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Comeback von Sarah Palin Die Stimme des Irrsinns in Amerika

Sarah Palin ist schon lange die Stimme des "White Trash" in Amerika. Donald Trump eifert ihr nach und ist damit äußerst erfolgreich. Gemeinsam bilden sie nun ein bizarres und gefährliches Team.

Aus der beißenden Kälte der Ebenen Iowas kommen sie nach Ames, um einem Mann zu huldigen, den sie nach allen gültigen Klischees hassen müssten: Donald Trump, den elitären Narzissten und New Yorker Immobilien-Milliardär, der einst mit den Clintons befreundet war, für die Abtreibung und höhere Steuern eintrat und die Nöte der kleinen Leute in Amerika nicht einmal von seinen Türstehern und Toilettenfrauen kennt.

Doch Trump gibt dem Publikum in Iowa, was es will: Verachtung für Präsident Barack Obama und das politische Establishment. Weltpolitik erklärt er zum Sanierungsfall für einen Präsidenten Trump, der knallharte Deals mit Bombendrohungen durchsetzt. Und dann, am Ende seiner Standardrede, holt Trump die Art von Authentizität auf die Bühne, die er selbst nie und nimmer mitbringen kann. Die wahre Wut der Underdogs, den Opfersarkasmus einer White-Trash-Mama, die Amerikas Kreuze trägt. Es tritt auf: Amerikas einziger "Pitbull mit Lippenstift" – Sarah Palin.

Als Kampfhund hatte sie sich 2008 vorgestellt auf dem Parteitag der Republikaner, der sie zum Superstar salbte. Unter Trumps zufriedenem Grinsen stürmt sie jetzt das Podium, augenzwinkernd, feixend, in glitzernden Westernfransen und beißt und gibt Zunder wie früher. Nur Donald Trump liebe sein Land, und er werde sich nie (wie Obama) für Amerika entschuldigen, sondern "dem IS in den Arsch treten" ruft sie in den Jubel. Ihr schrill triumphierender Ton, an einen turbulenten Elternabend erinnernd, ist kalkuliert. Echtheit ist nicht moderat. 

Palin gibt die "Soccer Mum", die Job, Kinder, Männer managt und nie ein gutes Wort hört. "Doggone right!" ("Verdammt richtig!"), bellt sie, ha, und wirft trotzig den Kopf zurück, und "You betcha!" ("Kannste drauf wetten!"). All das kennt man von ihr. Neu ist etwas anderes: Plötzlich scheint es, als habe sie allen gefehlt in den Jahren ihrer politischen Abwesenheit. Und ihr Wiedererscheinen verkündet eine höhere Wahrheit über Donald Trump.

Ohne Palin kein Trump?

Sarah Palin steht für die Selbstauflösung der amerikanischen Politik in ihrem selbst gezüchteten Quatsch. Für die Möglichkeit, dass die populistischen Mythen den Staat an sich reißen, verkörpert in einzelnen bizarren Gestalten, denen die riesigen Schnittmengen von Aversion in der Bevölkerung Wucht verleihen.

Als der alte, geachtete Senator und Präsidentschaftskandidat John McCain sie vor acht Jahren zu seiner Vize-Kandidatin machte, konnte er sich nur geirrt haben: eine einstige Schönheitskönigin, 1964 in Idaho geboren, durch ein halbes Dutzend Colleges getaumelt, irgendwann zur Bürgermeisterin der 7000-Seelen-Stadt Wassila gewählt und 2006 zur Gouverneurin von Alaska aufgestiegen.

Was sie auch immer von sich gab, es verriet mal Brutalität, mal Bildungslücken, häufig beides. Dass McCain verlor, lag offenkundig auch an ihr, und damit schien sich das Phänomen Palin erledigt zu haben. Doch nun entwickelt sich das Phänomen Trump zu einem echten Machtfaktor. Und die Gescheiterte wirkt wie seine frühe Prophetin. Ohne Trump könnte Palin nicht wieder auferstehen. Aber ohne Palins Beispiel hätte es den Kandidaten Trump vielleicht nie gegeben. Jetzt schließt sich ein energiegeladener Kreislauf.

Die Medien reiben sich die Hände

Amerikas Kolumnisten und Kabarettisten können ihr Glück jedenfalls kaum fassen: Palins Comeback rechtzeitig zur ersten Vorwahl in Iowa am 1. Februar und dann noch ausgerechnet an der Seite Donald Trumps – das ist zu gut erfunden, um wahr zu sein. Hier die einstige Landpomeranze, dort der hyperurbane Geschäftsmann mit der Schwalbennestfriseur und der Gabe, alles und jeden zu beleidigen.

Dieses infernalische Kandidaten-Duo böte den Beobachtern fette Beute. Einstweilen ist es nur ein "endorsement" vonseiten Palins, eine Loyalitätserklärung mit ein paar gemeinsamen Auftritten. Aber was, wenn Trump bei den Vorwahlen gewinnt und seine Partei ihn widerwillig nominiert – und wenn dann Palin erneut ihre evangelikale Gefolgschaft verzückt und sich wieder als "running mate" des eigentlichen Kandidaten aufdrängt? Das wäre auch eine doppelte Beleidigung für das orthodoxe, reaganeske Establishment der Republikaner, das immer mehr an Einfluss verliert und Trumps Rechtspopulismus für eine opportunistische Maske hält.

Palins Verachtung für den Mainstream ihrer Partei hat sich nicht abgeschwächt. Die anderen republikanischen Kandidaten, zischt sie in Ames, während Trump breit grinst, seien erbärmliche Feiglinge, "die tragen ihre politische Korrektheit wie eine Art Sprengstoffgürtel". Geschmacklose Analogien, bauernschlauer Sarkasmus und der Verschwörungsverdacht gegen jede Elite zählen zu Palins Markenzeichen. 

Zu respektieren ist die Energie der Frau, die sich innerhalb weniger Jahre von der Lokalpolitikerin im größten Flächenstaat der USA mit kaum 700.000 Einwohnern zur Amazone der Tea Party aufschwang, Millionen verdiente mit Büchern, Naturfernsehserien wie "Amazing America" und einer Talk-Show beim erzkonservativen Kabelsender FoxNews. Zuletzt war es etwas still geworden. Beim Fernsehsender Fox war sie in Ungnade gefallen, als sie tat, was sie schon bei John McCain nicht lassen konnte: sich grandios selbst zu überschätzen und die Hand zu beißen, die sie füttert.

McCain, den sie bei Umfragen und Kundgebungen an die Wand spielte, begann ihr Mundwerk und ihre Ignoranz zu fürchten, als es zu spät war. Palin klagte später, das Team des Kandidaten habe sie "unter Verschluss" gehalten. Hätte man ihr nicht den Mund verboten, sie gezähmt, wäre die Wahl gewonnen worden. Roger Ailes, Präsident von FoxNews, hatte Palin nach der Niederlage zur Kommentatorin gemacht, "weil sie heiße Ware war und Einschaltquoten brachte". Als die Neuheit abkühlte und auch noch frech wurde, ließ Ailes sie fallen. 

Im Juli 2014 gründete sie ihren "Sarah Palin Channel"; doch der steht nun vor dem Ende und wird wohl auf Facebook verwurstet. Kein Mensch zahlt ihr mehr 100.000 Dollar für einen Auftritt. Donald Trump ist Palins Chance, ihren Marktwert zurückzugewinnen.

Gern bedient Sarah Palin Klischees, zum Beispiel das des wehrhaften Amerikas: Gastspiel mit Maschinengewehr bei den Navy-SEALs in Kalifornien. (Foto: Getty Images)

Es ist ein Fehler, Sarah Palin zu unterschätzen

Das konservative Boulevardblatt "New York Post" feierte den Doppelauftritt im Mittelwesten mit der Schlagzeile "Sarah, Donald make love in Iowa". Das linksliberale Gegenstück "Daily News" brüllte auf seinem Titel "I'm with stupid!" – wobei offenbleibt, ob Palin mit dem Blödmann zusammengeht oder Trump mit der Idiotin. Dass die Grande Dame des politischen Irrsinns ins Rampenlicht zurückkehrt, entzückt letztlich linke wie rechte Amerikaner. Denn langweilig war sie nie.

Am Tag vor ihrem Auftritt in Ames meldeten Regenbogenblätter die Festnahme von Palins ältestem Sohn Track, weil der betrunken mit seiner Waffe hantiert und seine Freundin bedroht haben soll. 2008 war es die Teenager-Schwangerschaft einer ihrer Töchter, die Palin zusätzliche Aufmerksamkeit sicherte. Für Fans war das endgültig der Ausweis, dass sie eine von ihnen ist; für ihre Verächter gehörte Palin samt ihren fünf Kindern und ihrem Gatten Todd, der einst Hundeschlittenrennen fuhr und nach Öl bohrte, zu einer Unterschicht, die nicht den amerikanischen Präsidenten hervorbringt.

Es ist ein Fehler, Sarah Palin zu unterschätzen. Auch wenn im Rückblick die fiebrige Erregung, mit der die US-Medien in den ersten Wochen ihrer Entdeckung alles berichteten, was Palin sagte und berührte, peinlich anmutet. Ihre schlichten Girl-Scout-Bekenntnisse zum gottgefälligen, erwählten Amerika waren Balsam für viele, ihr Wüten gegen Abtreibung und den vaterlandslosen Kommunisten Obama begeisterte den rechten Rand der Republikaner-Basis.

John McCain brauchte sie mehr als sie ihn, so schien es. Doch bald redete sie sich um den Verstand. Einmal trotzte sie Wladimir Putin von ihrem Heim im Frontstaat Alaska aus, von wo man Russland sehen könne. Sagte sie. Ein anderes Mal fiel ihr keine der Zeitungen ein, die sie in der Staatskanzlei angeblich las. An ihrer Eignung für das Weiße Haus hegte sie nie Zweifel. Den Ruf McCains, der sie aus der Obskurität befreite, bezeichnete sie als "natürlichen Schritt". Die weniger Gutwilligen überzeichneten sie als Nordlicht-Barbie, beschränkt und sexy, die Gucci nicht von Maccaroni und Platon nicht von Plutonium unterscheiden könne.

Alles nur Show?

"Es gibt kein besseres Trainingsgelände für die Politik, als Mutter zu sein", notierte Sarah Palin in ihren Memoiren. Sie wisse genau, wie das sei, mit goldenem Herzen und tiefem Glauben, aber wenig Geld, fünf Kindern und einem "Joe Sixpack"-Naturburschen zu leben. Warum der Nahe Osten brenne, könne man studieren, nicht aber die Urteils- und Leidensfähigkeit einer Mutter. Noch als Palin zwei Millionen Bände ihrer Autobiografie verkauft hatte, gab sie erfolgreich die klamme Walmart-Mama.

Irritierender war es, als ihre beliebten Alaska-Referenzen ins Zwielicht gerieten. Sie liebe es, erzählte sie im Wahlkampf, Elchfleisch-Burger zu braten, aus Hubschraubern auf Wölfe Jagd zu machen und Lachs zu fischen. Nichts davon stimme, behauptete ihr Beinahe-Schwiegersohn und Vater ihres Enkels, der nach dem Zerwürfnis mit den Palins schwor, die patriotische Naturfreundin könne keinen geraden Schuss abfeuern. Tatsächlich ziehe sie das Abenteuer von Seifenopern im Bett dem Naturerlebnis deutlich vor.

Als Sarah Palin im Oktober 2011 "nach vielen Gebeten" auf eine mögliche Bewerbung für die Präsidentschaftswahl im folgenden Jahr verzichtete, um sich "Gott, der Familie und der Nation" in dieser Reihenfolge zu widmen, hielt sich die Nachricht kaum eine Stunde lang im Geschwätz der Sender. Nun kehrt sie zurück. Wie Donald Trump spielt Palin Politik, statt sie zu treiben, beide kennen weder Skrupel noch Furcht. Der Hype macht sie reicher, selbst wenn sie verlieren. Dumm kann man das nicht nennen.

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