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"Wer Kunden mitbringt, bekommt Rabatt" So abgebrüht ist das Geschäft der Schleuser

Die Syrien-Krise hat den Markt für Menschenschmuggel verändert. Ganze Dörfer leben vom Geschäft mit der Flucht. Die Pläne der EU werden daran nichts ändern können, so Expertin Tuesday Reitano.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Menschen auf der Flucht. Welche Erkenntnis hat Sie am meisten überrascht aus Ihrer aktuellen und der bisher umfangreichsten Studie zur Ökonomie des Flüchtlingsschmuggels nach Europa mit dem Titel "Survive and Advance" (Überleben und Fortschritt)?

Tuesday Reitano: Die Geschwindigkeit, mit der dieser Markt in den vergangenen beiden Jahren gewachsen ist. Wir haben bei den Schleusern ein neues Level an Professionalität und krimineller Energie festgestellt. Nehmen Sie die Rabattmodelle zum Beispiel. Oft sind auf einem Boot 20 bis 30 Leute aus einem Dorf. Wer Kunden mitbringt, bekommt einen Preisnachlass. Wir haben übereinstimmend von Flüchtlingen gehört, dass die Überfahrt umsonst ist, wenn man mindestens fünf Freunde anwirbt. Das Anheuern von Flüchtlingen zur Rekrutierung an der Basis ist einer der Schlüsselpunkte geworden.

Tuesday Reitano ist Co-Autorin der Studie zu Flüchtlingsschmuggel, finanziert von der deutschen Hanns-Seidel-Stiftung. (Foto: privat)

Wer sind die Schmuggler?

Reitano: Ihre Netzwerke sind in vielen Regionen auf uralte Handelsstrukturen aufgebaut. In der Sahara sind es die gleichen Nomadengruppen, die seit Jahrhunderten alles Mögliche schmuggeln. Lange waren das Güter aus Algerien und Libyen, die in die Sahelzone gebracht wurden. Auf dem Rückweg hatten sie Früchte geladen, bei freien Kapazitäten wurden Flüchtlinge auf die Lkw gelassen – ein Nebeneinkommen. Nun sind die Migranten das Haupteinkommen. Es geht längst darum, die Leute in Richtung Norden zu bringen, anstatt Güter in Richtung Süden.

Wie hat sich die gestiegene Nachfrage auf die Preise ausgewirkt?

Reitano: Sie sind weit niedriger als noch vor fünf oder zehn Jahren, denn das Angebot ist noch mehr gestiegen als die Nachfrage. Im Jahr 2014 kostete die Überquerung des Mittelmeers noch durchschnittlich 1500 Dollar (etwa 1377 Euro) pro Person. Nun ist der Preis teilweise auf 300 bis 400 Dollar gesunken.

Welche Auswirkungen hatte im vergangenen Jahr der Übergang von der umfassenden Seenotrettungsoperation "Mare Nostrum" zur weit restriktiveren "Triton"-Mission der Europäischen Union?

Reitano: Durch "Mare Nostrum" sanken die logistischen Einstiegskosten in den Markt signifikant. Das Ziel war nur noch, die Flüchtlinge auf internationale Gewässer zu bringen – lediglich zwölf anstelle von 160 Seemeilen, danach übernahm die italienische Küstenwache. Die Schlepper gingen nicht mehr mit an Bord, sie luden die Migranten auf billige Boote, gaben ihnen ein Telefon und sagten: "Nach vier Stunden ruft ihr diese Nummer an."

Die finanzielle und technische Einstiegsbarriere ist weggefallen, wie auch das persönliche Risiko der Schmuggler. Man braucht keine Boote mehr für 200.000 Dollar (etwa 183.000 Euro). So ziemlich jeder, der ein seetaugliches Fahrzeug in die Hände bekommt, konnte in dieses Geschäft einsteigen. Trotz des Übergangs von "Mare Nostrum" zur "Triton"-Mission der Europäischen Union setzen viele Schleuser weiter auf unsichere Boote. Entsprechend sind auch die Preise gefallen.

Das klingt nach einem enormen Konkurrenzdruck.

Reitano: Ja, der herrscht schon auf dem Landweg. Der Transport von Flüchtlingen durch die Sahara geschieht meistens in Fahrzeugkolonnen. Einzelne Rekrutierer werden aber nur aufgenommen, wenn sie mindestens 25 Flüchtlinge mitbringen. Das führt dazu, dass unterschiedliche Preise verlangt werden. Viele Syrer fliegen zum Beispiel in den Sudan, weil sie dort kein Visum benötigen.

Sie gelten als finanzkräftig, für den Transport zur nordafrikanischen Küste werden ihnen 3000 Dollar (etwa 2750 Euro) berechnet. Um den Pick-up-Truck aufzufüllen, werden noch Afrikaner hinzugenommen, denen teilweise nur ein Zehntel berechnet wird. Die Organisatoren des Konvois bekommen einen prozentualen Anteil, sie sind die mächtigsten Akteure in diesem Geschäft.

Ist es ein zentralisiertes Netzwerk?

Reitano: Nein, die Schiffsbesitzer und Schmuggler im Landesinneren sind in der Regel nicht miteinander verbunden. Oft sind es aber Leute der gleichen ethnischen Gruppe und Sprache. Und es etablieren sich natürlich jene Schmuggler, die schon einige Jahre auf dem Markt sind und deren Transporte vergleichsweise sicher abliefen. Das geht mit einer Stärkung krimineller Netzwerke einher, die wir bislang nicht erlebt haben. Die organisierte Kriminalität, deren einträglichstes Geschäft die Migranten sind, hat eine zunehmend destabilisierende Wirkung in einigen Ländern Nordafrikas. Wir müssen uns um das Problem kümmern, alleine schon um einzelne Friedensprozesse nicht zu gefährden.

Wie groß ist die Bereitschaft in Afrika, den Flüchtlingsstrom zu unterbinden?

Reitano: Sehr gering. Er schadet den Ländern ja meistens nicht. Die Zahlungen aus der Diaspora an Familienmitglieder in der Heimat sind ein großer Bestandteil der Volkswirtschaft in vielen afrikanischen Ländern, es hat also durchaus Vorteile, wenn die Zahl der Auswanderer wächst. Und im Niger basieren ganze Städte auf der Schleuserei. Wenn man dort diese Netzwerke aufbricht, fällt die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung weg. Lokale Politiker wollen das natürlich vermeiden, zumal im Niger in diesem Jahr gewählt wird.

Destabilisieren sich die Länder damit nicht selbst?

Reitano: Doch, in Mali werden die Tuareg durch den Schmuggel reicher, sodass sie nicht auf die Angebote eingehen müssen, die ihnen bei den aktuellen Friedensverhandlungen gemacht werden. Mit den Einnahmen finanzieren sie ihren Unabhängigkeitskampf. Das ist einer der Gründe, warum die Verhandlungen scheitern. In Libyen herrscht die gleiche Dynamik. Wenn man reich und mächtig durch den Status quo wird, warum sollte man dann Kompromisse eingehen?

Wie hat die Syrien-Krise den Markt verändert?

Reitano: Fundamental. Die Syrer haben die Geschichte der Migration verändert wie keine andere Gruppe zuvor. Sie stellen mit 20 Prozent den größten Anteil, sind aber vor allem weit finanzkräftiger als afrikanische Flüchtlinge. Sie haben ganz andere Möglichkeiten, mit den Schmugglernetzwerken zu verhandeln, und tauschen auch intensiver Informationen über soziale Netzwerke im Internet aus. So haben sich die zunehmend chaotischen Zustände in Libyen rumgesprochen, Syrer wählen fast nur noch den Weg über Ägypten und die Balkanroute. Im Moment sind es fast nur Menschen aus Subsahara-Afrika, die über Libyen reisen.

Werden die Flüchtlingszahlen dauerhaft sinken?

Reitano: Die Zahlen aus Syrien werden hoch bleiben, solange der Krieg dort andauert. Aber in Westafrika sinken sie etwas. Hier ist der Landweg besonders gefährlich. In nahezu allen 200 Interviews mit Migranten war von unzähligen Leichen in der Wüste die Rede. Eine unserer Quellen im italienischen Innenministerium berichtete, dass Hunderttausende Menschen in den vergangenen Jahren bei der Flucht durch die Wüste gestorben sind – weit mehr als bei der Seeüberquerung.

Werden die im vergangenen November von der Europäischen Union versprochenen zusätzlichen Milliarden für Afrika zu weniger Flüchtlingen führen?

Reitano: Nein. Zum einen handelt es sich bei diesem Nothilfe-Treuhandfonds in vielerlei Hinsicht um umetikettiertes Geld. Zum anderen ist das Ziel, die Wurzeln des Problems zu adressieren, die Lebensumstände in Afrika. Das wird in absehbarer Zeit keine Ergebnisse hervorbringen. Es ist vorgesehen, dass die Sicherheitskräfte ausgebildet werden. Aber wir wissen, wie kompliziert diese Aufgabe ist, die Mittel werden kaum ausreichen. Zudem gehören viele der Flüchtlinge, die wir interviewt haben, nicht zu den Ärmsten der Armen, sondern nach örtlichen Maßstäben zur Mittelschicht. Sie sind damit nicht Zielgruppe der klassischen Entwicklungszusammenarbeit. Zu diesem Problem gibt es bislang kaum Forschung.

Welche Lösungsvorschläge haben Sie?

Reitano: Migration kann nicht unilateral gemanagt werden, jede Entscheidung hat heute weit über die Grenzen reichende Auswirkungen. Der Fokus muss weit mehr als bislang auf gemeinsamen strategischen Entscheidungen liegen, und das betrifft Regierungen in Ursprungs-, Transit- und Zielländern. Es wird ein System benötigt, in dem sich Asylantragssteller in der Nähe von Konfliktzonen registrieren lassen können und ihren Anspruch prüfen lassen können.

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