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Eiszeit zwischen Saudi-Arabien und Iran Kommt es zu einem neuen Nahost-Krieg?

Saudi-Arabien und der Iran sind im Nahen Osten Großmächte - und erbitterte Konkurrenten. Jetzt spitzen sich die Spannungen beider Staaten dramatisch zu. Es droht eine militärische Eskalation.

Es war eine Massenexekution, unerbittlich und massiv, wie man sie in kaum einem anderen Staat der Erde mehr kennt. 47 Menschen starben an jenem 2. Januar, 43 Extremisten der sunnitischen Konfession des Islam, als deren Vormacht Saudi-Arabien gilt. Und vier Schiiten – unter ihnen der hohe Geistliche Nimr al-Nimr, seit Jahren einer der wichtigsten Repräsentanten der marginalisierten schiitischen Minderheit im Königreich. Seine Tötung hat Erschütterungen an weit voneinander entfernten Orten der Erde ausgelöst. Aber sie könnte durchaus heimische saudische Ursachen haben.

Der rasante Anstieg der Zahl der Hinrichtungen in Saudi-Arabien zeigt, dass das Königshaus sich zunehmend in Gefahr wähnt. Der neue Herrscher Salman, der seit einem knappen Jahr auf dem Thron sitzt, will Bedrohungen von innen und außen mit Härte meistern. Bedrohlich wirkt die Lage im Land mit Sicherheit: Lange Schlangen standen vergangene Woche vor Saudi-Arabiens Tankstellen, ein Bild, das bis vor Kurzem undenkbar war. Dem größten Ölexporteur der Erde ging mancherorts der Sprit aus.

Mehr zum Thema: Saudi-Arabien kappt Beziehungen zum Iran

Auslöser der Panik war die Entscheidung der Regierung, angesichts drastisch gesunkener Staatseinnahmen und explodierender Ausgaben die Benzinpreise um 40 Prozent anzuheben. Im Vergleich zum Rest der Welt sind 22 Eurocent pro Liter zwar immer noch billig. Doch die Preiserhöhung ist ein Wagnis – allerdings ein unausweichliches. Denn nach Jahren der Fülle hat Riad massive wirtschaftliche und politische Probleme. Die Massenhinrichtung soll womöglich ebenso wie die Preiserhöhung demonstrieren, dass Salman durchgreift.

(Foto: Infografik Die Welt)

Beide Länder exekutieren zahllose Menschen

Saudi-Arabien ist nach China und dem Iran seit Jahrzehnten trauriger Spitzenreiter bei der Hinrichtung von Menschen. Die Zahl der Exekutionen steigt seit August 2014, rapide an. Im Jahr 2015 wurden mindestens 157 Personen dem Henker übergeben – die höchste Zahl seit 1998. Die Hälfte der Hingerichteten waren Ausländer, denen Mord oder Drogenhandel angelastet wurde. Doch die Hingerichteten vom 2. Januar sandten ein anderes politisches Signal aus: Sie waren fast sämtlich terroristischer Aktivitäten angeklagt, unter anderem wegen angeblicher Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida.

Immer wieder wird dem Königreich vorgeworfen, nicht genug gegen die Extremisten im eigenen Land zu tun, womöglich weil die Staatsmacht selbst auf dem ultrakonservativen Islam beruht. Womöglich wollte Salman auch dieser Kritik entgegentreten. Doch warum musste dann der schiitische Volksheld Nimr al-Nimr sterben? Der 57-Jährige galt als wichtige Stimme der Minderheit. Er plädierte für eine Abspaltung der ölreichen Gebiete im Osten des Landes, falls die Saudis den Schiiten nicht mehr Rechte einräumen würden.

In Bahrain oder dem Iran wurde Nimr al-Nimr zu einer bekannten Figur, für das Herrscherhaus der al-Saud hingegen zu einer strategischen Bedrohung. Seine Hinrichtung und die dreier weiterer schiitischer Rädelsführer war ein Warnsignal an die Schiiten im Land und an deren vermeintliche Schutzmacht Iran. Die fürchtet Riad heute mehr denn je.

Stellvertreterkriege im ganzen Nahen Osten

Überall in der Region tragen Iraner und Saudis teils gewaltsame, teils machtpolitische Stellvertreterkonflikte aus: In Syrien stützt Teheran das Assad-Regime, während Riad die zum Teil radikalen sunnitischen Rebellengruppen finanziert. Im Jemen bombardieren saudische Bomber die schiitischen Huthis, die aus dem Iran beraten und ausgerüstet werden. Im Irak kämpfen beide Länder gegen den IS, aber sie konkurrieren auch um die Macht. In Bahrain fürchtet die sunnitische Herrscherfamilie, dass Teheran die schiitische Bevölkerungsmehrheit aufwiegelt, und ruft die Saudis zu Hilfe, um Proteste der eigenen Schiiten niederzuschlagen. In Kuwait befürchtet man ebenfalls iranische Unterwanderung. Im Libanon und den Palästinensergebieten konkurrieren Saudis und Iraner um Einfluss.

Auch andernorts kämpft man hinter den Kulissen. Das Atomabkommen mit dem Iran im Juli 2015 war für die Saudis ein schwerer Schlag, vor allem das bevorstehende Ende der Sanktionen: Denn jetzt kann der Iran seine Verbündeten in der Region wieder mit Gewinnen aus dem Ölgeschäft stärken. Zudem dürfte die Rückkehr der Mullahs auf den Weltmarkt den ohnehin niedrigen Ölpreis drücken.

Schon jetzt liegt der mit 40 Dollar pro Fass zu niedrig, um den saudischen Staatshaushalt zu finanzieren. Das liegt auch daran, dass Saudi-Arabien des iranischen Comebacks auf der Weltbühne mit einer teuren Gegenoffensive begegnet. Allein der Krieg gegen die schiitischen Huthi-Rebellen im Nachbarland Jemen kostet das Königreich pro Tag 200 Millionen Dollar. Geht es so unverändert weiter, könnte einer der reichsten Staaten der Welt in fünf Jahren bankrott sein.

Angst vor der Jugend des Königreichs

Ein zweites Warnsignal ging an die eigene Jugend – mit der Hinrichtung von Extremisten der eigenen Konfession. Mehr als 2500 Saudis kämpfen in Syriens Bürgerkrieg in den Reihen der Islamisten. Sie könnten sich irgendwann gegen das Herrscherhaus richten. Ihm gelingt es immer weniger, der eigenen Bevölkerung eine bessere Zukunft zu bieten. Bei einer rasant wachsenden Bevölkerung, mehr als 60 Prozent sind jünger als 30 Jahre, wird die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu einem existenziellen Problem. Eine verschwenderische Subventionspolitik hat den privaten Sektor erstickt. Reformen sind nötig.

Die Folge ist ein Dilemma: Die Jugendarbeitslosigkeit stärkt die Sympathien für Radikale wie al-Qaida oder die Terrormiliz Islamischer Staat – doch sinnvolle Einschnitte bei Staatsausgaben bewirken das gleiche. Mit der Wahl des Zeitpunkts für die Exekutionen könnten die Saudis einen besonders starken Gegeneffekt provozieren: Im Iran herrscht gerade Wahlkampf. Ende Februar wählen die Iraner ein neues Parlament und die Expertenversammlung, die dereinst einen neuen Revolutionsführer bestimmen wird.

Es sind Schicksalswochen für die Islamische Republik. "Die konservativen Gegner des moderaten Präsidenten Hassan Ruhani stellen seine Außenpolitik immer wieder als zu nachgiebig dar – gerade beim Schutz von Schiiten im Ausland", sagt Seyyed Mohammad Eslami von der Mofid-Universität im iranischen Qom. "Auch in der Öffentlichkeit erwartet man von Ruhani Engagement für die Glaubensbrüder in aller Welt." Einzelne Geistliche wie der Saudi al-Nimr hätten für die Schiiten eine ganz besondere Bedeutung, erklärt Eslami. "Sie sind zugleich religiöse wie politische Führungsfiguren. Darum identifizieren ihre Anhänger sich besonders umfassend mit ihnen."

Iran droht mit Vergeltung

Der schiitische Zorn, der sich nach der Exekution Bahn brach, war zum Teil sicherlich organisiert. Aber selbst dann zeigt er, wie leicht sich Schiiten durch den Tod des Klerikers mobilisieren lassen. In Teheran stürmten Aktivisten die saudische Botschaft und legten Feuer. Die Feuerwehr löschte, die Polizei räumte das Gebäude, und Präsident Ruhani verurteilte die Gewalt. Doch das Signal war gesetzt. Straßenproteste gegen die Hinrichtung reichten vom Libanon bis nach Indonesien.

Der Oberste Geistliche Führer Ali Khamenei drohte: "Zweifellos wird das zu Unrecht geflossene Blut dieses Märtyrers Folgen haben, und die saudischen Führer werden die Rache Gottes spüren." Es könnte durchaus sein, dass mit der Vergeltung des Allmächtigen auch Militäraktionen gemeint sind. "Die Menschen erwarten von der Regierung, dass sie die Schiiten im Ausland schützt", sagt Forscher Eslami. "Dafür gibt es im Notfall auch noch andere Mittel als Diplomatie."

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