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Drogen, Morde, Korruption Nichts und niemand ist mehr sicher in Mexiko

100.000 Leben hat der Drogenkrieg in Mexiko schon gekostet. Jetzt wurde sogar eine Bürgermeisterin kurz nach ihrer Amtseinführung erschossen. Das Land driftet ab in Willkür und Rechtslosigkeit.

Gisela Mota war gerade einen Tag im Amt. Dann stürmten vier Auftragsmörder das Haus der neu gewählten Bürgermeisterin in der mexikanischen Kleinstadt Temixco und erschossen die mutige Frau. Die 33-jährige Politikerin der Linkspartei PRD wollte sich gegen den Drogenhandel in der rund 85 Kilometer von Mexiko-Stadt gelegenen Kommune einsetzen. Sie wollte aufräumen mit der organisierten Kriminalität. Solche Pläne sind in Mexiko lebensgefährlich. Gisela Mota starb noch bevor sie ihre Arbeit beginnen konnte.

Einen Tag nach ihrer Vereidigung zur Bürgermeisterin wurde Gisela Mota ermordet. (Foto: REUTERS)

Bürgermeister, die sich öffentlich gegen den Drogenhandel stellen, leben gefährlich in Mexiko. Bislang waren es aber vor allem ihre männlichen Amtskollegen, die mit dem Leben bezahlen mussten, wenn sie es wagten, sich gegen die organisierte Kriminalität aufzulehnen. Im Bundesstaat Morelos, aus dem Mota stammt, wurden im vergangenen Jahr 49 Frauen ermordet. Insgesamt wurden fast 500 Menschen getötet. In ganz Mexiko waren es in den vergangenen Jahren knapp 100.000 Menschen, die Opfer des Drogenkrieges wurden. Niedergemetzelt von rivalisierenden Kartellen, gezielt hingerichtet wie offenbar im Fall Gisela Mota oder einfach nur zufällig zwischen die Fronten im Drogenkrieg geraten.

Nichts und niemand ist mehr sicher in Mexiko. "Das ist eine Kampfansage des Verbrechens. Wir werden uns nicht geschlagen geben", ließ Graco Ramírez, Gouverneur des Bundesstaates Morelos, wissen. Das aber gehört zu den üblichen Floskeln nach solchen Gewalttaten.

Todesangst vor der Kandidatur zum Bürgermeister

Der Mord an Mota ist noch nicht aufgeklärt. Fassungslos mussten ihre Nachbarn mit ansehen, wie die Ermittler die Spuren sicherten und die Leiche aus dem Haus trugen. Und wie immer in Mexiko gilt, dass auch die Nachrichten rund um die Tat erst einmal mit Vorsicht zu genießen sind. Aber der Mord ist ein weiteres Indiz dafür, dass Mexiko den Kampf gegen die Drogenmafia offenbar schon längst verloren hat.

Forensiker untersuchen ein Auto vor dem Haus, in dem Gisela Mota einen Tag nach Amtsantritt umgebracht wurde. (Foto: AP)

Kein anderes Land der Welt hat in den vergangenen Jahren derart viele Skandale und Grausamkeiten im Zusammenhang mit dem internationalen Drogenhandel erlebt wie Mexiko. Die gesellschaftspolitische Entwicklung des Landes erinnert an das vom Drogenkrieg völlig verseuchte Kolumbien der 80er- und 90er-Jahre. Damals zahlten legendäre Drogenbosse wie Pablo Escobar ihren Auftragskillern Kopfgeldprämien für jeden ermordeten Polizisten, Richter oder Staatsanwalt. In Mexiko sind es offenbar Bürgermeister, die ganz oben auf der Todesliste stehen.

Der Fall Mota ist nur einer von vielen, in denen Bürgermeister aus dem Weg geräumt wurden. In einigen Kommunen gibt es nicht einmal mehr Kandidaten, die sich trauen, zur Wahl anzutreten, weil der Job des Bürgermeisters vor allem eines bedeutet: Entweder mit der Drogenmafia zu kooperieren oder sich selbst auf deren Abschussliste zu katapultieren. Ähnliches gilt für Polizeiposten in den Drogenhochburgen, die verwaist sind, weil sich niemand mehr diesem Risiko aussetzen will.

Immer wieder flackert die Unfähigkeit des mexikanischen Staates auf. Zuletzt im Fall der 43 verschwundenen Lehramtsstudenten von Iguala. Im September 2014 verschwanden die Studenten unter bis heute nicht restlos aufgeklärten Umständen. Der Fall erregte weltweites Aufsehen, doch trotz des anfänglich enormen internationalen Interesses an der Aufklärung des Falles, bleiben die Hintergründe dubios. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Studenten in einer gemeinsamen Aktion von örtlicher Polizei und der Drogenbande "Guerreros Unidos" auf Weisung des lokalen Bürgermeisters und seiner Frau ermordet wurden. Diese wollte bei einer Rede nicht gestört werden. Beide sollen Angehörige der Drogenmafia sein.

Fast 100 Menschen wurden seitdem verhaftet, doch die ganze Wahrheit kam bis heute nicht ans Licht. Gerade mal eine Leiche konnte bislang zweifelsfrei von Rechtsmedizinern aus Österreich identifiziert werden. Vom Rest fehlt jede Spur. Die Eltern der verschwundenen Studenten kämpfen bis heute um die Aufklärung des Falles. Sie beauftragten unabhängige Rechtsmediziner aus Argentinien mit eigenen Ermittlungen und widersprechen der öffentlichen Darstellung.

Angehörige der 43 verschwundenen Studenten demonstrieren in Mexiko-Stadt für die Aufklärung der Fälle. (Foto: AP)

Dem Fall von Iguala droht das gleiche Schicksal wie vielen anderen ähnlichen Fällen: Irgendwann sind die Opfer alleine, versiegt das Interesse an einer Aufklärung. Der prominente mexikanische Bischof Raúl Vera teilte jüngst die Skepsis der Eltern der vermissten Studenten: "Viele glauben den offiziellen Ermittlungsergebnissen nicht. Sie sind überzeugt, dass am Ende die Regierung dahintersteckt. Es wäre nicht der erste Fall von staatlicher Gewalt und von einem Zusammenwirken von Bundesbehörden und den Drogenkartellen", sagte Vera bei einem Besuch in Berlin.

Auch ein anderer prominenter Fall zeigt, wie sehr Politik und organisierte Kriminalität zusammenarbeiten. Der ermordete Journalist José Moisés Sánchez Cerezo aus dem Bundesstaat Veracruz ist ein weiteres Opfer dieser unsagbaren Verbindung. Der mutmaßliche Täter, ein ehemaliger Polizist, gestand, dass der Bürgermeister von Medellin de Bravo, Omar Cruz Reyes, den Mord in Auftrag gegeben hatte.

Das Opfer war der Herausgeber und Autor einer Lokalzeitung. Er berichtete regelmäßig über Übergriffe und Gewalt in der Kleinstadt. Weil Journalistenmorde inzwischen Routine sind, haben einige Zeitungen und Medienhäuser kapituliert und weigern sich, über die organisierte Kriminalität zu berichten.

Mexikos bekanntester und auch symbolträchtigster Sündenfall aber ist die spektakuläre Flucht des prominentesten Drogenbarons Joaquín "El Chapo" Guzmán, der – von Überwachungsvideos aufgezeichnet – einfach aus der Gefängniszelle spazierte und durch einen zuvor in wochenlanger Vorarbeit entstandenen unterirdischen Tunnel verschwand. Dass so etwas quasi unter den Augen der Gefängnisleitung möglich war, zeigt, wie korrupt das mexikanische Justizsystem ist.

Guzmán ist seitdem verschwunden. Sein mächtiges Kartell hatte er ohnehin aus der Zelle gesteuert. Dass ihm auch die Sympathien vieler Mexikaner zufliegen, die Halloween mit Guzmán-Masken feierten, zeigt, dass das schnelle Geld offenbar attraktiver ist, als der mexikanische Staat.

Guzmáns Flucht und der Fall der 43 verschwundenen Lehramtsstudenten von Iguala waren bislang die schwersten Rückschläge in der Amtszeit des telegenen aber glücklosen Präsidenten Enrique Peña Nieto. Er liebt zwar gut inszenierte Auftritte, das Vertrauen in der Bevölkerung in seine Fähigkeit, das Land aus dieser tiefen Krise zu führen, ist laut jüngsten Meinungsumfragen dahin. In keinem anderen lateinamerikanischen Land erreichen die Politiker derart schlechte Umfragewerte, wenn es um Vertrauen und Redlichkeit geht.

Peña Nieto, der obendrein selbst noch in einen hässlichen Immobilien- und Korruptionsskandal um ein Anwesen seiner Familie verstrickt war, konnte bislang noch kein einziges der gravierenden Probleme lösen. Der Drogenhandel scheint trotz einiger Festnahmen stärker den je, die Gewalt hat das Land fest im Griff und der Skandal um die verschwundenen Studenten hat dem Ansehen Mexikos ebenfalls schwer geschadet. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.

So lange Guzmán nicht verhaftet, der Fall der 43 Studenten nicht restlos aufgeklärt ist, befindet sich Peña Nieto innenpolitisch in der Defensive. Und in ein paar Wochen kommt Papst Franziskus nach Mexiko. Er wird die Finger in die Wunde legen, wenn es um die Gewalt, den Drogenhandel und die gravierenden Menschenrechtsverletzungen gehen wird. Für den Präsidenten könnte das noch mehr unangenehme Tage bedeuteten.

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