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"Wir haben noch zwei Jahre" In Russland geht die Pleite-Angst um

Der Rubel ist ebenso im freien Fall wie der Ölpreis. Russlands Wirtschaft steckt in der Krise. Experten sehen das Land am Rand der Pleite. Die Politik von Wladimir Putin könnte das radikal ändern.

Eine Begründung lieferte sie nicht. Musste sie auch gar nicht. Allen ist klar, warum Elvira Nabiullina ihren Besuch beim Weltwirtschaftsforum in Davos in letzter Minute abgesagt hat. In den Schweizer Alpen diskutieren sie über die Zukunft Europas in der Flüchtlingskrise, und die Chefin der russischen Notenbank sollte eine Rede zum globalen Schuldendilemma halten – für Nabiullina aber alles Randthemen. Die Frau hat in Moskau ganz andere Sorgen: Sie muss den Ruin ihres Landes aufhalten.

Elvira Nabiullina. (Foto: picture alliance / dpa)

Mitte der Woche war der Rubel in den freien Fall übergegangen und hatte am Donnerstag ein historisches Tief markiert. Zwischenzeitlich mussten fast 86 Rubel für einen Dollar gezahlt werden. Die Situation drohte vollends außer Kontrolle zu geraten, und Nabiullina blieb nichts anderes übrig, als zu Hause zu bleiben.

Der abgesagte Davos-Trip der Notenbankerin bestärkte die globale Wirtschafts- und Politelite in ihrem Gefühl, dass Russland nur noch wenig Zeit bleibt, um einen Bankrott abzuwenden. "Sollte es der Kreml nicht schaffen, bald die westlichen Sanktionen aus dem Weg zu bekommen, ist das Land in 18 Monaten am Boden", sagt Bill Browder, Gründer der Anlagegesellschaft Hermitage Capital Management.

Mehr zum Thema: Die Ölwelt ist völlig aus den Fugen

Das Land befände sich in einer prekären Situation. Durch den historischen Verfall des Ölpreises nehme es mit seinem wichtigsten Wirtschaftsgut immer weniger ein, zugleich gingen die Reserven zur Neige. Beobachter sehen bereits einen Ölpreis von 70 Dollar als kritische Grenze für Russlands Stabilität. Mit Notierungen, die weniger als bei der Hälfte liegen, und wenig Hoffnung, dass sich die Preise bald wieder deutlich erhöhen werden, ist die Lage ernst. Sehr ernst.

(Foto: Infografik Die Welt)

Das lässt sich auch am Rubel ablesen. Seit 2014 hat die russische Währung ihren Wert mehr als halbiert und steht damit schlechter da als Argentinien, das sich immer noch im Zustand des Staatsbankrotts befindet. Gleichzeitig schrumpften die Devisenreserven um nahezu ein Drittel. "Das Land und seine Unternehmen haben harte Devisenschulden von 600 Milliarden Dollar, aber nur 200 Milliarden Dollar an Reserven", sagt Browder. 

Die offiziellen Devisenreserven von 368 Milliarden Dollar seien mindestens um 150 Milliarden geschönt. Darunter falle etwa die Drei-Milliarden-Dollar-Anleihe, die die Ukraine dem Land schuldet, deren Rückzahlung Kiew aber verweigert. "Gelingt dem russischen Präsidenten nicht bald ein diplomatischer Erfolg mit dem Westen, ist die Putin-Show spätestens Ende 2017 zu Ende", sagt Browder.

Browder mag zu den größten Russland-Kritikern zählen und befangen sein. 2005 wurde er aus dem Land geworfen, 2007 seine Firma liquidiert. Sein Anwalt Sergej Magnitski starb zwei Jahre später unter ungeklärten Umständen in Untersuchungshaft in Moskau. Seither führt der ehemalige Putin-Fan Browder eine Kampagne gegen den Kreml. Allerdings ist die pessimistische Haltung gegenüber Russland eine der wenigen, auf die sich die globale Elite in Davos in diesem Jahr einigen kann.

Und die russische Delegation vor Ort konnte die Sorgen nicht zerstreuen. Im besten Sowjetsprech erklärte der stellvertretende Premier Juri Trutnew, dass sein Land auf dem Weg nach vorn weitere Reformen umsetzen müsse. Etwas deutlicher wurde schon der ehemalige Finanzminister Alexej Kudrin. "Wir haben noch zwei Jahre, um die soziale Lage in der Bevölkerung unter Kontrolle zu halten."

(Foto: Infografik Die Welt)

Die Zeit wird knapp

Andere Experten geben dem Land nicht mehr so viel Zeit. Seit 2014 schrumpft der Lebensstandard der Menschen ständig. Doch Putins Erfolg basierte nicht zuletzt auf einem sozialen Kontrakt, der wachsenden Wohlstand in Aussicht stellte. "Wegen des Drucks im Inland muss Putin riskante Manöver wagen", sagte der Milliardeninvestor George Soros dem Finanzdienst Bloomberg. Nur so sei sein Eintritt in den Krieg in Syrien zu erklären.

Mit den Bombardements könne er indirekt auch Europa destabilisieren. Denn Putin habe mit damit neue Flüchtlinge "produziert", die nun auf den Kontinent drängen. "Putin möchte die EU kollabieren sehen, deshalb will er die Flüchtlingskrise verschärfen", sagt Soros. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass Putin mit uns spielt."

Browder würde dem wohl zustimmen. Putins Syrien-Einsatz sieht er als Druckmittel, um endlich aus der internationalen Isolierung herauszukommen und sich an den internationalen Kapitalmärkten wieder dringend benötigtes Geld zu besorgen. "Der Krieg kostet ihn zwar zusätzliche Summen, aber er will damit erreichen, dass Europa bei den Sanktionen einknickt."

(Foto: Infografik Die Welt)

Rückt Putin von Assad ab?

In Davos wird deutlich, dass die Spieltheorie Einzug gehalten hat in die Politik. Wie auf einem Schachbrett werden Strategien entwickelt. Und viele Staaten schaden sich da auch erst einmal mal selbst, weil sie hoffen, damit ihren Gegner später vom Feld zu fegen. Das ist im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran zu beobachten, aber eben auch zwischen Russland und dem Westen.

Doch möglicherweise hat Putin bereits die Nerven verloren. Am Freitag berichtete die "Financial Times", dass der russische Präsident dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad den Rücktritt nahegelegt habe. Und auch im Konflikt mit der Ukraine agiert der Kreml offenbar versöhnlicher, wie der amerikanische Außenminister John Kerry in Davos sagte.

Daraufhin schoss der Rubel wieder um fünf Prozent in die Höhe. Händler spekulierten, dass es Putin vielleicht doch noch gelingen könnte, das Korsett der Sanktionen zu sprengen. Die russische Zentralbankerin Nabiullina kann erst mal durchatmen, aber eine lange Pause wird das nicht.

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