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Anschlag in Istanbul Hat der Attentäter gezielt nach Deutschen gesucht?

Eine Explosion zerfetzt die Urlaubs-Idylle in der Istanbuler Altstadt. Ein Attentäter, der offenbar der Terrormiliz IS angehört hat, sprengt sich in die Luft – inmitten einer deutschen Reisegruppe.

Die Ambulanzwagen mit den Schwerverletzten waren gerade vom Sultan-Ahmet-Platz in Istanbul abgefahren, als die türkischen Behörden auf ihre bereits zur Gewohnheit gewordene Art reagierten: Sie verhängten eine vorübergehende Nachrichtensperre. Auf Anweisung aus dem Büro des Ministerpräsidenten wurde Medien untersagt, Bilder vom Anschlagsort zu senden, an dem am Vormittag ein Selbstmordattentäter zehn Menschen mit in den Tod gerissen hatte. Entsprechend gereizt zeigten sich die Polizeikräfte, die den Platz abgesperrt hatten. Journalisten wurden festgehalten, weil sie fotografiert hatten, der Ton war ruppig, und es wurde auch schon mal handgreiflich.

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Immerhin lieferten die Behörden recht zügig die ersten Informationen zum Anschlag. Der Gouverneur von Istanbul sprach von zehn Toten und 15 Verletzten, ohne nähere Angaben zur Identität der Opfer zu machen. Doch im Laufe des Tages wurde klar: Mindestens acht Tote waren Deutsche, wie am Abend Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Berlin bestätigte. Am späten Nachmittag verstarb ein Verletzter im Krankenhaus.

Das bei Touristen beliebte Viertel in Istanbul mit vielen Sehenswürdigkeiten. (Foto: Infografik Die Welt)

Schon vor der offiziellen Bestätigung der Bundesregierung sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin: "Wir sind in großer Sorge, dass auch deutsche Staatsbürger unter den Opfern und Verletzten sein könnten und wahrscheinlich sein werden." Die Betroffenen seien Mitglieder einer deutschen Reisegruppe. Kurz nach dem Anschlag veröffentlichte das Auswärtige Amt einen Reisehinweis: Reisenden in Istanbul werde dringend dazu geraten, "Menschenansammlungen auch auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen vorläufig zu meiden".

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Der Sultan-Ahmet-Platz liegt im Herzen der historischen Altstadt von Istanbul. Zu byzantinischer Zeit war hier das Hippodrom, heute wird der Platz auf der einen Seite von der berühmten Sultan-Ahmet-Moschee begrenzt und auf der anderen von der Hagia Sophia, einst die größte Kirche der Christenheit, später als Moschee genutzt und dann zu einem Museum umgewandelt. Ganz in der Nähe liegen weitere kulturhistorische Attraktionen wie die Cisterna Basilica und der Topkapi-Palast; zu den Sehenswürdigkeiten auf dem Platz selbst gehören der Deutsche Brunnen – ein Geschenk des deutschen Kaisers Wilhelm II. an den osmanischen Sultan Abdulhamid II. – und ein 3500 Jahre alter Obelisk, den einst der byzantinische Kaiser Theodosius I. aus dem altägyptischen Luxor mitbringen ließ. Und genau dort, zwischen Brunnen und Obelisk, jagte sich der Selbstmordattentäter in die Luft.

Der Attentäter sprengte sich zwischen Obelisk und den Deutschen Brunnen in die Luft. (Foto: dpa)

Es muss sich um eine schwere Explosion gehandelt haben. Geschäftsleute auf der anderen Straßenseite, deren Läden mehrere Hundert Meter vom Ort des Geschehens entfernt liegen, berichteten, dass ihre Gebäude erschüttert worden seien. "Ich dachte, das Gebäude stürzt ein", sagte ein Restaurantbetreiber. Einige Gewerbetreibende erzählten, dass der Attentäter in die Gruppe hineingelaufen sei – wenn es denn stimmt, wäre dies womöglich ein Indiz dafür, dass der Täter gezielt nach Deutschen gesucht haben könnte. Aber mit eigenen Augen hatte dies keiner beobachtet; auch die deutschen diplomatischen Vertretungen in der Türkei konnten diesen Bericht nicht bestätigen.

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Sicher hingegen sind zwei andere Dinge, die Händler rund um den Sultan-Ahmet-Platz sagen: Es hätte noch viel schlimmer kommen können; auf dem Platz seien um diese Zeit relativ wenige Menschen unterwegs gewesen. Und: "Das wird dem Tourismus den Rest geben", wie es ein Teppichhändler ausdrückte. "Wir hatten im letzten Jahr sowieso weniger Touristen; das Weihnachtsgeschäft ist ausgefallen, jetzt wird Ostern auch ausfallen." Seine Prognose: Touristen werden keine mehr nach Istanbul kommen – außer aus den Golfmonarchien.

Von dort stammt offenbar auch der Attentäter. Türkische Medien berichteten, dass es sich um einen in Saudi-Arabien geborenen syrischen Staatsbürger handelte. Bereits am Nachmittag kursierte ein Name. Zuvor hatte der stellvertretende Regierungschef Numan Kurtulmus erklärt, dass es sich bei dem Attentäter um einen Syrer gehandelt habe. Am späten Nachmittag sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, der Täter sei Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

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Noch vor dem Regierungschef meldete sich ein anderer zu Wort: Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Mit ein paar wenigen Worten verurteilte er den Anschlag vom Sultan-Ahmet-Platz, um auf etwas ganz anderes zu sprechen zu kommen: einem von mehr als 1110 türkischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterzeichneten Aufruf, dem sich auch einige internationale Professoren wie Noam Chomsky, Slavoj Zizek und Judith Butler angeschlossen haben.

In diesem am Montag veröffentlichten Text kritisieren die Unterzeichner das Vorgehen der türkischen Sicherheitskräfte in den kurdischen Gebieten gegen die Zivilbevölkerung und rufen die Regierung dazu auf, den Dialog mit der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) wieder aufzunehmen. Hintergrund: Der seit Sommer schwelende Konflikt zwischen der PKK und dem Staat ist in den vergangenen Wochen eskaliert; in mehreren kurdischen Städten liefern sich junge Militante der PKK mit Sicherheitskräften bewaffnete Auseinandersetzungen; die kurdische Opposition wirft der Regierung vor, keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen.

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Gegen diesen Krieg in den Städten wollten sich die Wissenschaftler einsetzen. Für Erdogan offenbar das wichtigste Thema des Tages – und ein Affront. Diese "sogenannten Akademiker" sollten ihre Grenzen kennen, sagte Erdogan auf einer Pressekonferenz; die Türkei werde im Kampf gegen den Terrorismus die "sogenannten Akademiker" nicht um Erlaubnis bitten; das seien "Typen, deren Namen einheimisch, aber deren Geist ausländisch" sei.

Bisher kein Bekenntnis des IS

"Einen Aufruf zum Frieden in Zusammenhang mit einem Terroranschlag zu bringen ist eine beliebte Strategie autoritärer Regime, um Kritiker zu diskreditieren", sagte eine der Initiatorinnen des Friedensaufrufs im Gespräch mit der "Welt". Allerdings wollte sie nicht namentlich genannt werden. "Wir werden auf diese Anschuldigungen in einer gemeinsamen Erklärung antworten", sagte sie. "Aber auf uns lastet ein so großer Druck, dass es im Moment nicht ratsam wäre, als Einzelne in den Vordergrund zu treten."

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Der IS hatte sich bislang nicht zum Anschlag auf dem Sultan-Ahmet-Platz bekannt. Allerdings hat der IS sich entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, sich zu Anschlägen in aller Welt zu bekennen, auch nicht zu den Terroranschlägen vom Juli in Suruc und im Oktober in Ankara bekannt, bei denen zusammen 134 Menschen getötet worden waren. Die Opfer beider Anschläge waren kurdische, alevitische und linke Oppositionelle. Der Anschlag von Istanbul wäre der erste auf Touristen in der jüngeren türkischen Geschichte.

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