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Übergriffe auf Frauen in Köln Drei Stunden in der Angstzone

Das Bild der Silvesternacht in Köln wird immer deutlicher. Es spielten sich schreckliche Szenen ab. Und es wird immer unfassbarer, wie Verantwortliche darauf reagierten.

Eine Woche lang gab es die Wahrheit über die Kölner Silvesternacht nur unterm Ladentisch. Stück für Stück kam sie ans Licht, weil eingesetzte Polizisten zu reden begannen. Erst wurde, was in dieser Nacht geschah, schlichtweg geleugnet. Am Neujahrsmorgen ließ die Kölner Polizeispitze die Bevölkerung wissen, es sei wieder eine tolle kölsche Nacht gewesen, genau wie in den Jahren zuvor: "Ausgelassene Stimmung – Feiern weitgehend friedlich."

Die Polizei habe nur mal kurz den Bahnhofsvorplatz geräumt wegen Zündens "pyrotechnischer Munition". "Trotz der ungeplanten Feierpause", fantasierte Kölns Polizeiführung weiter, "gestaltete sich die Einsatzlage entspannt – auch weil die Polizei sich an neuralgischen Orten gut aufgestellt und präsent zeigte".

Kölner und Auswärtige hatten die Nacht völlig anders erlebt. Was die Polizeispitze eine "Feierpause" nannte, war zumal für Frauen eine brutale, schockierende Nacht, erfüllt von wildem Raketenfeuer auf Menschen, von bandenmäßigem Straßenraub und massenhafter sexueller Gewalt durch nordafrikanische und arabische junge Männer.

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Die Darstellung der Polizeispitze vom Neujahrsmorgen war einfach absurd – Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers nahm sie zurück, beharrte aber noch fünf Tage nach Silvester auf einer Pressekonferenz mit seiner Oberbürgermeisterin: "Wir waren an dem Abend ordentlich aufgestellt." Doch in internen Polizeiberichten stellt sich die Lage ganz anders dar.

Die Öffentlichkeit muss sich getäuscht fühlen

Auch in der Frage, wer eigentlich die Täter waren. Vor allem in diesem Punkt war eine Woche lang die Devise: Wir wissen nichts, wir sagen nichts, und wenn wir doch was sagen, spielen wir die Sache runter. Erst hieß es aus dem Kölner Polizeipräsidium, über die Täter wisse man nichts. Als dann 90 Anzeigen von Frauen wegen sexueller Belästigung eingingen (mittlerweile sind es 516), war zu hören, das bedeute aber nicht zwangsläufig, dass es auch so viele Tatverdächtige gebe.

Komisch nur: Obwohl man angeblich gar nichts über die Täter wusste, war sich Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker in einem Punkt ganz sicher: Flüchtlinge waren es nicht. "Es gibt keinen Hinweis, dass es sich hier um Menschen handelt, die hier in Köln Unterkunft als Flüchtlinge bezogen haben", erklärte sie auf der Pressekonferenz vom 5. Januar auf Nachfrage.

Das konnte nicht stimmen. Polizeiberichte und Augenzeugen bestätigen das genaue Gegenteil. Wieso all diese Ungereimtheiten, Viertelwahrheiten, die angebliche Ahnungslosigkeit? Entweder die Spitzen von Stadt und Polizei hatten tatsächlich keine Ahnung, was in der Silvesternacht los war – oder sie wussten alles, wollten es aber nicht sagen.

Version A ist sehr unwahrscheinlich, denn all die Polizeiberichte, auf die sich diese Chronik stützt, muss zumindest Wolfgang Albers auf seinem Schreibtisch gehabt haben. Version B ist viel plausibler – aber auch erschreckender: Gab es etwa den politischen Willen, die Themen Kriminalität und Flüchtlinge strikt zu trennen, egal wie verflochten sie waren? Eine Rekonstruktion der Nacht von Köln.

Es braut sich was zusammen

Um 21 Uhr ist der Polizei klar, dass Ausschreitungen drohen. Viele Kölner und auswärtige Gäste sind zum Feiern gekommen, doch da sind auch welche, die offenbar anderes im Sinn haben. Laut einem Bericht der Landespolizei teilt deren Polizeiführer "während der Einsatzbesprechung" mit, dass "sich gegen 21 Uhr bereits etwa 400 ,Flüchtlinge' im Bereich des Bahnhofsvorplatzes aufgehalten haben". Sie seien "erheblich alkoholisiert" und würden "unter massiver Verwendung von Feuerwerkskörpern feiern". Man entschließt sich, andernorts Polizei abzuziehen und zum Dom zu beordern.

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Rückblickend sagt Michael Temme, Leitender Kölner Polizeidirektor und rechte Hand von Polizeipräsident Wolfgang Albers, der "Welt am Sonntag": "Wir haben sofort reagiert, nachdem sich um 21 Uhr eine Personengruppe auf dem Bahnhofsvorplatz gebildet hatte. Konkret haben wir alle Beamten, die für diesen Abend für den Bereich Innenstadt eingeteilt waren und auf die drei Standorte Brücken, Ringe und Altstadt verteilt waren, am Bahnhof zusammengezogen. Es waren ab diesem Zeitpunkt also 143 Polizeibeamte am Bahnhof im Einsatz."

Zusätzlich befinden sich 70 Bundespolizisten im Hauptbahnhof, für dessen Sicherheit sie zuständig sind. Es könnten mehr sein, wäre nicht ein Teil der Bundespolizei, bedingt durch die Flüchtlingskrise, für die Grenzsicherung im Süden des Landes abgestellt. Die am Vorplatz des Doms abgestellten Fahrzeuge der Beamten werden sogleich mit Böllern beworfen. So ernst ist die Lage inzwischen, dass die Kräfte "den ganzen Einsatz in schwerer Schutzausstattung und behelmt" absolvieren, berichtet der Bundespolizist weiter – also von 21.45 Uhr abends bis 7.30 Uhr morgens. Fast zehn Stunden.

Gegen 22 Uhr steigt Elsa in Bonn mit zwei Freundinnen in den Regionalexpress zum Kölner Hauptbahnhof, um ihren Bruder zu besuchen, mit ihm wollen die drei jungen Frauen eine Silvesterparty besuchen. Elsa ist 23, sie studiert Politik in Bonn, ihr Vater ist Schwede. Gegen 22.30 Uhr kommen sie an, Elsas Bruder holt die drei ab, noch im Bahnhof geraten sie in eine große Menschenmenge.

"Ich sah viele arabische junge Männer", erzählt Elsa. "Dann spürte ich die erste Hand an meinem Hintern. Erst leicht, dann wurde es stärker, heftiger, drängender. Plötzlich waren es viele Hände. Ich wurde total sauer, gleichzeitig fühlte ich mich vollkommen hilflos, machtlos. Die Männer vermittelten nicht im Geringsten das Gefühl, dass sie etwas Verbotenes tun. Das Gerangel war so groß, man konnte sich kaum bewegen. Da kamen Hände, und dann waren sie wieder weg. Um ehrlich zu sein, wirkten die Männer wie Flüchtlinge. Sie wirkten angetrunken, nicht so heftig, dass sie taumelten, aber einige hatten rote Augen.

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Die waren in einer aufgeheizten Stimmung, so nach dem Motto, ha, wow, was passiert hier jetzt. So etwas habe ich noch nie erlebt. So stelle ich mir Gewaltexzesse im Ausland vor. Die Stimmung war unglaublich hart und geladen. Mein Bruder schaffte es, zu mir durchzukommen, er zog mich raus aus der Menge. Wir schafften es zum Ausgang. Wir haben lange gebraucht, um uns erst mal wieder zu fangen und zu schütteln. Im Nachhinein kann ich nur sagen: Ich werde nie wieder in Köln Silvester feiern."

Eine andere junge Frau, Sabrina F., fährt von Osnabrück nach Köln, um zu feiern. Die 20-jährige Arzthelferin denkt, dass die Übergriffe organisiert waren. In der "Osnabrücker Zeitung" hat sie ihre Erlebnisse geschildert. "Die haben gezielt Mobs gebildet und Frauen angegriffen. Durch die unsittlichen Berührungen wollten sie an die Handtaschen kommen." 500 bis 900 Leute, schätzt sie, seien beteiligt gewesen, viele betrunken oder unter Drogen. Sie berichtet, wie die Polizei, von "ganz großen, geröteten Augen". Sie gingen zum Dom.

"Und plötzlich hatte ich eine Hand auf meinem Arsch." Sie sei "im Intimbereich" berührt worden "und an den Brüsten", und "nicht nur berührt, sondern regelrecht angepackt. Ich musste meine Freundin beruhigen, die war komplett fertig mit der Welt." Dann seien die jungen Frauen durch Köln geirrt, völlig außer sich. Freunde hätten einen Kordon um sie gebildet.

Ein Türsteher beschreibt das Unfassbare

Einen schleuderte diese Nacht in eine unverhoffte Bekanntheit: Ivan Jurcevic, der an dem Abend als Türsteher im Fünfsternehotel "Excelsior Ernst" am Bahnhof arbeitete. Jurcevic war von dem, was er sah, derart geschockt, dass er ein Video mit seinen Bericht von dieser Nacht auf seine Facebook-Seite stellte. In zwei Tagen wurde es fast vier Millionen Mal geklickt. Der erfolgreiche Kickboxer aus Köln schildert Szenen wie im Bürgerkrieg: eine Messerstecherei.

Männer, die ihn angegriffen hätten und die er habe "wegklatschen" müssen. Männer, die einem am Boden Liegenden den Kopf eingeschlagen hätten. Weinende Mädchen, die sich zu ihm flüchteten. Und die ihnen das angetan hätten, seien die Leute, die man vor Wochen mit Teddybären am Bahnhof begrüßt habe.

Noch eine Woche nach Silvester wirkt Jurcevic, als könne er gar nicht aufhören, sich die Augen zu reiben angesichts seiner jähen Berühmtheit: "Mich haben Journalisten aus Frankreich angeschrieben, aus Österreich, Fernsehsender, Zeitungsredaktionen – ich komme überhaupt nicht nach, die alle zurückzurufen." Dazu all die, die ihm über Facebook geschrieben und gedankt hätten dafür, dass er endlich mal ausgesprochen habe, was viele dächten. Und was war das?

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Jurcevic sagt, wie viele habe auch er immer gemeint, solche brutalen Szenen "seien rechte Propaganda – aber das hier war eben echt". Am schlimmsten sei für ihn etwas gewesen, das er im Facebook-Video gar nicht erwähnt hat: dass der Mob aus jungen Männern gezielt Raketen auf den Dom abgeschossen und die Menge bei jedem Treffer applaudiert habe. "Da war einfach gar kein Respekt da, weder vor dem Dom noch vor den Frauen noch vor den Polizisten."

Ein übles Nachspiel hat die Sache für ihn. Der Direktor des Hotels teilte mit, er und sein Team distanzierten sich "von fremdenfeindlichen Aussagen, die aktuell im Internet kursieren von einem Mitarbeiter des externen Sicherheitsunternehmens." Natürlich muss ein gutes Hotel auf seinen Ruf achten. Aber muss es dazu einen externen Mitarbeiter öffentlich kritisieren, nur weil er sagt, was los war?

Entsetzte Menschen sprechen die Polizisten an

Gegen 22.45 Uhr erreichte das Chaos einen Höhepunkt. Das interne Einsatzprotokoll eines leitenden Bundespolizisten, das der "Welt am Sonntag" vorliegt, gibt zahlreiche Details und Berichte einzelner Beamter wieder. Besonders erschütternd ist das Bild der Verzweiflung der Opfer der sexuellen Übergriffe. Schon bei der Anfahrt seien die Einsatzkräfte "von aufgeregten Bürgern mit weinenden und unter Schock stehenden Kindern über die Zustände im und um den Bahnhof informiert" worden. Am Vorplatz und an der Domtreppe hätten sich "einige Tausend meist männliche Personen mit Migrationshintergrund" befunden, die Feuerwerkskörper und Flaschen wahllos in die Menschen feuerten.

Aufenthaltstitel seien vor den Augen der Beamten zerrissen und so kommentiert worden: "Ihr könnt mir nix, hole mir morgen einen neuen." Hilferufe waren zu hören – die Beamten wurden durch enge Personenringe daran gehindert, zu den Betroffenen zu gelangen. Ein Mann wird so zitiert: "Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen." Insgesamt zeichnet der Bundespolizist ein düsteres Bild der Silvesternacht. Die Polizei traf auf eine Respektlosigkeit, wie er sie "in seinen 29 Dienstjahren noch nicht erlebt" habe. Die Gesamtsituation beschrieb er als "chaotisch und beschämend".

Inzwischen ist das ganze Ausmaß der Gewalt deutlich. Das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt fasst sie in einem Rundschreiben an andere LKAs so zusammen: "In der Silvesternacht wurden unzählige Menschen, insbesondere Frauen, Opfer von massiven sexuellen Übergriffen. Frauen wurden von ihren Gruppen/Freunden getrennt, durch ?zig Nafri?s (Kürzel für nordafrikanische Intensivtäter, die Fragezeichen stehen für nicht abgeschlossene Ermittlungen, Anm. d. Red.) umzingelt, von allen Seiten begrapscht, in mehreren Fällen kam es auch zu brutalen sexuellen Nötigungen und Vergewaltigungen, die Täter stießen Opfern mit Fingern durch Strumpfhosen und Unterwäsche durch.

In vielen Fällen kam es zu Taschendiebstählen, Handtaschenraubdelikten." Und: "Tagtäglich erreichen uns massenweise Telefonanrufe und Strafanzeigen aus dem ganzen Bundesgebiet, wo sich Polizeibehörden und Geschädigte melden."

Täter reagieren völlig unbeeindruckt von der Polizei

Gegen 23 Uhr drängen immer mehr "Menschen mit Migrationshintergrund" auf das bereits gut gefüllte Areal um Hauptbahnhof und Dom, erinnert sich der bereits zitierte Bundespolizist. "Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne ,Spießrutenlauf' durch die stark alkoholisierte Männermasse, wie man es nicht beschreiben kann."

Der zuständige Leiter der Bundespolizei vor Ort wird vom Zugführer der Landespolizei kontaktiert, als "das Werfen und Abschießen" von Feuerwerk in die Menschenmenge zunimmt. Beide Polizisten kommen zu der Einschätzung, "dass die uns gebotene Situation (Chaos) noch zu erheblichen Verletzungen, wenn nicht sogar zu Toten führen würde".

Nun passiert das, was die Kölner Polizeispitze am anderen Morgen die "ungeplante Feierpause" nennen wird. Nach Rücksprache mit der Gesamteinsatzleitung der Landespolizei beschließen Bundes- und Landespolizei, gemeinsam die Domtreppe und den Bahnhofsplatz zu räumen. Was sich als schwierig erweist, denn die Menge wird immer besoffener, bekiffter, rabiater – und größer. Im Bereich Roncalliplatz, Domplatte und Bahnhof werden laut einem Bericht der Landespolizei um 22.48 Uhr "mehrere Tausend Personen (genaue Verifizierung nicht möglich) mit Migrationsbezug (vermutlich mit Flüchtlingsbezug) festgestellt".

Allein auf dem Bahnhofsplatz samt Domtreppe "hielten sich ca. 1000 bis 1500 Personen (der optischen Erscheinung nach überwiegend männliche Personen nordafrikanischer bzw. arabischer Herkunft im Alter zwischen ca. 15 und 35 Jahren) auf". Diese hätten sich "total enthemmt" verhalten, seien "überwiegend erheblich alkoholisiert bzw. anderweitig berauscht" gewesen und hätten massiv pyrotechnische Erzeugnisse gezündet. Und: "Auf Ansprachen reagierten die Personen überwiegend mit Unverständnis und von der polizeilichen Ansprache völlig unbeeindruckt."

Die Bundespolizei schildert die Lage ganz ähnlich. Auch sie hat im Hauptbahnhof große Probleme. Dort hält sich "ebenfalls eine erhebliche Anzahl von Personen der beschriebenen Klientel auf", auch dort komme es zu "schwierigen Einsatzsituationen".

Räumung unter Beschuss von Feuerwerkskörpern

Kurz nach 23.30 Uhr Lautsprecherdurchsagen. Die Bundespolizei sperrt die Aus- und Eingänge des Hauptbahnhofs, beginnt "mit der Räumung der Domtreppe (von oben nach unten)". Dann ist der Bahnhofsvorplatz dran, die Menge wird in die Dompropst-Ketzer-Straße abgedrängt. Ohne Gewalt geht das nicht ab, wie der Bundespolizist berichtet: "Im Verlauf der Räumung wurden die Einsatzkräfte Land und Bund immer wieder mit Feuerwerkskörpern beschossen und mit Flaschen beworfen." Die Polizei wendet nun "einfache körperliche Gewalt" an. Das Vorgehen wird weiter erschwert aufgrund "des offensichtlichen massiven Alkoholgenusses und anderer berauschender Mittel (z.B. Joint)".

Um viertel vor Zwölf ist die Hälfte des Platzes am Dom geräumt. Dann knallen die Korken. Nach Mitternacht besteigen mehrere Personen die Gleise der Hohenzollernbrücke, es kommt "zu erheblichen Einschränkungen im Zugverkehr" und die Bundespolizei wird dort zusätzlich gebunden. Gegen 1.15 Uhr ist die Räumung abgeschlossen – nach fast zwei Stunden. "Die Kräftelage", resümiert später die Landespolizei, "war für die Durchführung dieser Maßnahmen gerade ausreichend: Ohne eine Unterstützung der Kräfte Bundespolizei wäre eine sachgerechte Durchführung nicht möglich gewesen."

Weil der Platz von Glasscherben und Feuerwerkskörpern übersät ist, wird mitten in der Nacht die Stadtreinigung angefordert. Nun öffnet die Bundespolizei die Zugänge zum Hauptbahnhof teilweise wieder, "um den Personendruck aus dem Hauptbahnhof zu nehmen".

Während die Landespolizei von einer Räumung "ohne besondere Vorkommnisse" berichtet, erinnert sich der Bundespolizist etwas anders: "Im weiteren Einsatzverlauf kam es immer wieder zu mehrfachen körperlichen Auseinandersetzungen vereinzelter Personen wie auch Personengruppen, Diebstählen und Raubdelikten an mehreren Ereignisorten gleichzeitig."

Konkret: "Im Einsatzverlauf erschienen zahlreiche weinende und schockierte Frauen/Mädchen bei den eingesetzten Beamten und schilderten sexuelle Übergriffe durch mehrere männliche Migranten/-gruppen. Eine Identifizierung sei leider nicht mehr möglich gewesen." Und weiter: "Die Einsatzkräfte konnten nicht allen Ereignissen, Übergriffen, Straftaten usw. Herr werden, dafür waren es einfach zu viele zur gleichen Zeit. [...] Zu Spitzenzeiten war es den eingesetzten Kräften nicht möglich, angefallene Strafanzeigen aufzunehmen."

Das neue Jahr ist eine halbe Stunde alt, als der Zugang zum Bahnhofsvorplatz und zur Domtreppe "wieder geordnet zugelassen" wird. Mehrere größere Gruppen der "beschriebenen Klientel (insgesamt ca. 100 bis 200 Personen)" halten sich noch im Eingang des Hauptbahnhofs auf. Die Beamten wissen, "dass es innerhalb dieser ,Verengungen' bereits vor der Räumung des Bahnhofsplatzes zu zahlreichen Diebstahls- und Sexualdelikten (durch Begrapschen) gekommen war". Sie erhöhen ihre Präsenz am Bahnhof. Sie führen "Gefährderansprachen" durch. Sie sprechen Platzverweise aus.

40 Prozent der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe

Im Laufe der Nacht stellt die Landespolizei 71 Personalien fest, spricht zehn Platzverweise aus, nimmt elf Personen in Gewahrsam und vier fest und stellt 32 Strafanzeigen. All dies wird im CEBIUS-System der Einsatzleitstelle der Polizei eingespeist. Die Bundespolizei bilanziert außerdem 44 Diebstähle, acht Körperverletzungen, zwei Landfriedensbrüche, drei Raubtaten und erteilte 979 Platzverweise.

Dazu kommen 13 sexuelle Nötigungen und 20 Körperverletzungen. Aktuell teilt die Ermittlungsgruppe "Neujahr" mit: Es gibt jetzt 516 Strafanzeigen, in etwa 40 Prozent der Fälle wird wegen Sexualdelikten ermittelt. Großenteils handele es sich um Asylsuchende und Personen, die illegal im Land sind.

Vermutlich geschah manches im Tumult hektisch. Der Türsteher Jurcevic berichtet von Festgenommenen, die über eine Stunde auf dem Boden gelegen hätten, ohne das diese in die überfüllten Sammelstellen hätten gebracht werden können, schließlich habe man sie laufen lassen, woraufhin sie Polizeifahrzeuge bespuckt hätten.

Dennoch – der Kölner Polizeispitze lag genügend Wissen vor, um sich ein Bild von Taten und Tätern zu machen. Die Berichte von Landes- und Bundespolizei datieren vom 2. und vom 4. Januar. Noch am 7. Januar erklärte der Leitende Kölner Polizeidirektor Temme der "Welt am Sonntag", über die Zahl der Festnahmen könne man nichts Genaues sagen: Natürlich habe es Festnahmen und Ingewahrsamnahmen gegeben. "Ich kann aber keine konkreten Zahlen nennen, da zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar ist, welche dieser Festnahmen dem Komplex um die Tumultlage zuzuordnen sind."

Ferner müsse man mehrere Stunden Videos auswerten. "Und wir wollen Vorverurteilungen verhindern. Was ich auf keinen Fall möchte, ist eine Diskussion über 'gute' oder 'schlechte' Polizei. Die Abstimmung zwischen Bundes- und Landespolizei hat an diesem Abend sehr gut funktioniert."

Am Einsatz beteiligte Polizisten verstehen nicht, warum ihre Führung so tut, als tappe man im Nebel. Empört sind sie, als Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Kölner Polizei öffentlich scharf kritisiert. Ihr Polizeipräsident Wolfgang Albers erklärt noch am 5. Januar, man wisse nicht, um wen es sich bei den Tätern der Silvesternacht handele. Daraufhin packt ein Polizist gegenüber der "Welt am Sonntag" aus: "Es wurden, anders als öffentlich dargestellt, sehr wohl von zahlreichen Personen die Personalien aufgenommen", die zum Mob vor dem Bahnhof gehört hatten. Daher sei der Polizei auch bekannt, um welche Täter es sich handele.E

Großteil der Kontrollierten wiesen sich als Syrer aus

Rund 100 Personen seien kontrolliert, etliche der Wache zugeführt und in Gewahrsam genommen worden. Die Überprüfungen ergaben: "Nur bei einer kleinen Minderheit handelte es sich um Nordafrikaner, beim Großteil der Kontrollierten um Syrer." Das habe sich aus vorgelegten Dokumenten ergeben. Viele der Kontrollierten hielten sich erst seit wenigen Monaten in Deutschland auf. "Die meisten waren frisch eingereiste Asylbewerber. Sie haben Dokumente vorgelegt, die beim Stellen eines Asylantrags ausgehändigt werden." Die Aufnahmestelle übergibt dem Asylbewerber dann eine Kopie des Asylantrags.

In einem weiteren Punkt widersprechen in der Silvesternacht eingesetzte Beamte der offiziellen Darstellung. Es hieß immer, den Tätern sei es primär darum gegangen, Passanten zu bestehlen, die sexuellen Belästigungen seien nur nebenbei passiert. "In Wirklichkeit", so Kölner Polizisten, "verhielt es sich genau umgekehrt. Vorrangig ging es den meist arabischen Tätern um die Sexualstraftaten. Ein Gruppe von Männern umkreist ein weibliches Opfer, schließt es ein und vergreift sich an der Frau." Inzwischen hat die Polizei bei Tatverdächtigen eine Art Spickzettel gefunden, auf die Sätze wie "Ich will ficken" gekrakelt sind, in Arabisch und Deutsch übersetzt – auch das weist in diese Richtung.

Nun kommen immer mehr Details ans Licht. Die Mär von der friedlichen Nacht, die Lüge von der Unwissenheit der Behörden, die Trennung von Flüchtlingen und Tätern der Silvesternacht ist hinfällig. Eine Woche nach seiner "Feierpause"-Desinformation vom Neujahrstag tritt Polizeipräsident Wolfgang Albers zurück. Aber auch im Bund stellen sich Fragen: Tatsächlich hatte die Bundespolizei, die Innenminister De Maizère unterstellt ist, bereits in der Silvesternacht über schwere Pannen berichtet. "Der Kräfteansatz für den Gesamteinsatz war zu gering", heißt es in einem vertraulichen Papier vom 31. Dezember. Der Bericht spricht bereits eindeutig von Migranten.

(Foto: Infografik Die Welt)

Köln ist auch in Hamburg

Die Nacht von Köln ist kein isoliertes Ereignis. Fast zeitgleich wurden ähnliche Vorfälle in der Silvesternacht in Hamburg bekannt. Erst waren es nur 27 Frauen, die dort Anzeige erstatteten. Am 6. Januar stieg die Zahl auf 53, am folgenden Tag waren es weitere 40, inzwischen liegen der Polizei bereits 108 Strafanzeigen von Frauen vor, die sexuell belästigt oder bestohlen worden sein sollen. Augenzeuginnen berichteten, dass fünf bis zehn Männer eine Frau umringten, sie anfassten, ihr unter den Rock griffen, johlten und sie beleidigten.

Auf dem Hans-Albers-Platz an der Reeperbahn, der Großen Freiheit und auf dem Jungfernstieg kam es zu Attacken von Männern, die die Frauen als "südländisch" beschrieben. Auch in Hamburg hatte die Polizei die Lage offenkundig nicht im Griff. Ein Sprecher gab zu, dass Beschwerden von Kiez-Besuchern eingegangen seien, die Anzeige erstatten wollten – sie wurden an der Davidwache aber abgewimmelt. In einer ersten Meldung der Polizei am Neujahrsmorgen war von den massenhaften Angriffen auf Frauen noch nichts zu lesen gewesen.

Mittlerweile stellen immer mehr Zeugen der Polizei private Handy-Videos und -Fotos zur Verfügung, um Tatverdächtige zu ermitteln. Ob sich daraus gerichtsfeste Beweise ergeben werden, ist zweifelhaft. Sollte sich nämlich der Verdacht erhärten, dass es sich bei einem Teil der Männer um Flüchtlinge handeln, sieht der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Jan Reinecke, schwarz. Minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge halten die Polizei seit Monaten auf Trab. Reinecke sagte: "Wir wissen nicht, wo sie herkommen und wo sie sind."

Und auch aus anderen Orten werden Vorfälle bekannt. Wie die "Welt am Sonntag" erfuhr, setzte sich am 6. Januar ein 18-jähriger Syrer auf den Schoß eines 15-jährigen Mädchens, das am Gleis 16 des Hauptbahnhofs in Düsseldorf wartete, und begann, es sexuell zu belästigen. Die Bundespolizei schritt ein, nahm den Syrer und zwei Iraker fest; der Syrer sitzt in U-Haft. Es war ein hilfsbereiter Marokkaner, der die Polizei rief und dem Mädchen beistand.

Köln ist womöglich die spektakuläre Spitze von etwas, das wir noch kaum übersehen. Da ist die Ausbreitung rechtsfreier No-go-Zonen in deutschen Städten wie in Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder Bremen oder eben an Silvester in Köln. Aber da ist auch so etwas wie fürsorgliche Täuschung der Öffentlichkeit – man mutet den Bürgern die Wahrheit nicht zu.

Die politischen Folgen der Exzesse von Köln sind noch nicht absehbar. Aber die Tonlage der Akteure in Berlin hat sich verändert. Selbst die Kanzlerin spricht von einem "Paukenschlag". Sie weiß, dass ihre "Wir schaffen das"-Rhetorik in der Nacht von Köln faktisch außer Kraft gesetzt wurde. Was Pegida und AfD nicht geschafft haben, hat der außer Rand und Band geratene Mob am Domplatz bewerkstelligt: Ein Generalverdacht macht sich breit. Wen holen wir da gerade ins Land – und was hat das für Folgen?

Plötzlich scheinen sich Prognosen zu bewahrheiten, die Sicherheitsbeamte schon im Herbst getätigt hatten. "Der hohe Zuzug von Menschen aus anderen Weltteilen wird zur Instabilität unseres Landes führen", erklärte im November ein mit Sicherheitsfragen vertrauter Spitzenbeamter. Und in einem Non-Paper, das im Innenministerium kursierte, heißt es: "Wir importieren islamistischen Extremismus, arabischen Antisemitismus, nationale und ethnische Konflikte anderer Völker sowie ein anderes Rechts- und Gesellschaftsverständnis."

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