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Mitangeklagter spricht im NSU-Prozess So lief es damals in der Thüringer Neonazi-Szene

Ralf Wohlleben beantwort Fragen des Gerichts. Er bestreitet erneut die Beschaffung der Tatwaffe und gibt private Einblicke in die Neonazi-Szene. Über Zschäpe verrät er ein interessantes Detail.

Eine Jugend in Jena: In der Hochhaussiedlung Lobeda wuchs in den 80er-Jahren Ralf Wohlleben auf, der schon zu DDR-Zeiten fasziniert war von der "Ordnung und Disziplin" im sozialistischen Arbeiter- und-Bauern-Staat. Nach der Wende hätten sich die Jugendlichen in ein "linkes und ein rechtes Lager" geteilt, sagt Wohlleben, Mitangeklagter im NSU-Prozess.

Er habe ins rechte gehört, habe die szenetypischen Kleidermarken Replay und Chevignon getragen. Sein nationales Erweckungserlebnis habe er gehabt, als er bei einer rechten Demo zu Beginn der 90er-Jahre ein Plakat hochhalten durfte, denn das "lief so ordentlich ab, wie zu DDR-Zeiten".

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So erschütternd banal, so störungsfrei soll Wohllebens Eintritt in die rechtsextreme Szene Thüringens abgelaufen sein. Die Welt war eingeteilt in links und rechts, und er als "Patriot" wollte mitmachen, trat in eine "Kameradschaft" ein, ging schließlich zur NPD und unterstützte Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt von der Terrorzelle NSU, als die im Januar 1998 untertauchten.

Woher kommt die Ceska 73?

Sogar eine Waffe, die Ceska 73, soll er nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft beschafft haben. Wegen Beihilfe zum Mord und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung klagt ihn die oberste Strafverfolgungsbehörde daher im NSU-Prozess an.

Doch Wohlleben betont in der Befragung des Senats erneut, nichts mit der Beschaffung der Waffe zu tun gehabt zu haben. Das habe der ebenfalls angeklagte Carsten Schulze übernommen. Im Gegensatz zu Beate Zschäpe, die sich in ihrer Erklärung als weitgehend unpolitisch darstellte, verbirgt Wohlleben seine nationale Gesinnung nicht.

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Auf den "Kameradschaftsabenden" sei nicht einmal Alkohol konsumiert worden, weil sonst "keine ordentliche Gesprächsatmosphäre" zustande käme, erzählt er. Man habe auch nicht jeden Skinhead aufgenommen, da man "mehr Qualität als Quantität" in der Kameradschaft haben wollte.

Erschüttert über "Verrat" von Tino Brandt

Treue war für Wohlleben nicht nur ein Wort. Als herauskam, dass der Chef der Organisation Thüringer Heimatschutz, Tino Brandt, ein V-Mann des Verfassungsschutzes war, brach Wohlleben den Kontakt zum Top-Neo-Nazi abrupt ab. "Der Verrat war für mich unakzeptabel", sagt er. Das habe er Brandt "nie zugetraut".

Was er denn damit meinte, als er sagte, er wolle die "deutsche Kultur beschützen", will Richter Manfred Götzl wissen. "Wir bekennen uns zu jedem Teil unserer Geschichte, ich wende mich nicht von einem Teil ab und verteufele den", so Wohlleben. Die deutsche Geschichte werde "auf zwölf Jahre reduziert".

Die Aufarbeitung verlaufe "einseitig", denn man "guckt immer nur, welche Schuld der Deutsche trägt und nicht, welche Schuld, der Amerikaner, der Franzose, der Engländer, der Pole trägt", so Wohlleben weiter. Und "deutsche Opferzahlen werden heruntergelogen", glaubt der Angeklagte.

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So unverstellt der Blick in die Gedankenwelt Wohllebens ist, so bestreitet er doch die wesentlichen Anklagepunkte der Bundesanwaltschaft. Zwar habe er von Böhnhardt, den er als "Waffennarr" bezeichnete, nach dessen Untertauchen den Auftrag erhalten, eine scharfe Schusswaffe zu besorgen. Auf Nachfrage soll Böhnhardt gesagt haben, er werde sich lieber erschießen als sich erneut festnehmen lassen. Es solle auf jeden Fall eine "deutsche" Waffe sein.

Wohlleben habe ihn aber hingehalten ("Eine gängige Taktik von mir"). Der viel jüngere Schulze habe dann die Waffe besorgt. Schulze habe ihm gegenüber erwähnt, "mal in Chemnitz" gewesen zu sein, wo die drei NSU-Mitglieder zunächst unterkamen, erzählt der Angeklagte. Dort sei dann wohl die Waffe übergeben worden, will Wohlleben damals geschlussfolgert haben.

NSU machte Witze über Wohllebens Hautkrankheit

Auch über die Mitangeklagten Holger Gerlach und Zschäpe äußert sich Wohlleben. Gerlach soll – wie er selbst – zwischen 1994 und 1996 spielsüchtig gewesen sein und sein ganzes Geld in Münzautomaten versenkt haben. Wohlleben gibt an, eine "niedrige fünfstellige Summe" in Spielhallen gelassen zu haben. Gerlach sei ständig pleite gewesen, weil er seinen Dispo ausgereizt hatte. "Das hatte schon pathologische Züge."

Zschäpe beschreibt er als "schlagfertig", denn "man konnte nicht zu ihr sagen: ,Du bist 'ne blöde Kuh.' Sie konnte immer antworten." Wohlleben hatte auch "nie das Gefühl, dass sie hinter dem Berg hält, wenn sie jemanden nicht mag".

Auch zu Böhnhardt erzählt er weitere Details. Als er diesen kennengelernt habe, habe der schon Militärhosen getragen. "Sein Lieblingsauto, das er damals geklaut hatte, war ein Nissan Patrol", so Wohlleben. Böhnhardt habe ein enormes Interesse an Waffen gehabt: Während "ich in der Spielothek war, ist er lieber in den Waffenladen gegangen". Von der Axt bis zur Zwille sei fast alles dabei gewesen. Die Bewaffnung diente "zum Zwecke der Selbstverteidigung".

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Die drei NSU-Mitglieder seien freundschaftlich miteinander umgegangen, sagt Wohlleben. Der Freundeskreis – zu dem auch Gerlach und Kameradschaftsmitglied André Kapke gehörten – habe einen "schwarzen Humor" gehabt, der nach Wohllebens Einschätzung "für Außenstehende grenzwertig" wirken musste.

Was damit gemeint war, erklärt er an seinem eigenen Beispiel. "Sie sagten immer, mit mir könnte man nirgendwo hingehen, weil ich immer Hautfetzen verlieren würde", erklärt Wohlleben. Damit hätten die anderen auf seine Neurodermitis angespielt.

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