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Terror in Istanbul Warum die schnelle Täter-Identifizierung seltsam ist

Kurz nach dem Anschlag benannte die Türkei einen Täter – das macht stutzig. Die Identifizierung nach einem Selbstmordattentat ist kompliziert. Was steckt hinter dem schnellen Ermittlungserfolg?

Es dauerte nicht lange, bis der mutmaßliche Selbstmordattentäter von Istanbul, der am Dienstagvormittag zehn Menschen mit in den Tod gerissen hatte, identifiziert war. Zuerst sagte der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmus, dass es sich um einen 27-jährigen, in Saudi-Arabien geborenen Syrer handle. Kurz darauf wiederholte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan diese Angabe, um sich dann dem Thema zu widmen, das ihn wenige Stunden nach dem Terroranschlag offensichtlich am meisten bewegte: ein von über 1100 türkischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterzeichneter Aufruf, die bewaffneten Kämpfe in den kurdischen Gebieten zu beenden und an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

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Dann ergriff Ministerpräsident Ahmet Davutoglu das Wort und erklärte, der Täter sei Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewesen. Und bereits am frühen Abend kursierte ein Name: N.F., 27 Jahre alt, Syrer.

Fahndungserfolg wirft Fragen auf

Ein schneller Fahndungserfolg, von dem sich auch Bundesinnenminister Thomas de Maizère beeindruckt zeigte. "Das war großartige Arbeit", sagte er am Mittwochvormittag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem türkischen Amtskollegen Efkan Ala in Istanbul.

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Doch der schnelle – sehr schnelle – Fahndungserfolg wirft Fragen auf: Wie konnten die türkischen Behörden so schnell die Identität ermitteln, zumal es sich bei einem Attentäter um einen ausländischen Staatsangehörigen gehandelt haben soll? Nach Selbstmordattentaten ist es oft schwierig, Opfer zu identifizieren; bei den Tätern geht das oft nur mittels DNA-Analyse. Dass diese innerhalb kürzester Zeit gemacht und der Befund zugeordnet worden sein soll, bleibt bemerkenswert.

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Selbst wenn die Identifizierung anders erfolgte – die Rede ist von einem Fingerabdruck –, bleibt rätselhaft, warum diese Informationen nicht zunächst aus ermittlungstaktischen Gründen zurückgehalten wurden. Dass es die Staats- und Regierungsführung war, die die Angaben zum Täter verbreitet hat, verdeutlicht zumindest eines: Es gab ein politisches Interesse daran, diese Ergebnisse so schnell wie möglich zu präsentieren. Ebenso unklar ist, woher die türkischen Behörden so genau wissen, dass der Täter dem IS angehört hat.

Ähnliche Fragen werfen die Festnahmen auf, die die türkische Polizei am Mittwoch vornahm. In insgesamt sieben türkischen Städten wurden bis zum Mittag 68 Personen festgenommen, darunter drei russische Staatsbürger, die in der südanatolischen Tourismusmetropole Antalya aufgegriffen wurden. Und wieder stellt sich die Frage: Wie konnten die türkischen Behörden so schnell diese mutmaßlichen Unterstützer oder Mitglieder des IS ausfindig machen? Und wenn sie diese Personen vorher schon kannten: Warum sind sie nicht früher gegen sie vorgegangen?

Ähnliche eilige Festnahmen hatte es auch nach dem Terroranschlag auf linke Aktivisten im Juli in der Grenzstadt Suruc und nach dem Anschlag auf eine Friedensdemonstration im Oktober in der Hauptstadt Ankara gegeben. Die meisten Festgenommenen wurden bald wieder laufen gelassen. Ob und wie viele der damals festgenommenen Personen weiter in Haft sind und vor Gericht gestellt werden, ist völlig unklar. Die Ermittlungen sind geheim; selbst die Anwälte der Angehörigen der insgesamt 134 Opfer von Suruc und Ankara haben keinen Zugang zu diesen Informationen.

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Nach dem Anschlag von Ankara hatte Ministerpräsident Davutoglu für Erstaunen gesorgt, als er in einem Fernsehinterview erklärte, die Behörden hätten keine Handhabe, gegen potenzielle Selbstmordattentäter vorzugehen, solange sie nicht zur Tat schritten. Davutoglu verwies dabei auf rechtsstaatliche Bedenken – offenbar war ihm nicht klar, dass die bloße Mitgliedschaft in einer Terrororganisation für sich genommen schon Straftatbestand ist, den türkische Behörden nicht gerade zurückhaltend anwenden, wenn es um kurdische oder linke Oppositionelle geht.

Aussagen über Festnahmen sind kaum aussagekräftig

So sind auch die Angaben von Innenminister Efkan Ala, die er im Beisein von Thomas de Maizière machte und wonach die Türkei im Rahmen des Kampfes gegen den Terror 3318 Menschen festgenommen und davon 847 verhaftet habe, nur bedingt aussagekräftig. Schließlich wurden die meisten dieser Personen wegen Verdachts auf Mitgliedschaft in der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) festgenommen, darunter rund 20 gewählte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister.

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Die Einlassungen des Ministers wie die auf den ersten Blick befremdlich wirkende Erklärung von Präsident Erdogan zeigen einmal mehr das politische Interesse der türkischen Regierung: Sie kann gar nicht IS sagen, ohne im selben Atemzug PKK zu sagen.

Der Hintergrund: In Syrien kämpft die mit der PKK verbündete syrisch-kurdische YPG gegen den IS; die Türkei stand lange Zeit im Verdacht, den IS in seinem Kampf gegen die Kurden und den syrischen Machthaber Assad zu unterstützen. In einigen Fällen, etwa der IS-Zelle von Adiyaman, der die Täter von Ankara und Suruc entstammten, ist es nachgewiesen, dass die Behörden dem Treiben des IS tatenlos zugesehen haben. Vor dem Anschlag in Ankara gab es Hinweise auf Anschlagspläne, mindestens einer der Attentäter war der Polizei bekannt, dennoch konnte die Tat mitten im Zentrum der Hauptstadt nicht verhindert werden.

Video: Die Chronik des Anschlags von Istanbul

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Wie die "Hürriyet" am Mittwoch berichtet, gab es Ende des Jahres erneut eine Warnung des türkischen Geheimdienstes MIT an die Polizeibehörden. Am 17. Dezember und am 4. Januar soll der Geheimdienst über Anschlagspläne des IS informiert haben. Es sei mit Selbstmordanschlägen auf Nichtmuslime, Ausländer, touristische Ziele und diplomatische Einrichtungen zu rechnen.

In der zweiten Warnung habe der Geheimdienst eine Liste von 19 namentlich genannten potenziellen Selbstmordattentätern – zehn männliche und neun weibliche syrische Staatsbürger – an die Polizeibehörden von Ankara, Istanbul und an die Sicherheitskräfte an der türkisch-syrischen Grenze verteilt. Der Attentäter von Istanbul stand Innenminister Ala zufolge auf keiner Liste. Diese Personen werden offenbar weiterhin gesucht. Der MIT steht selber in der Kritik, zumindest in der Vergangenheit den IS unterstützt zu haben.

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