtlingen in diesem Jahr zu bewältigen. Wie kommt das deutsche Gesundheitswesen mit dieser Herausforderung zurecht?

Frank-Ulrich Montgomery: Wir schaffen das. Das Krankheitsbild der Flüchtlinge ist auch nicht so schlimm, wie wir anfangs befürchtet haben. Sie schleppen keine Infektionskrankheiten ein, und es kommen auch keine chronisch Kranken. Sicherlich, fluchtbedingt gibt es traumatische Erlebnisse und auch körperliche Beschwerden.

In der Regel sind es junge, dynamische Männer. Die durchschnittlichen Gesundheitskosten eines Asylbewerbers liegen bei 2300 Euro, das sind 600 Euro weniger als bei einem Deutschen. Das sind übernormal gesunde Menschen. Die können wir in unserem Gesundheitssystem gut behandeln, wenn sie denn einen einfachen Zugang dazu bekommen.

Was fordern Sie?

Wir haben vorgeschlagen, eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge auszugeben. In Bremen und Hamburg haben wir das schon, das klappt sehr gut. Berlin und Nordrhein-Westfalen ziehen jetzt zur Jahreswende nach. Was wir nicht gebrauchen können, sind Ämter, die für jeden Flüchtling für jeden Arztbesuch tagesgültige Krankenscheine ausgeben und umständlich Kostenübernahmen bearbeiten.

In Hamburg rechnet die AOK ab, dadurch sparen wir 1,6 Millionen an Verwaltungskosten. Davor haben 14 Beamte in der Ausländerbehörde Krankenscheine ausgestellt und verwaltet.

Wie sieht es mit den vorgeschriebenen Erstuntersuchung und Impfung der Flüchtlinge aus?

Das läuft. Es schafft zwar kaum ein Land, sie innerhalb von drei Tagen zu untersuchen, wie es im Gesetz vorgesehen ist. Aber wir kriegen das zeitnah hin. Die Impfbereitschaft der Flüchtlinge ist groß. Auf einen Aufruf der Ärztekammer in Hamburg haben sich 350 Ärzte gemeldet, um in den Ersteinrichtungen zu helfen.

Mittlerweile haben wir in jeder Einrichtung ein Krankenzimmer mit einer regelmäßigen Sprechstunde. Kleine Sachen werden dort gleich behandelt, sonst wird an einen Facharzt oder in eine Klinik überwiesen.

Gibt es keine Verständigungsprobleme?

Doch, natürlich. Aber wir haben auch Dolmetscher dabei, und wir behelfen uns auch mit Übersetzungen per Skype. Es helfen auch Flüchtlinge, die selbst Mediziner sind, als Sprach- und Kulturmittler in den Sprechstunden mit. Sprache ist ja nicht alles, es gibt auch Kulturressentiments. Flüchtlinge aus einigen arabischen Ländern schicken zum Beispiel sogar den Dolmetscher raus, wenn es um Probleme im Intimbereich geht.

Strenggläubige Muslime unter den Flüchtlingen geben Frauen nicht einmal die Hand, lassen sie sich von Ärztinnen behandeln?

Ja, es gibt Patienten, die lehnen das ab und sagen das offen. Viel schlimmer ist aber die diskretere Form, wenn ein Mann mit seiner Ärztin nicht über Probleme zwischen Bauchnabel und Kniescheibe reden will und die Ärztin nicht erkennt, dass er ihr etwas nicht anvertraut. Das gibt es.

Wir können doch auch nicht erwarten, dass sich jemand nach dem Übertritt der deutschen Grenze perfekt so verhält wie wir. Dann bräuchten wir ja keine Integrationskurse mehr. Wir müssen ihnen doch eine Chance und auch die Zeit geben, Integration zu lernen, auch nach dem, was sie alles auf der Flucht erlebt haben.

Sie erwähnten die hohe Impfbereitschaft der Flüchtlinge. Um die Impfbereitschaft der Deutschen ist es schlechter bestellt. Brauchen wir eine Impfpflicht?

Wir sind schon seit Langem für eine Impfpflicht bei bestimmten Krankheiten, etwa bei Masern. Unser großes Problem sind nicht die Kinder oder die Jahrgänge vor 1970, sondern die Jahrgänge zwischen 1970 und 2010, weil diese nur zum Teil geimpft worden sind. Sie können nun als Erwachsene Masern bekommen, was sehr unangenehm ist. Auch deshalb sind wir für eine Impfpflicht.

Die ständige Impfkommission ist dagegen. Sie hält eine Pflicht für verfassungsrechtlich fragwürdig und praktisch kaum umsetzbar.

Rechtlich ist es umstritten, denn es ist ja ein Eingriff in die persönliche Integrität des Einzelnen. Sicherlich kann die Impfpflicht auch nicht mit der Polizei oder der Strafjustiz oder einem "Impfknast" durchgesetzt werden. Aber sie ist eine Mahnung an die Eltern, was passieren könnte, wenn ihre Kinder nicht geimpft werden oder sie sich selbst nicht impfen lassen. Man könnte so viel mehr Menschen aufklären und überzeugen.

Das ist besser als das, was wir heute haben, wo viele Menschen aus Unwissenheit, Schludrigkeit oder Misstrauen nicht zur Impfung gehen. Selbst wenn wir nicht alle Impfverweigerer erreichen – wenn wir eine Durchimpfung der Bevölkerung von 90 Prozent haben, dann reicht diese "Herdenimmunität" aus, damit sich die Krankheit nicht weiter verbreitet. Wir müssen die Menschen an ihre Verantwortung für die Gemeinschaft erinnern. Jeder der sich impfen lässt, schützt nicht nur sich, sondern auch seinen Nächsten.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe hat sich bislang nicht von der Impfpflicht überzeugen lassen. Hört er nicht auf die Argumente der Ärztekammer?

Mit Minister Gröhe kann man hervorragend zusammenarbeiten. Der kurze Draht, der zwischen Ärzteschaft und Ministerium unter einer anderen Ministerin schon einmal abgebrochen war, funktioniert wieder gut. Herr Gröhe arbeitet mit hoher Effizienz den Koalitionsvertrag ab. Seine Bilanz ist beeindruckend, auch wenn die Öffentlichkeit wenig Notiz davon genommen hat. Er hat zehn große Gesetze in zwei Jahren durchgebracht. Er hat das Gesundheitswesen in umfassender Weise verändert und sehr an Leistung und Qualität orientiert.

Er hat auch viel Geld ausgegeben...

Gröhe scheut sich nicht, jetzt den Streit über die Frage auszuhalten, ob diese Reformen nicht zu kostspielig sind. Er geht nicht hin und streicht Leistungen, sondern er sagt, wenn ihr weniger bezahlen wollt, sagt mir, was ihr streichen wollt. Das halte ich für eine kluge Taktik. Politisch ist die Bilanz ausgesprochen positiv. Viele seiner Gesetze sind mit uns besprochen und enthalten durchaus Vernünftiges, über andere kann man streiten, wie etwa die Terminservicestellen oder die Androhung von Strafen im E-Health-Gesetz.

Was haben Sie gegen Terminservicestellen, die jedem Patienten einen Facharzttermin innerhalb von vier Wochen vermitteln?

Das Problem ist, die Patienten wollen nicht zu irgendeinem Arzt, sondern zu einem ganz bestimmten ihrer Wahl. Deshalb gibt es ja die Wartezeiten. Wenn wir jetzt den Patienten innerhalb von vier Wochen irgendeinen Facharzt vermitteln – technisch ist das durchaus möglich – wird er nicht zufrieden sein und da nicht hingehen. Das Thema ist in der Bevölkerung hochemotionalisiert.

Das eigentliche Problem, schnell einen Termin beim Facharzt der Wahl zu bekommen, wird durch die Servicestellen nicht gelöst. Wenn der Patient dann solche Termine sausen lässt, müssen wir auch darüber reden, wie wir damit umgehen. Das muss dann für ihn Konsequenzen haben.

Weil Gröhes Reformen viel Geld kosten, müssen die Kassen jetzt den Zusatzbeitrag anheben. Sollten auch die Arbeitgeber zur Kassen gebeten werden, wie die SPD verlangt?

Grundsätzlich hielte ich die paritätische Finanzierung für richtig – auch wenn die Arbeitgeber dann bei jeder Erhöhung wieder Zeter und Mordio schreien. Doch Verträge muss man einhalten. Und im Koalitionsvertrag ist festgelegt, dass der Arbeitgeberbeitrag bei 7,3 Prozent eingefroren wird und den hat auch die SPD unterschrieben.

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