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"Graue Zone" in der Ukraine Ein Besuch bei Verzweifelten

In dem Dorf Kominternowe in der Ostukraine sind die Bewohner sich selbst überlassen. Kiews Armee hat sich zurückgezogen, die Rebellen verschanzen sich in Häusern. Die Menschen sind verzweifelt.

Wika wollte die Silvesternacht eigentlich im Kreise der Familie in Ruhe zu Hause feiern. Wenigstens am letzten Tag des Jahres. Doch daraus wurde nichts: Am Nachmittag setzte das Granatfeuer ein. Wika, ihr Mann und die beiden Töchter suchten im Keller Schutz. Mehrere Stunden dauerte der Beschuss. "So hat man uns hier gratuliert und ein neues Jahr gewünscht", sagt Wika traurig.

Ihr Haus liegt im ostukrainischen Dorf Kominternowe. Während sie das Haus hütet und als Verkäuferin in einem der beiden Geschäfte im Dorf arbeitet, haben ihr Mann und die beiden Töchter ihren Lebensmittelpunkt in die Küstenstadt Mariupol verlegt, die unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung steht. Er arbeitet dort als Fahrer, hat eine Wohnung gemietet, und die Töchter können zur Schule gehen.

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In Kominternowe können sie das nämlich nicht mehr, denn seit September 2014 ist das Schulgebäude geschlossen, weil das Dorf im Niemandsland liegt. Seit Ende Dezember die Donezker Rebellen einmarschiert sind, haben die Bewohner kaum noch einen friedlichen Tag. Erst vor zehn Tagen wurde ein Dorfbewohner von einem Granatsplitter schwer verletzt.

Die Menschen in diesem Frontdorf glauben den Versprechungen nicht mehr, die immer wieder von den sogenannten Friedensverhandlungen im weißrussischen Minsk in die Ostukraine dringen. Es sollte Waffenruhe herrschen, doch jeden Tag wird hier geschossen. Kominternowe liegt in der "Sicherheitszone", doch wenn es eins hier nicht gibt, ist es Sicherheit. Die Gegner stehen sich hier unmittelbar gegenüber und beschießen sich.

Kominternowe zählte einmal 1000 Einwohner, geblieben sind nur rund 250. Die meisten sind Rentner, die außer ihrem Haus nichts besitzen. Täglich klopfen die Nachbarn gegenseitig an ihre Türen, um zu prüfen, ob der andere noch lebt. Den Rentner Wassili Nesterow haben seine Nachbarn Ende Oktober auf dem Fußboden neben seinem Bett gefunden. Dem 74-Jährigen ging es schon am Vortag sehr schlecht, doch es gibt keinen Arzt mehr in der Nähe, und ins Krankenhaus konnte er auch nicht gebracht werden. Nesterow starb am nächsten Tag. Wika legte die Leiche in den Kofferraum ihres Wolga und fuhr über diverse Checkpoints nach Mariupol, um einen Totenschein zu erhalten.

Kominternowe liegt in der "grauen Zone". Die von Russland unterstützten Separatistentruppen hatten ihre Angriffe kurz vor dem Dorf gestoppt. Die ukrainische Armee zog sich nach Westen zurück und hinterließ nur abgebrannte Panzer am Ortseingang. Heute sind die letzten verbliebenen Einwohner sich selbst überlassen, keine medizinische Versorgung mehr, keine Verwaltung.

Das Nachbardorf Schirokino wurde vollständig zerstört

Die Einwohner reparierten defekte Strom- und Wasserleitungen selbst. Die Stromversorgung ist volatil, die Versorgung mit Lebensmitteln von den Launen der Soldaten an den Checkpoints abhängig. Wika kann manchmal am ukrainischen Checkpoint nur das Nötigste für die Einwohner in ihren Wolga laden, weil sie nach Mariupol nicht durchgelassen wird – Brot und Trinkwasser.

Am 22. Dezember standen plötzlich Schützenpanzer der Donezker Separatisten im Dorf. Die Rebellen verschanzten sich in verlassenen Häusern, die von der ukrainischen Armee verstärkt unter Feuer genommen wurden. Die Bewohner haben Angst, ihre Häuser zu verlassen, weil sie sich dann dem Krieg preisgeben würden.

Die Menschen in Kominternowe wollen nicht das Schicksal ihrer Landsleute im nur wenige Kilometer südlich liegenden Dorf Schirokino teilen, das praktisch ausradiert wurde. "Dort hat man die Bewohner evakuiert und alles zerstört", sagt der 52-jährige Wladimir, dem es egal ist, auf welcher Seite der Front er am Ende stecken werde, Hauptsache, sein Haus wird nicht zerstört. "Der Donbass wird einen Sonderstatus bekommen", ist er überzeugt, "Russland selbst sagt, dass der Donbass zur Ukraine gehören soll."

Bewaffnete Separatisten versperren den Eingang zu einem von ihnen besetzten Haus in Kominternowe. Selbst die OSZE-Beobachter wurden nicht in dieses Haus gelassen. (Foto: Julia Smirnova)

Wladimir hofft, weil er aus den russischen Fernsehnachrichten weiß, dass die schwierige Wirtschaftslage Moskau offenbar dazu zwingt, eine Lösung für die Ostukraine zu finden. Der international rehabilitierte Iran kommt mit seinen immensen Ölreserven auf den Markt und sorgt für fallende Preise. Da kann sich Russland den Krieg im Donbass und die wirtschaftliche Versorgung der Separatistengebiete nicht mehr leisten.

Moskau möchte, dass die Sanktionen des Westens schnell aufgehoben werden und die Ukraine die finanziellen Lasten des Wiederaufbaus im Donbass trägt sowie die Rentenzahlungen der Menschen im Osten wieder übernimmt.

US-Außenminister John Kerry hat Russland eine Abmilderung der Sanktionen in Aussicht gestellt, wenn es sich an die Minsker Abkommen halte. Dann sei eine Umsetzung des Friedensvertrages "in den kommenden Monaten" möglich, sagte Kerry beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Besonders schwierig wird wohl die Rückübertragung der Kontrolle über die russisch-ukrainische Grenze an Kiew.

Tee und Himbeermarmelade gegen Grippe

Die Menschen von Kominternowe fühlen sich als Spielbälle von Politikern und Kommandeuren. "Sie müssen untereinander klären, auf welcher Seite wir bleiben", sagt die Einwohnerin Natascha. "Wir brauchen Frieden und normale Arbeit. Die Politik können wir nicht beeinflussen." Wika sagt, die vergangenen Tage im Dorf seien ruhig gewesen, es sei nicht geschossen worden.

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Der Weg nach Mariupol ist gesperrt. "Ich sitze jetzt im leeren Laden, weil die Waren nicht geliefert werden können", sagt sie. Wikas Töchter müssen einen Umweg von rund 80 Kilometern fahren, um wieder zur Schule nach Mariupol gehen zu können. "Und wir versuchen, uns hier mit Tee und Himbeermarmelade gegen die Grippe zu schützen."

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