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Schwarzarbeit in Deutschland Wie Flüchtlinge den "Arbeiterstrich" aufmischen

Die Neuankömmlinge in Deutschland drängen nicht nur auf den regulären Arbeitsmarkt. Auch auf dem Schwarzmarkt werden die Karten neu gemischt. Ein Besuch auf dem "Arbeiterstrich" von Köln-Ehrenfeld.

Kalil ist geschickt, das sagt er jedenfalls von sich selbst. Er lacht verlegen und schaut auf seine Hände. "Diese Hände", sagt er, "können gut arbeiten." Eigentlich will er Automechaniker werden. Als er noch in Syrien war, habe er häufig mit seinem Vater an Autos herumgeschraubt, erzählt er in einem "Starbucks" in Köln. Er habe als Jugendlicher auch häufiger beim Renovieren geholfen. Deshalb hat seine Tante, die seit Jahren in Deutschland wohnt, ihm schon mehrere Jobs vermitteln können. Zum Beispiel den im November in einem Privathaus, wo er zusammen mit zwei Libanesen Fliesen verlegt hat. Für knapp sechs Euro die Stunde, eine Woche lang.

Kalil, der eigentlich anders heißt, ist seit fünf Monaten in Deutschland. Er gehört zu den über eine Million Flüchtlingen, die 2015 ins Land kamen. Und er ist einer von vielen, die sich schwarz Geld dazuverdienen.

Der renommierte Schwarzarbeitsforscher Friedrich Schneider, Ökonomieprofessor an der Universität Linz, schätzt, dass für rund 400.000 Flüchtlinge in Deutschland ein Anreiz zur Schwarzarbeit bestehe. Das wäre die Hälfte all jener, die entweder im laufenden Asylverfahren sind – rund 365.000 Menschen – oder die noch gar nicht registriert wurden. Einsatzorte sind Großbaustellen, Privathäuser, Großküchen oder Sicherheitsdienste. Schwarzarbeit boomt offenbar insgesamt, seit der Mindestlohn Anfang 2015 eingeführt wurde.

Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen schätzt, dass der Mindestlohn im vergangenen Jahr die Schattenwirtschaft um 1,5 Milliarden Euro wachsen ließ. Dies habe auch einen Effekt auf den Niedriglohnsektor, sagt Schwarzarbeitsforscher Schneider. "Etwa zehn bis 15 Prozent aller Jobs für Ungelernte geraten dadurch in Gefahr." Durch die Flüchtlinge wachse der Schwarzarbeitssektor nun noch weiter – was offenbar nicht nur Nachteile hat.

Auf dem "Arbeiterstrich" nicht willkommen

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat das Thema auf dem Schirm. Es beauftragte nach Informationen der "Welt am Sonntag" den Zoll, der dafür zuständig ist, Schwarzarbeiter aufzuspüren, mit einer Sonderauswertung. Seit Anfang Dezember müssen die Zollbeamten ans BKA melden, wenn Schwarzarbeiter Asylbewerber sind. Man sammele die Daten für den von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) beauftragten Lagebericht "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung", heißt es beim BKA.

Der klassische Anbahnungsort für Schwarzarbeit auf dem Bau sind die sogenannten Arbeiterstriche, die es in allen großen Städten gibt und die bislang von Osteuropäern dominiert werden. Bauherren fahren mit Kleinlastern vor, verhandeln über den Stundenlohn und lassen dann vielleicht einen Mann, manchmal zwei einsteigen. Auf dem Arbeiterstrich in Köln-Ehrenfeld, der nahe einer großen, belebten Straßenkreuzung liegt, stehen meistens Männer aus Bulgarien und Rumänien. Auch an diesem Morgen im Januar. Acht Männer in dicken Winterjacken warten vor der Bäckerei und nähern sich neugierig.

Der Mann, den sie hier "Chef" nennen, klein und kräftig, etwa Mitte 40, mit schwarz-weiß-karierter Wolljacke, ist auskunftsfreudig. Es kämen immer wieder syrische Flüchtlinge hierher, erzählt er. "Die wollen sich zu uns stellen, aber ich sage dann: Haut ab!" Es gehe um den Ruf des Standorts. Schließlich wisse man nicht, ob so ein Syrer ordentlich arbeite, und wenn nicht, falle das auf ihn und seine Männer zurück. Und dann sorgt er sich noch um die Ordnung. "Die Polizei kennt die Gesichter hier, die lässt uns in Ruhe. Wenn jetzt neue Leute kommen, vielleicht machen die was mit Drogen oder Prostitution", meint er.

Flüchtlinge zerstören die Preise

Die Sorge um das wackelige Gleichgewicht, das sich um den Arbeiterstrich eingependelt hat, ist berechtigt. Erfahrungen aus anderen Ländern, die in den vergangenen Jahren große Flüchtlingswellen zu verdauen hatten, zeigen: Vor allem alteingesessene Schwarzarbeiter müssen um ihre Auftragslage fürchten. In der Türkei etwa, belegte eine kürzlich veröffentlichte Analyse der dortigen Zentralbank, hat der Zustrom von 2,2 Millionen Syrern seit 2011 dazu geführt, dass die bisher im Land Lebenden seltener illegale Jobs finden.

Das bestätigt Forscher Schneider. "Die Flüchtlinge sind bereit, für fünf Euro die Stunde oder weniger zu arbeiten, das machen andere Schwarzarbeiter nicht", sagt er. Somit, schätzt er, brächten die Neuankömmlinge drei von zehn bisherigen Schwarzarbeitern um ihre Einkünfte. Andererseits würden für fünf Euro pro Stunde auch Arbeitsverhältnisse zustande kommen, die es sonst nicht gäbe, etwa Hilfsarbeiten in Küchen.

In Deutschland drehte sich die Debatte bisher um die Effekte für den regulären Arbeitsmarkt. Laut einer Mitte des Monats veröffentlichten Umfrage der Bundesagentur für Arbeit entscheiden sich viele Neuankömmlinge, sobald ihr Asylantrag genehmigt ist, eher für Hilfsarbeiterjobs mit Monatseinkommen um die 1500 Euro als für Ausbildungen. Auch das führt, wie Schwarzarbeit, zu mehr Wettbewerb um Niedriglohnjobs.

Schwarzarbeit gut für die Volkswirtschaft

Doch es nutze der Wirtschaft auch, wenn Flüchtlinge Gelegenheitsjobs annähmen, statt untätig im Asylbewerberheim zu sitzen, sagt Schneider. Denn 80 Prozent der Flüchtlinge gäben das verdiente Geld schnell wieder aus, etwa für neue Winterjacken. Schwarzarbeit wird so zum Schmierstoff für die Volkswirtschaft.

Auch Kalil hat sich eine neue Jacke gekauft, eine dicke gesteppte mit Pelzkragen. Er wolle aber auch, sagt er, so schnell es gehe, seinen Eltern Geld schicken. 2500 Euro hatten die Eltern gespart und ihm mitgegeben, als er vor einem Jahr in Syrien aufbrach. Allein 1300 Dollar hat er einem türkischen Schlepper für die Überfahrt nach Griechenland bezahlt. Von den 330 Euro, die er pro Monat von der Landesregierung bekommt, kann er kaum etwas sparen.

Kalil rechnet vor: Er könnte zwar während seines Asylverfahrens um eine "Erlaubnis zur Ausübung einer Beschäftigung" bitten und sich damit einen Minijob suchen. Aber so könnte er maximal 450 Euro im Monat verdienen, und die 330 Euro vom Amt fielen dann weg. Mit illegalen Zusatzjobs dagegen kommt er auf rund 1000 Euro im Monat. Außerdem, sagt er, habe kaum einer seiner Bekannten über den offiziellen Antrag einen Job gefunden.

Anwerbung direkt vor dem Flüchtlingsheim

Seine Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen einer Studie des ifo-Instituts vom November. Demnach sehen 59 Prozent von rund 3000 befragten Firmen bei Flüchtlingen sogar als Hilfsarbeiter kaum Chancen. Die Gründe seien neben der Nachrangigkeit – bei gleicher Eignung müssen Arbeitgeber Bundesbürger einstellen – die vermutete geringe Qualifikation und Sprachbarrieren.

Stattdessen werben einige Auftraggeber Flüchtlinge gezielt als Schwarzarbeiter an, häufig vor den Asylbewerberheimen. So berichtet es eine Sozialarbeiterin, die geflüchtete junge Männer betreut. Susanne Rabe-Rahman, Leiterin des Bereichs Integration und Migration bei der Caritas in Köln, sagt: "Die Männer erzählen immer wieder, dass sie angesprochen werden, ob sie arbeiten wollen – als Umzugshelfer, auf dem Bau, als Prospekt-Austräger oder als Hilfsarbeiter in Restaurantküchen."

Und das sei keine Kölner Besonderheit, sondern in Großstädten gängige Strategie von Auftraggebern, die billige Arbeitskräfte suchten. "Da werden teils Stundenlöhne von zwei bis sechs Euro angeboten", sagt Rabe-Rahman. Viele junge Männer griffen zu, weil ihnen nicht bewusst sei, dass sie sich damit Ärger einhandeln könnten.

Flüchtlinge seien für windige Auftraggeber auch aus einem anderen Grund attraktiv, sagt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK: "Die Menschen kommen aus Ländern, in denen es oft keine gesetzlichen Mindestlöhne und kein Arbeitsrecht gibt; sie wissen nichts über Pausenzeiten und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Sie beschweren sich also nicht über schlechte Arbeitsbedingungen."

Wunsch nach Tagesstruktur

Auch Kalil hat schon unter ziemlich heftigen Bedingungen gearbeitet. Kurz vor Weihnachten sortierte er in einer Recyclingfabrik zehn Tage am Stück im Akkord Plastikflaschen und Metalldosen. Zehn Stunden Arbeit täglich. Nachts habe er in einer Kammer in der Fabrik geschlafen, erzählt er, ohne Heizung. Immerhin: Er bekam knapp 400 Euro für zehn Tage.

Vielen geht es aber nicht nur ums Geld. Sami aus Berlin zum Beispiel. Der 21-Jährige floh aus Kobani in Syrien, seit zwei Monaten ist er in der Hauptstadt. Jede Arbeit würde er annehmen, sagt er. Er habe schon einmal ein paar Tage lang außerhalb von Berlin auf einer Baustelle gearbeitet, als Trockenbauer und Maurer. Mal gab es vier Euro die Stunde, mal fünf Euro. Einmal habe er sogar umsonst gearbeitet.

Dass offenbar viele Asylsuchende bereit sind, solche Jobs anzunehmen, hat wohl auch mit dem Wunsch zu tun, sich eine Tagesstruktur zu schaffen, wenn es an Angeboten wie Sprach- und Integrationskursen fehlt. Forscher Schneider findet, für die Wohlfahrt eines Landes sei es unter dem Strich deshalb gut, wenn Asylsuchende, die unterbeschäftigt seien und auf den Abschluss ihres Verfahrens warteten, schwarzarbeiten gingen.

"Wenn sie so ihre Zeit füllen, kommen sie nicht auf dumme Gedanken. Sie werden vermutlich weniger kriminell." Kalil in Köln etwa besucht einen Deutschkurs, aber der füllt nur den Vormittag – und wenn man in einem Flüchtlingsheim wohnt und sich mit drei anderen Männern das Zimmer teilt, bleibt immer noch genug Zeit, die man totschlagen muss.

In den kommenden Monaten, so erwarten es die Schwarzarbeitskontrolleure vom Zoll, dürfte sich das Phänomen schwarzarbeitender Flüchtlinge weiter ausbreiten. Genauer gesagt im Frühjahr, wenn die Baubranche wieder richtig loslegt und die Landwirte billige Helfer brauchen.

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