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"Werden unser Leben nicht ändern" Wie die Münchner den Tag nach dem Terroralarm erleben

Der Terroralarm in der Silvesternacht in München verunsichert die Einheimischen. Am Neujahrstag reagieren die einen trotzig, die anderen mit Nonchalance: Sterben werde man sowieso irgendwann einmal.

Am Tag danach könnte man am Münchner Hauptbahnhof denken, es wäre nichts geschehen. Wo noch wenige Stunden zuvor, am letzten Tag des Jahres 2015, schwer bewaffnete Spezialeinsatzkräfte die Eingänge versperrten, läuft der Normalbetrieb eines Neujahrstages. Die Züge verkehren nach Fahrplan, die Bahnhofshalle ist gut gefüllt. Nur vereinzelt patrouilliert die Bundespolizei. Ein paar Beamte sind mit Maschinenpistolen bewaffnet. Als ein Mann mit einer voll verschleierten Frau den Bahnhof betritt, werden sie genauer gemustert, aber nicht besonders kontrolliert. Es ist scheinbar Alltag am Bahnhof.

Und doch hat sich etwas geändert, nachdem Bayerns größter Bahnhof wegen einer Terrorwarnung in der Silvesternacht geräumt und für mehrere Stunden gesperrt wurde. "Ich habe jetzt Angst", sagt ein 29-jähriger Verkäufer an einem Brötchenstand in der Bahnhofshalle dicht an den Gleisen. Er ist selbst Kurde und will seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen.

Er arbeitet seit Jahren am Münchner Bahnhof, der Willkommensstation für Tausende Flüchtlinge in den vergangenen Monaten. "Mit der letzten Nacht wird sichtbar, wie sich die Situation geändert hat", sagt der Verkäufer. "Ich weiß nicht, wer ist mein Freund und wer ist womöglich mein Feind." Viele hätten jetzt Angst, würden es aber nicht zugeben.

"Ich werde sowieso eines Tages sterben"

Reisende und Beschäftigte im Bahnhof formulieren gemischte Gefühle. "Ich bin ein Kind Gottes, ich habe keine Angst", sagt eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn. Sie habe von den Terrorwarnungen gehört, aber darüber mache sie sich keine besonderen Sorgen. Ähnlich antwortet eine Getränkeverkäuferin. "Ich werde sowieso eines Tages sterben, warum soll ich mich jetzt mit der Terrorangst belasten", sagt sie. Ein Ehepaar aus München, das von einem Silvesterbesuch ankommt, räumt hingegen ein, dass es jetzt doch etwas schneller den Bahnhof verlassen will, "weil man weiß ja doch nicht, wie gefährlich es wirklich ist".

Zur wiedergewonnenen Normalität des Münchner Bahnhofs gehört, dass auch die Bahnhofsmission wieder geöffnet hat. "Wir hatten den seltenen Fall, dass wir in der Nacht evakuiert wurden, obwohl wir sonst immer geöffnet haben", erzählt ein Mitarbeiter. An der Tür der Bahnhofsmission hängt ein Zettel, auf dem steht "Ein gutes neues Jahr".

Auch am Bahnhof Pasing und im Rest der Münchner Innenstadt ist wieder Normalität eingekehrt. Die ersten Spaziergänger flanieren am Vormittag durch die Fußgängerzone, manche sind auf dem Weg zu einer Neujahrsmesse in den Kirchen.

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Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ist am Neujahrsmorgen vor allem froh, dass sich die Hinweise auf einen drohenden Anschlag nicht bewahrheitet haben. Er war gegen 21 Uhr von der Polizei über die Warnungen informiert worden. "Es war meines Erachtens richtig, die Sicherheit der Bevölkerung, so wie geschehen, in den Vordergrund zu stellen", sagt Reiter. "Gleichzeitig war es richtig und gut, dass München gestern trotzdem gefeiert hat. Wir werden unser Leben nicht wegen solcher Bedrohungen ändern. Gemeinsam sind wir stärker als die Terroristen."

Doch dass sich die Münchner die Feierlaune nicht verderben lassen, war am Vorabend um kurz nach halb elf alles andere als sicher. Es war ein automatischer Anruf auf den Handys der Münchner Polizeireporter, der die Feierstimmung jäh unterbrach. Die Behörde alarmierte die Medien, weil die Reporter auf allen Kanälen die Menschen vor einem möglicherweise bevorstehenden Anschlag warnen sollten.

Es gebe "ernst zu nehmende Hinweise", dass noch in dieser Nacht ein Attentat in der bayerischen Landeshauptstadt stattfinden soll, hieß es. Vor allem größere Menschenansammlungen, den Hauptbahnhof und den im Westen der Stadt liegenden Bahnhof Pasing solle man meiden. Kurz darauf veröffentlichte die Polizei auf Twitter und Facebook die gleichen Warnungen. Mehr als 30.000 Mal wurden diese Meldungen geteilt.

Partys gingen weiter

Auf vielen Silvesterpartys der Stadt war die Verunsicherung so kurz vor Mitternacht groß: Soll man trotzdem runter auf die Straße, um beim Feuerwerk auf das neue Jahr anzustoßen? Einige Veranstalter öffentlicher Feiern meldeten sich bei der Polizei, fragten, ob sie die Partys abbrechen sollten. Doch so weit wollte die Polizei nicht gehen. Auch auf dem Tollwood-Gelände am Münchner Olympiapark bei einer der größten Partys der Stadt wurde weitergefeiert.

Um Mitternacht war klar: Die meisten Münchner ließen sich nicht einschüchtern von der Terrordrohung und begannen 2016 wie jedes andere Jahr. Auf den Isarbrücken versammelten sich die Menschen, um sich das Feuerwerk anzuschauen. Und doch war die Anspannung spürbar. Es wurde nicht so unbeschwert geböllert wie sonst. Als ein Kanonenschlag mit extrem lautem Knall unter der Reichenbachbrücke explodierte, schauten sich die Menschen darüber kurz erschrocken an.

Einige Münchner änderten doch noch ihre Pläne: Wer erst nach Mitternacht in einen Club oder zu einer der öffentlichen Partys wollte, blieb oft daheim. "Eigentlich wollte ich noch zum Feiern in die Muffathalle", erzählte ein Mann auf der Reichenbachbrücke. "Aber man muss es ja auch nicht übertreiben an so einem Abend." Er ging dann doch lieber zurück zur privaten Party im Norden der Stadt. Sicher ist sicher.

Schwierige Heimreise

Zur Herausforderung wurde der Terroralarm für die Münchner vor allem auf dem Heimweg. Eigentlich sollten U- und S-Bahnen, Busse und Trambahnen die ganze Nacht hindurch fahren. Doch fast alle Linien mussten an mindestens einem der beiden gesperrten Bahnhöfe vorbei. Das sorgte für Verspätungen und Ausfälle. Der Vorplatz des Hauptbahnhofs war weiträumig mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Polizisten in tarnfarbenen Uniformen mit Stahlhelmen, schweren Schutzwesten und Maschinenpistolen bewachten die Eingänge. Alle Rolltore waren heruntergelassen. Durch die Gitter sah man die völlig leere, beleuchtete Bahnhofshalle.

Auch am Bahnhof Pasing spielten sich bizarre Szenen ab. Anwohner der Stadtteils feierten und zündeten Feuerwerkskörper, während nur ein paar Meter weiter die Polizei bewaffnet mit Maschinenpistolen den Eingang zum Bahnhof abriegelte. Auf den Anzeigetafeln stand: "Aufgrund eines Polizeieinsatzes halten die Züge und S-Bahnen nicht in Pasing und am Münchner Hauptbahnhof." Auch U- und Straßenbahnen fuhren teilweise großräumig um die gesperrten Stationen herum. Freie Taxis wurden so vom in Silvesternächten ohnehin raren Gut zur absoluten Ausnahme.

Doch irgendwann kamen auch die letzten Feierenden am frühen Morgen sicher zu Hause an. Und schon wenige Stunden später scheint es in München fast so, als hätte es die Silvesternacht der Terrorangst nie gegeben.

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